Neustadt
Saisoneröffnung des Vokalensembles: Sagenhafte Strahlkraft
„Stars“ überschreibt Eriks Ešenvalds seine Hymne an den nächtlichen Himmel und erweitert das klangliche Spektrum der Vokalisten in ungewöhnlicher Weise, indem er ihnen zusätzlich als „Glasharfen-Spieler“ weitere, geradezu ätherische Stimmen verleiht. Sanft, schwebend beginnt dieses wundersam mystische Opus des 1977 geborenen lettischen Komponisten und begann somit auch das Konzert des Neustadter Vokalensembles in der gut besuchten Stiftskirche. Ebenso still und geheimnisvoll verklingend wie begonnen, ließ Bezirkskantor Simon Reichert am Pult dann diese außergewöhnliche Stunde der Kirchenmusik mit „O magnum mysterium“ des finnischen zeitgenössischen Komponisten Jaako Mäntyjärvi enden.
Dazwischen entfaltete das Neustadter Kammerensemble einen Kosmos an gesungener Poesie und faszinierender, tief emotionaler Klangsinnlichkeit der Jetztzeit – zuweilen beklemmend, aufwühlend, vor allem aber hochspannend und letztlich auch unendlich tröstend.
Orientierung nach Nordosten
Simon Reicherts Programm-Arrangement mit seinen inhaltlich deutlichen Kontext zum Christfest passte vorzüglich in die Zeit kurz vor Epiphanias. Dass er schwerpunktmäßig Tondichtern nordosteuropäischer Provenienz eine Bühne bot, puderte vordergründig etwas winterliches Flair ins Gemüt, unterstrich aber vor allem einmal mehr, welches Potenzial deren Protagonisten im internationalen Diskurs Zeitgenössischer Musik mittlerweile einbringen. Neben Mäntyjärvis dichtem Hymnus auf die Geburt gab es da noch den von Arvo Pärt im „Nunc dimmitis“ vertonten Lobgesang des Simeon; wie oftmals bei Pärt dem Schlag der Glocken abgelauscht, changiert dieses eindrucksvolle Opus zwischen kontemplativer Abgeklärtheit und frischen, jubelnden Tutti. Krzysztof Pendereckis „Cherubinischer Lobgesang“ für acht Vokalstimmen aus dem Jahr 1986 – für die Ausführenden ein notentechnisch und intonatorisch wahrer Parforceritt – und die wunderbar wortdeutende „Magnificat“-Vertonung des bedeutenden Berliner Kirchenkomponisten Heinrich Poos standen nicht zuletzt als vorzügliche Belege dafür, wie atemberaubend ergreifend Zeitgenössisches Komponieren jenseits einlullender Dur-Moll-Tonalität uns abzuholen vermag.
Dass Arnold Schönbergs Opus 13, „Friede auf Erden“, noch vor der Zwölf-Ton-Findung auf ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer vertont, gerade derzeit einen wahren Hype zu verzeichnet, ist sicherlich nicht ausschließlich dem 150. Geburtstag seines Schöpfers im September 2024 zu danken. Es hat mehr als 100 Jahre nach seiner Uraufführung auf geradezu dramatische Weise Aktualität erreicht und spiegelt auf verstörende Weise Ängste und Hoffen unserer Tage. Und es ist ein überaus schweres, kräftezehrendes Stück hochklassiger Chorliteratur. Für Laienensembles ist es, selbst wenn stimmlich geschult, im Grunde ein Griff nach den Sternen. Dennoch: Simon Reichert gelang mit dem Neustadter Vokalensemble eine authentische Wiedergabe. Wie überhaupt die überzeugende Trittfestigkeit auch der übrigen, nicht weniger anspruchsvollen Programmteile großes Lob verdient. Bei allen Interpretationen war die Aufmerksamkeit der Vokalisten ungebrochen beim Pult, wurden dessen Direktiven prompt und mit großer Disziplin umgesetzt.
Großartiger Gast
Dass der Kammerchor derzeit in allen Stimmen ausgewogen und vorzüglich besetzt war, schuf beste Voraussetzungen, das atonale Spektrum, das Stimmengeflecht intonatorisch bestens zu meistern und auch das Spektrum der gestalterischen Nuancen – Dynamik, Tempi, extreme Tonlagen – weidlich auszuschöpfen. Gerade bei Schönberg geraten Bässe wie Soprane an extreme Grenzen. Aber das bewältigten beide Register mit erstaunlicher Souveränität. Ebenso überzeugten die Mittelstimmen durch leuchtende beziehungsweise satt geerdete Farben. Vor allem aber überzeugte jede einzelne Wiedergabe durch Charisma, bezwingendes Engagement und sagenhafte Strahlkraft. Man war gefangen.
Zwischen den Vokalbeiträgen fesselte Thomas Lennartz an der Edskes-Orgel mit seiner fantastischen Tasten- und Pedalkunst; der hochreputierte Gast, Hochschulprofessor in Leipzig und seit 2008 Domorganist an der Trinitatis-Kathedrale Dresden (ehemals Hofkirche), kommentierte und konterkarierte auf kongeniale Weise die Stimmungen der jeweiligen Vokalwerke; stöberte weidlich im Farbenspektrum des Instruments und packte jenseits jeglicher Effekthascherei ein mehr als solides Spektrum an virtuoser fingertechnischer Brillanz ebenso wie demutsvoller Innerlichkeit aus. Sein Spiel atmete Esprit, Spontaneität und eine gewisse, sehr eindrückliche Form von Andacht.
Der emphatische Beifall im Publikum dauerte an – auch dann noch, als die Ausführenden die Bühne längst verlassen hatten.