Neustadt
Sopranistin Johanna Pommranz und das Capricornus-Ensemble in der Stiftskirche Als die Alte Musik noch ganz neu war
Makellos und mit hingebungsvoller Kraft präsentierten sich die Sopranistin Johanna Pommranz und das „Capricornus-Ensemble“ aus Stuttgart unter Leitung Henning Wiegräbes am Donnerstag mit virtuoser Musik des Frühbarock beim „Neustadter Herbst“ in der Stiftskirche.
Als verbindendes Motiv diente die „Seconda pratica“ – jene „neue“ Musik aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die Harmonie und Melos dem poetischen Ausdruck unterwirft und damit dem Wort gegenüber der Struktur höheres Gewicht verleiht. Zu den Produkten dieses Wandels zählen das Madrigal, die Monodie und schließlich die Oper. Auf halbem Weg zwischen den komplexen Geflechten der Renaissance und den Verdichtungen des Barock kreiste der Abend um italienische Sonaten und Kanzonen. Dabei öffnete sich, in der Kombination von geistlichem und weltlichem Prospekt, zwischen Vokal- und Instrumentalmusik, ein Panorama auf die vielseitige Musikszene im Norditalien der Epoche – ein außergewöhnliches Hörerlebnis.
Die Werke dieser feinen Auswahl stehen dabei noch mit einem Fuß in der alten Polyphonie, von der sie sich aber insbesondere durch die Virtuosität der Einzelstimmen, durch den Generalbass und einen Hang zum dramatischen Affekt gelöst haben. Als wichtigster Vertreter und Zielscheibe des damaligen Disputs stand Claudio Monteverdi (1567-1643) mit drei Kompositionen im Mittelpunkt.
Ein „All-Star“-Quartett mit starken Bezügen zu Neustadt
Zum Charisma der Sopranistin Johanna Pommranz gesellte sich das Capricornus-Ensemble Stuttgart unter der Leitung des gebürtigen Neustadter Henning Wiegräbe (an der Posaune) als „All-Star“-Quartett: Neben Stiftskantor Simon Reichert an der Orgel begeisterten der Zinkenist Bork-Frithjof Smith von der „Schola Cantorum“ aus Basel und Cosimo Stawiarski, sein Kollege aus dem renommierten Kollektiv „Les Cornets Noirs“, an der Violine. Ebenso stiltreu wie spielerisch vermittelten sie auf ihren historischen Instrumenten die Formation in deren Balance zwischen Konvergenz und subtilen Differenzen. Die Instrumentation („a tre“ plus Basso continuo) ist für die Zeit relativ typisch – zumeist stehen hier Zink und Violine einander in etwa demselben Register gegenüber. Dennoch überraschte, wie homogen sich Letztere in die Schattierungen einfügte.
Den Anfang bildete (als eine von mehreren angekündigten Programmänderungen) „La Gioia“ des in Bayern tätigen Giovanni Martino Cesare (ca. 1590-1667). Damit führte das Consort mit Imitationstechnik und weit ausschwingenden Soli wunderschön in die Thematik und in die teils verschwenderische Virtuosität dieses Repertoires ein. Hierauf bewies mit Monteverdis „Laudate Dominum“ die Sopranistin, begleitet von der Orgel allein, die Bandbreite ihrer wendigen, hochexpressiven Stimme. Mit der Canzon „La Rubina“ von Giovanni Battista Riccio (1570-1621) folgte ein Instrumentalstück in ziselierten Bögen, ehe sich das Ensemble in „Prospera lux venit“ von Niccolò Coradini (1585-1646) zum Tutti vereinte.
Gesang und Instrumente treten in einen Wettstreit
Die „Canzon francese in riposta“ von Lodovico Grossi da Viadana (1564-1627) birgt, wie der Name andeutet, durch ihr responsoriales Gefüge eine Anlage zur Doppelchörigkeit. Den mannigfachen Aspekten der Verschmelzung verlieh das Ensemble nicht nur zusätzliche dynamische Nuancen, die vogelrufartigen Soggetti und melodischen Exkursionen entfalteten sich im Dialog so frei und biegsam, als wären sie improvisiert. Johanna Pommranz besitzt die Gabe, den Wechsel der Temperamente gleichsam instinktiv mit dynamischem Impuls zu durchleuchten.
Zu den Besonderheiten des Genres gehört, dass Gesang und Instrumente miteinander „wetteifern“, dass es die Stimme als Instrument, das Instrument als „Stimme“ behandelt. Daraus ergibt sich ein „Kolloquium“, das die Monodie der vom Continuo begleiteten Sängerin durch polyphone Zwischenspiele mit dem Instrumentaltrio umgibt. Bis zur Pause erklang noch einmal ein Stück Coradinis, „Deliciae meae esse cum Christo“, mit berauschenden Überlagerungen zwischen Sopran und Ensemble.
Monteverdi als feierlicher Höhepunkt
Der zweite Teil des Abends stand umso mehr im Zeichen der Kontraste, besonders reichhaltig gleich in Monteverdis „Confitebor a voce sola con violini“. Unter den Erweiterungen der Kadenzen durfte der „passus duriusculus“ – unter anderem in einem langen chromatischen Abstieg mit Gänsehautpotenzial – nicht fehlen. Es folgten kleinere Besetzungen, beide von Girolamo Frescobaldi: Begleitet von der Orgel, verwandelte Wiegräbe die „Canzona per Basso Solo detta l'Ambitiosa“ in ein Mobile aus weitflächigen Bögen und eherner Gravitation, bevor in Reicherts solistischem Beitrag – dem episodischen „Capriccio sopra la bassa fiamenga“ über eine volkstümliche Melodie aus Flandern – endlich die Orgel mit gewichtigeren Prinzipalklängen in den Vordergrund stieß. Der Schluss brachte Dario Castellos „Sonata duodecima“ und als feierlichen Höhepunkt schließlich Monteverdis „Sanctorum meritis primo“ sowie als Zugabe auf starken Beifall der Zuhörer hin Riccios „Jubilent omnes“. Schade nur, dass die besondere Akustik der Stiftskirche viele Details des Vortrags verschwimmen ließ.