Neustadt „Sie sollen sich angenommen fühlen“

25 Bürger, darunter Vertreter der Gemeinde, Kirche und Gewerkschaft, waren der Einladung gefolgt, einen „Arbeitskreis Asyl“ zu gründen. Seit etwa einem Dreivierteljahr sei sie selbst in der Flüchtlingshilfe tätig und betreue eine syrische Familie, die in der Asylbewerberunterkunft im Herrenweg wohnt, sagte Elke Kissel zu ihrer Motivation, einen „Arbeitskreis Asyl“ ins Leben zu rufen. „Es begann mit einem Besuch, mit Tee trinken und zuhören, Briefe wurden vorgelesen oder geschrieben, Hilfe bei dem Ausfüllen von Formularen geleistet. Ich erteile Deutschunterricht, habe die Eltern zum Elternabend in die Schule begleitet. Mittlerweile gibt es gegenseitige Besuche, es hat sich eine Freundschaft gebildet“, sagte Kissel. Einige Bürger engagierten sich schon länger für Asylbewerber, jetzt gehe es darum, neue Mitstreiter zu suchen und sich zu vernetzen. „Die Arbeit nach außen tragen und die Angst vor dem Fremden abbauen“ nannte sie als weitere Ziele. Die Asylproblematik sei komplex, und es gebe auch Negatives, wie zuletzt in der Unterkunft Bahnhofstraße (wir berichteten), festzustellen. Die Gemeinde müsse stärker als bisher Verantwortung übernehmen, forderte Kissel. Der Zweite Beigeordnete Ralf Trösch (SPD) erklärte, dass sich die Verwaltung künftig intensiver mit der Thematik auseinandersetzen, darüber informieren und eventuelle Missstände schneller beseitigen wolle. Klar sei, dass die Gemeinde dabei auf ehrenamtliche Arbeit zurückgreifen müsse: Deshalb begrüßte Trösch die Bildung des Arbeitskreises. Probleme gebe es in vielen Bereichen, sagte der Beigeordnete. Genehmigungen für Deutschkurse dauerten zu lange. Die Betreuung sei nicht geregelt. Die Gemeinde erledige das für den Kreis, allerdings als freiwillige soziale Leistung, zu der man nicht verpflichtet sei. Hier sei ein Umdenken sinnvoll, um höhere Folgekosten zu vermeiden. Die Betreuung der Asylsuchenden will die Gemeinde nach Tröschs Worten künftig selbst in die Hand nehmen. Neben „ein paar Stunden Hauptamtlichkeit“ sei man aber auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen, Kirchen oder Gewerkschaften angewiesen. Außerdem müsse dafür gearbeitet werden, dass die Asylbewerber in der Bevölkerung stärker akzeptiert werden. Diese Menschen sollen künftig in „kleinen Einheiten“ untergebracht werden. Dadurch sollen Probleme untereinander aufgrund der unterschiedlichen Herkunft vermieden werden. Falls nicht ausreichend Wohnraum zur Verfügung stehe, müsse man eine Containerlösung in Betracht ziehen. Familie Christ hat sich bereiterklärt, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, will aber in die Entscheidungen, wer untergebracht werden soll, mit einbezogen werden. Allen Anwesenden gemeinsam war, dass sie sich informieren und sich in irgendeiner Weise für die Asylsuchenden einsetzen wollen – viele da, „wo sie gebraucht werden“, bei alltäglichen Angelegenheiten der Asylbewerber. Sprachkurse sollen angeboten werden, aber hier seien insbesondere Frauen und alleinstehende Männer schwer zu erreichen. Ursula Koob, Mitinitiatorin der Stiftungssuppe, will Flüchtlinge zum Freitags-Angebot der Bürgerstiftung im Diakonissenhaus einladen und kann sich gemeinsame Nachmittage zum Kennenlernen vorstellen: „Sie sollen sich angenommen fühlen.“ Der DGB-Ortsvorsitzende Lothar Zwing sieht die Gewerkschaften in der Pflicht, Vorurteile gegen die wachsende Zahl der Flüchtlinge abzubauen. Er habe in seinem Arbeitsleben viel mit ausländischen Mitarbeitern zu tun gehabt und wisse deren Potenzial zu schätzen. Deshalb müsse man die jungen Menschen an die Bildungswege heranbringen, sah Franz-Josef Jochem (Grüne) einen Schwerpunkt der Arbeit. Der evangelische Pfarrer Christoph Stetzer nannte es sinnvoll, alle gesellschaftlichen Gruppen wie Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien bei diesem Thema miteinander zu vernetzen. Dieter Altmann (SPD) erinnerte daran, dass viele Haßlocher – wie auch er selbst – ehemals Flüchtlinge waren. Deshalb könne er bei vielen die grundsätzliche Ablehnung nicht verstehen. Senija Halavac, die seit 20 Jahren Flüchtlinge begleitet, forderte von der Gemeinde mehr Unterstützung, weniger Bürokratie und einen Ansprechpartner für die Asylbewerber. Für deren Kinder müsse Schulpflicht bestehen. Nach ihren Erfahrungen gebe es auch viele Wirtschaftsflüchtlinge, die kein Interesse an einer Integration hätten. Anne Mann, die seit 25 Jahren für die Asylsuchenden im Einsatz ist, freut sich, dass so viele Menschen mitarbeiten wollen. Allerdings stehe dieser Hilfsbereitschaft aber auch Ablehnung bei einem Teil der Asylsuchenden gegenüber. Die kulturellen Unterschiede seien nicht zu unterschätzen, und einige seien auch nicht bereit, auf die Angebote einzugehen. Hier müsse man mit viel Erfahrung und Hintergrundwissen herangehen. Am Mittwoch, 10. Dezember, treffen sich die Mitglieder des Arbeitskreises das nächste Mal. Dann sollen Päckchen gepackt und die Asylsuchenden besucht werden. Kontakte bestehen mit dem Arbeitskreis Asyl Neustadt, der seit langen Jahren tätig ist. Mitte Januar ist ein Vortrag zum Thema Asylrecht geplant.