Neustadt
Stadt rechtfertigt umfangreiche Rodungen
Ulli Zabel muss das Gefühl eines Déjà-vu gehabt haben. Er sei vor einigen Tagen dabei gewesen, die Obstbäume auf der KKG-Streuobstwiese zu schneiden, als ihn „wieder der Lärm diverser Motorsägen aufgeschreckt“ habe, berichtet er. Bereits im November wurde er dort Zeuge, wie eine Flügelnuss auf der Dr.-Welsch-Terrasse gefällt wurde, was ihn empörte. Von der Stadt hieß es seinerzeit, der Baum sei der dauerhaften Sicherung der Sandsteinmauern im Wege gewesen. Die Mauern werden im Zuge der Ausrichtung der Landesgartenschau (LGS) saniert.
Dieses Mal waren die Arbeiter allerdings nicht auf der Dr.-Welsch-Terrasse, sondern innerhalb des Grundstücks zwischen Kübelweg und Burgweg dabei, Gehölze abzusägen. Die Arbeiten hätten die ganze Woche angedauert, berichtet Zabel, um den Umfang der Fällungen deutlich zu machen. Dabei handele es sich bei der Gehölzfläche doch um ein Wildgehölzbiotop mit einer großen Bedeutung unter anderem für die Vogelwelt. Daher stellt sich ihm die Frage nach dem Grund der Fällungen. „Ich habe leider den Eindruck, dass die Gehölzrodungen nur aus optischen Gründen vorgenommen wurden, eine Maßnahme zur Vorbereitung der LGS“, schreibt er.
Stadt: „Gefahrenbäume gefällt“
Doch diesem Eindruck widerspricht die Stadt: Bei den Baumfällungen unterhalb der Dr.-Welsch-Terrasse handele es sich um dringend notwendige Verkehrssicherungsmaßnahmen, teilt Stadtsprecher Tobias Grauheding auf RHEINPFALZ-Anfrage mit. Am Steilhang oberhalb des Burgwegs und des Gymnasiums „wurden Gefahrenbäume, vor allem abgestorbene Robinien, gefällt“. Grauheding verweist auch darauf, dass die Stadt die Maßnahme Mitte Februar angekündigt hat. Mit der Landesgartenschau und mit optischen Gründen habe sie nichts zu tun. Die Arbeiten seien von der Unteren Naturschutzbehörde/Artenschutz betreut worden. Dabei sei darauf geachtet worden, dass natur- und artenschutzrechtliche Belange eingehalten wurden.
Grauheding erklärt auch, warum die Stelle so heikel ist. Die Böschung am Burgweg, der alten Verbindung zwischen der Altstadt und der Burg Winzingen (heute Haardter Schloss), ist demnach eine uralte Löss-Abrisskante, die schon auf den ältesten Stadtansichten aus dem 17. Jahrhundert zu sehen ist. Die Böschung ist bis zu 15 Meter hoch. Darüber liegen ehemals weinbaulich genutzte Terrassen. Der Weinbau wurde dann ab etwa 1960 aufgegeben und andere Pflanzen machten sich breit. Neben standorttypischen Baumarten wie Eichen und Feldahorn kamen dort viele Robinien auf.
In den vergangenen Jahren sei aber der größte Teil der Robinien auf diesem Trockenstandort abgestorben, teilt Grauheding mit. „Um das Herabstürzen von Bäumen und Baumteilen in den Burgweg zu verhindern, musste verkehrssicherungsmäßig eingegriffen werden.“ Das sei in den vergangenen 20 Jahren schon zweimal erforderlich gewesen; seinerzeit seien etwa 15 große Robinien entnommen worden.
Robinien als Problem
Bei der aktuellen Arbeiten wurden demnach die letzten 25 Robinien oben auf der Böschungskante gefällt, die bereits abgestorben oder am Absterben waren. Um in das völlig verbuschte, problematische Gelände mit einem Steilhang und zwei Meter hohen Trockenmauern oberhalb zu den Gefahrbäumen zu kommen, hätten die beauftragten Firmen zunächst einmal den Zugang freilegen müssen. Bei dieser Gelegenheit seien auch die in der Böschung stehenden Robinien entnommen worden.
Dass es sich bei dem Gelände um ein wertvolles Biotop handelt, darin ist sich die Verwaltung mit Zabel einig: „Südexponierte Lössböschungen sind aus Naturschutzsicht hervorragende Biotope“, informiert der Stadtsprecher. Aber: Robinien würden hier als Problembaumart gelten, weil sie sowohl standortfremd sind, als auch den Boden über ihre Wurzelbakterien mit Luftstickstoff hochdüngen und dadurch standortheimische Vegetation verdrängen. „Wir hatten vor einigen Jahren ein Wildbienen-Gutachten für die Burgweg-Böschung anfertigen lassen, das eine weitgehende Freistellung der Böschung empfohlen hat“, berichtet Grauheding. Die in diesem Gutachten empfohlenen Pflegemaßnahmen (Ausmerzung der Robinien und des Windenknöterichs, Hangsicherungsmaßnahmen, Entwicklung eines Magerrasens, Freistellung der Steilwände von Efeu) sollen laut Stadt nach Möglichkeit in den nächsten Jahren umgesetzt werden. Derzeit werde geprüft, wie das Gelände dauerhaft gepflegt werden könnte sowie ob und welche Hangsicherungsmaßnahmen notwendig seien.
Grauheding erinnert auch daran, dass vor einigen Jahren Teile der Böschung abgebrannt seien, weil sich unter den Robinien die Grasart Taube Trespe ausbreite, die bereits im Frühsommer absterbe und so leicht Feuer fange. Die Trespen-Bestände sollen daher möglichst durch andere Vegetation ersetzt werden. Außerdem wurden zwischen Burgweg und Kübelweg Brombeeren und vom Pflaumen-Feuerschwamm, einer Pilzart, befallene Kirschpflaumen beseitigt. Die Bäume bleiben stehen. Die Beseitigung der Strauchschicht sei aber notwendig gewesen, um zur Baumkontrolle überhaupt die Bäume erreichen zu können. „Diese Fläche könnte in Zukunft beweidet werden“, berichtet Grauheding von Überlegungen in der Verwaltung.