Neustadt Sinnvoll in den Alltag integriert

91-93351442.jpg

„Es gibt bei diesem Projekt zwei Gewinner. Unsere Kinder haben weiter einen Kiosk, und die Beschäftigten bekommen einen strukturierten Tagesablauf und eine Aufgabe.“ Renate Knöringer, eine der Sekretärinnen am Hannah-Arendt-Gymnasium (HAG) läuft mit dicker Jacke durch die Dezemberkälte über den Schulhof ins „Café Hannah“. Für den dortigen Kioskbetrieb mit den Wichern-Werkstätten zusammenzuarbeiten, war im Frühjahr ihre spontane Idee: Die bisherige Anbieterin gab den Kioskbetrieb ab, und so musste Ersatz her. Dabei dachte Renate Knöringer aufgrund positiver Rückmeldungen aus dem persönlichen Umfeld sofort an die Wichern-Werkstätten, wie sie sagt. Es schien ihr „eine tolle Sache, die Beschäftigten auch außerhalb der Werkstätten sinnvoll in die Gemeinschaft zu integrieren“. Dem damaligen Schulleiter Eduard Seger sagte die Lösung zu, und die Werkstätten waren genauso schnell überzeugt, da sie bereits Erfahrung im Kioskbereich hatten. Jeden Morgen stehen seitdem zwei Beschäftigte der Haßlocher Zweigstelle im Schulkiosk des HAG, um Ware einzuräumen und verkaufen. Montags bis donnerstags ist von 9 bis 14 Uhr geöffnet, freitags bis 12.15 Uhr. Was zunächst mit Projektcharakter bis Ende 2016 installiert wurde, wird laut Schulleitung rege angenommen und soll weitergehen. Schulleiter Klaus Strempel lobt die Idee seiner Mitarbeiterin und natürlich vor allem die Arbeit der Beschäftigten: Extras wie warme Wiener oder Schnitzelbrötchen „machen das Angebot im Kiosk noch attraktiver“, und eine „ausgewogene Auswahl“ an guter Verpflegung sei als Ergänzung zur Mensa garantiert. Im Kiosk stehen derweil eine 45-jährige Beschäftigte und ihr 46-jähriger „Kollege“, der vertretungsweise mithilft. Ein Team von fünf Leuten wechselt sich ab, dazu gibt es Betreuer und Einlerner. Mit dem Öffnen der Schiebetür, pünktlich zum Klang der Pausenglocke, bildet sich sofort eine längere, laute Warteschlange auf dem Hof. Der Mann kümmert sich um die Kasse, die Frau gibt zügig die Backwaren aus und wünscht jedem noch einen schönen Tag. Ihre Namen möchten und sollen die beiden Wichern-Beschäftigten zwar nicht nennen, verraten aber dennoch ein wenig über ihr Leben. Die Frau erklärt ohne Umschweife: „Schon in der Schule war mir alles zu viel. Lerndruck, meine Familie, halt einfach alles.“ Sie wurde depressiv und musste schnell in die Reha – dass sie noch immer Unterstützung im Alltag braucht, weiß sie selbst und setzt sich bei ihrer Aufgabe im Kiosk gerne ein. Seit 1995 arbeitet die Mittvierzigerin nun schon in den Wichern-Werkstätten, da sie wegen ihrer Erkrankung auf dem so genannten „ersten Arbeitsmarkt“, wie die reguläre Arbeitswelt genannt wird, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander agieren, so nicht vermittelbar ist. „Sie hat immer einen lustigen Spruch auf den Lippen und kommt mit ihrer Art gut an“, lobt Wichern-Zweigstellenleiterin Kirsten Zepperitz. Die Beschäftigte habe zuvor schon in einem Krankenhauskiosk in Ludwigshafen schnell die Herzen ihrer Kunden erobert, indem sie bald den Besuchern, Ärzten und Rettungspersonal Kaffee und ihre Lieblingsbrötchen angeboten habe. Auch ihr Helfer im Kioskverkauf hat schon so einige Hürden im Leben hinter sich gebracht. „Mobbing im Beruf war dabei, und außerdem bastle ich eigentlich lieber in Ruhe vor mich hin, wenn ich an etwas arbeite“, sagt der gelernte Metallfeinbearbeiter. Seine Teilleistungsschwäche spart er nicht aus, die erwiesene Konzentrationsschwäche ebenfalls nicht. Dennoch hat er gelernt, hinzuschauen, was für ihn persönlich im Alltag am besten ist. „Betreut war ich aber nie“, erzählt er stolz, „und wenn manche in der Werkstatt alles herumliegen lassen, brauchen sie Leute wie mich, die für die Sicherheit mit anpacken.“ Die Kasse hat er scheinbar ruhig im Griff, gibt Wechselgeld heraus, lernt den Kassenabschluss. „Zumindest eine Zeit lang“ kann er sich den Schulkiosk als Arbeitsstätte vorstellen.

x