Neustadt
Stiftskantorei am Karfreitag: Im Zeichen des Kreuzes
Wer an Karfreitag nach Darbietungen eines Passionsoratoriums von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach oder Dietrich Buxtehude, mithin das opulente, mit Solistenaufgebot, Chor und Orchester ausstaffierte Konzerterlebnis suchte, konnte in der Region mühelos vielfach fündig werden. Bezirkskantor Simon Reichert indes hatte sich diesmal für das im Kalender der Neustadter Stiftskantorei fest verankerte Datum eine – rein besetzungstechnisch – weniger aufwendige Variante entschieden; ein Motettenkonzert, das ganz wesentlich auf den Schultern der – vor allem in den Männerstimmen! – wunderbar erstarkten Stiftskantorei ruhte. Pardon – „ruhte“ ist da sicher die falsche Vokabel, denn einen solch gemächlichen Modus gestattete das Programm dem hochengagiert musizierenden Ensemble in keinem Moment.
Inhaltlich lud die sinnfällig arrangierte Werkfolge ein zur Betrachtung des Kreuzes als signifikantes Zeichen dieses besonderen Tages, der zumindest in evangelischer Lesart an ganz exponierter Stelle steht. Vor allem aber ging es um die Doppeldeutigkeit, die Dialektik in der Botschaft des elementaren Symbols christlichen Glaubens – einerseits Zeichen einer grausamen Vernichtung, eines schmachvollen Todes; gleichzeitig aber Fanal der Auferstehung und Pforte zum ewigen Leben.
Chromatische Schmerzenslinien
Simon Reichert hatte dafür drei zeitgenössische Werke ausgewählt – „O Crux“ des Norwegers Knut Nystedt, ein „Stabat mater“ des Nystedt-Schülers Trond Kverno und Frank Martins archaisches „Agnus Dei“, vor genau 100 Jahren komponiert und wie er selbst einmal kundtat, „eine Angelegenheit nur zwischen Gott und mir“. Drei Kompositionen jedenfalls, die jede auf ihre sehr originäre Weise die Dualität der Kreuzmotivik in Klang zu gießen suchen. Dichte Cluster, chromatische Schmerzenslinien, gepaart mit sphärischer Weltflucht, hin in ein befreites Elysium.
Das alles schickte die vorzüglich vorbereitete Stiftskantorei in zuweilen klangmächtiger Vehemenz und prägnanter Deklamation in den proper besetzten Kirchenraum. Die Register durchmischte Aufstellung beförderte sowohl den souveränen Umgang mit dem eigenen Part als auch die intonatorische Geschlossenheit. Und die Chorgemeinschaft bewegte sich trittsicher und überaus konzentriert durch die harmonisch teils schwergängigen Konvolute, reagierte achtsam auf die dynamischen Vorgaben vom Pult und ließ auch dem Text die notwendige Klarheit angedeihen.
Stimmliches Großaufgebot
Ummantelt hatte Reichert die moderne Tonfolge mit zwei signifikanten Werken des Barock – von Heinrich Schütz die sechsstimmige Motette „Das ist je gewisslich wahr“ und Johann Sebastian Bachs Motette „Jesu, meine Freude“, die dem Abend den Titel gab. Auch diese beiden Großwerke des Genres hatte Simon Reicherts großes Ensemble sicht- und hörbar perfekt verinnerlicht. Freilich – wer die lichten, durchsichtigen Wiedergaben in historisch informierter Aufführungspraxis im Ohr hat, musste sich in das stimmliche Großaufgebot erst einmal hineinhören. Der betörende Klangrausch ging notgedrungen zu Lasten von Kontur und Transparenz. Aber man kann das so machen, und die Kantorei übermittelte ihre Botschaft zudem so frisch und engagiert, dass man die stilistische Mäkelei gerne mal hintanstellte.
„Jesu, meine Freude“, eine der sechs Sterbe-Motetten Bachs, die hinsichtlich Notentext, stimmtechnischen Anforderungen und energetischer Kraft etwa auf Augenhöhe mit der h-Moll-Messe rangieren, stellt für Laienchöre eine gewaltige Herausforderung dar. Das beginnt schon mit der Intonation, die über elf Strophen nicht absacken darf. Reichert ließ als aparte klangliche Farbe die Laute und vor allem die Orgel als Continuo mitlaufen, was gewiss auch dem historischen Gebaren entspricht. Denn Bachs meist geringe Alumnen-Schar führte bei Friedhofseinsätzen stets ein kleines Portativ mit sich.
Ausgewogener Gesamtklang
Der Gesamtklang, ausgewogen quer durch die Register, entfaltete sich allein schon durch die drastische Rhetorik des Textes – „Feinde, Satan, Sünd und Hölle, alter Drache“ – wie beschrieben in zuweilen aggressiv herausfordernder Opulenz, momentweise geriet auch mal die Koordination der Register etwas aus den Fugen („Es ist nun nichts“/ „So nun der Geist“); aber das ist marginal angesichts der Meisterschaft, wie beispielsweise auch die empfindliche Mittelfuge („Ihr aber seid nicht fleischlich“ ) sich organisch entfaltete.
Die beiden Trio-Sätze und das ebenfalls dreistimmige „Gute Nacht“, über dem sich der Cantus Firmus der Chor-Altistinnen ausspannte, hatte Simon Reichert mit Solisten aus den Reihen der Kantorei besetzt; Thalia Johannes und Feli Wehner, Sopran, Katharina Beimborn, Alt, Christoph Siegler, Tenor, Jonas Ermuth und Markus Rheinwald, Bass, bewältigten ihre Parts jeweils untadelig. Und so bildeten die schlicht, ohne ausladendes Pathos vorgetragenen Zwischensätze einen willkommenen Kontrast zum prachtvoll ausladenden Chorgeschehen.
Virtuose Solisten
An der Edskes-Orgel lieferte der begleitende Frankfurter Orgel-Professor und Konzertorganist Stefan Viegelahn den Vokalisten ein stabiles Fundament. Eine ganz wunderbare klangliche Pointe dazu steuerte der schwedische Lautenist Simon Linné bei. Beide Instrumentalisten waren auch solistisch stringent in den thematischen Kontext eingebunden. So zelebrierte Linné mit seinem Lautenspiel Johann Sebastian Bachs (vermutlich für Cembalo geschriebenes) episches BWV 998 – Präludium und Fuge – wie einen aus der Zeit gefallenen Moment meditativer Einkehr, angereichert mit allen denkbaren Finessen virtuosen Fingerspiels.
Stefan Viegelahn schöpfte mit den Choralbearbeitungen von Ernst Pepping (O Haupt voll Blut und Wunden“), Bach („O Lamm Gottes“) und Matthias Weckmann („Ach, wir armen Sünder“) das reiche Farbenspektrum der herrlichen Barockorgel inspiriert und lustvoll, dabei stets geschmackvoll, aus. Beharrlicher, hochverdienter Beifall.