Neustadt
„Seit Corona keine Normalität mehr“: Wie geht es dem Wirtschaftsstandort Neustadt?
Die nächsten Monate werden spannend für Neustadt, denn im Sommer startet die Industrie- und Handelskammer (IHK) wieder ihre pfalzweite Standortumfrage. Zuletzt waren vor vier Jahren die entsprechenden Daten erhoben worden. Viele Neustadter erinnern sich gut daran, denn das Herz der Weinstraße landete damals auf dem letzten Platz und bekam von den befragten Unternehmern etliche Mängel bescheinigt. Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) nahm die Ergebnisse damals ziemlich zerknirscht auf, verwies 2022 aber auf die angestoßenen Prozesse zur Verbesserung der Verwaltungsarbeit und die Neuaufstellung bei der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft (WEG), die durch die Berufung von Karin Henneke zur Geschäftsführerin abgeschlossen worden ist. Auch im Stadtrat sorgten die Daten für Furore, und man diskutierte ausführlich über Verbesserungen.
Ein Ergebnis aus den 2022er-Daten war zudem die Gründung der IHK-Tischrunde vor zwei Jahren. Die Unternehmer wollten unter der Federführung der IHK einen Zusammenschluss etablieren, um gemeinsam zu analysieren, wo am Standort Neustadt der Schuh drückt und was die hier ansässigen Firmen brauchen. „Nicht nur meckern, auch sich einbringen“, so bringt Götz Schartner, Geschäftsführer der IT-Sicherheitsfirma 8com, den Anspruch der Tischrunde auf den Punkt. Er ist gemeinsam mit Markus Schmitt (Modehaus Schmitt) und Frank Apfel (Geschäftsführer der Agentur Apfel Programm Marketing) der Sprecher der Runde, die sich zweimal im Jahr trifft. Nach zwei Jahren ist man zufrieden: Das Gremium habe sich etabliert und wolle weiter wachsen, heißt es beim jüngsten Treffen am Donnerstagabend im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Mußbach.
„Wirtschaftsverständnis etablieren“
Nicole Rabold, Leiterin des Geschäftsbereichs Infrastruktur und Digitale Wirtschaft bei der IHK, lobt die Entwicklung in Neustadt. Man wolle mit der Tischrunde „für die Wirtschaft agieren – unabhängig von der Stadt, aber nicht gegen die Stadt“. Es gehe darum, über die Unternehmergemeinschaft Verbesserungen bei den Standortbedingungen zu erzielen. Sie sei gespannt, ob die bisherigen Bemühungen sich schon in den Ergebnissen der neuen IHK-Standortumfrage niederschlagen werden. Bei dieser werde man auch verstärkt lokale Aspekte abfragen, um die Lage vor Ort genauer analysieren zu können – etwa, wenn Kritik an einer Verwaltung oder einzelnen Aspekten in einer Stadt geübt werde. Das schlechte Ergebnis von 2022 heiße nämlich auf keinen Fall, dass Neustadt ein schlechter Ort für Wirtschaft sei: „Die Struktur ist hier eher kleinteilig, aber es gibt viele beeindruckende Unternehmen.“ Apfel ergänzt, dass es übers Vernetzen bei der Tischrunde darum gehe, den Firmen eine Stimme zu geben. „Wir müssen Wirtschaftsverständnis in der Stadtpolitik etablieren“, bekräftigt Schartner. Rabold verweist dabei auf die sehr schwierige Finanzlage der Kommunen, dennoch seien Standortfaktoren wie attraktive Innenstadt, gute Angebote auf dem Wohnungsmarkt oder bei der Kinderbetreuung extrem wichtig für Unternehmer, damit sie Mitarbeiter gewinnen können und diese gerne am Standort leben.
Zu diesem zählen auch die landwirtschaftlichen Betriebe. DLR-Leiter Andreas Kortekamp und Weincampus-Professor Dominik Durner sehen Winzer als Teil des Unternehmertums. „Fachkräftemangel und Energiepreise sind auch für die Landwirtschaft zentral und sorgen dort für Innovationsdruck“, so Kortekamp. Durner betont, dass man ohne unternehmerisches Verständnis kein Weingut mehr leiten könne.
Es sei „traurige Realität“, dass es aktuell „jedem vierten Winzer finanziell nicht gut geht“, sagt Durner. Viele werden wohl aufgeben müssen, ist er überzeugt. Das sei aber nur eine Seite der Medaille, denn es gebe genau so viele Betriebe, die schon auf die aktuellen Herausforderungen reagiert und ihr Angebot umgestellt hätten: „Denen geht es gut.“
Nicht mehr auf Jahre planen
Das ist der Grundtenor des Abends. Frank Apfel spricht immer wieder von „Resilienz“, also der Frage, wie man es schafft, widerstandsfähig zu sein und sich auf Krisen einzustellen. Volker Bäres, Abteilungsleiter Firmenkunden bei der Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz, unterstreicht, dass an einer entsprechenden Strategie kein Weg vorbeiführe: „Seit Corona kennen wir keine Normalität mehr. Unsicherheit ist der neue Standard.“ Unternehmen könnten daher nicht mehr auf Jahre im voraus planen, sondern müssten ihre Überlegungen alle paar Wochen/Monate überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Nur wer „professionell vorbereitet“ sei und den Mut habe, sich entsprechend anzupassen, habe in einem solchen Umfeld gute Perspektiven. Ein Beispiel seien Landwirte. Sie müssten jetzt schon die steigenden Kosten für Diesel und Düngemittel für ihren Betrieb durchrechnen und überlegen, was dies mittelfristig für ihre Kosten und den Absatz bedeuten – und entsprechend auch über neue Märkte und Produkte nachdenken.
Für die Stadt betont Bürgermeister Stefan Ulrich (CDU) , dass „der Schulterschluss wichtig“ sei, man wolle mit der Wirtschaft agieren. Daher sei die WEG so wichtig. Dass so viele Unternehmer an der Erarbeitung der Wirtschaftsstrategie mitgewirkt hätten, sei dabei ein gutes Signal. „Wir haben einen unglaublich wertvollen Mittelstand“, sagt Ulrich. Die Stadt profitiere davon, da die Gewerbesteuereinnahmen wachsen und stabil seien. „Das ist Ihr Verdienst“, lobt Ulrich die Zuhörer.
WEG-Geschäftsführerin Karin Henneke nutzt die Runde und will Mitstreiter gewinnen für das Demokratiefest, das am letzten Mai-Wochenende in Neustadt gefeiert wird. Wirtschaftsvertreter wollen sich dort an einem Stand auf dem Marktplatz als Demokratiebotschafter präsentieren. Götz Schartner gefällt das, passt es doch genau zu seinem Ansatz: „Wir wollen nicht nur schimpfen, sondern uns einbringen und das politische Gespräch suchen.“ Mit Blick aufs Demokratiefest vielleicht sogar mit einem besonderen Gast, da Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Stadt unterwegs sein und sicher auch am Stand der Wirtschaftsleute vorbeischauen wird.