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Radsport: Wie Ralf Kien in einem Rutsch von Haßloch nach Berlin gefahren ist
Um von Haßloch nach Berlin zu reisen, dauert es etwa fünfdreiviertel Stunden, nimmt man die Bahn. Mit dem Auto sind es laut Routenplaner knapp sechs Stunden. Der Haßlocher Ralf Kien hat weder Bahn noch Auto genommen. Der Team-Klapprad-Weltmeister von 2017 hat die insgesamt 647 Kilometer und mehr als 4000 Höhenmeter in die Bundeshauptstadt auf dem Rennrad zurückgelegt – ohne Übernachtung ist er in einem Rutsch durchgefahren. 30 Stunden sei er unterwegs gewesen, erzählt der 47-Jährige. 23:09 Stunden beträgt die reine Fahrzeit. Im Schnitt legte er 28 Kilometer pro Stunde zurück. Zwei Platten haben ihn unterwegs aufgehalten. Der zweite bremste ihn besonders lange aus.
Am Dienstagnachmittag um 15.30 Uhr hat sich Ralf Kien in seinem Wohnort Haßloch auf den Weg gemacht. „Es ging darum, ein relativ optimales Wetterfenster zu finden“, erklärt er die Startzeit. Über Frankfurt, Fulda, Erfurt, Halle und Potsdam ist er nach Berlin gefahren. Inklusive zweier Trinkflaschen und nur dem nötigsten Gepäck in einer Rahmen- und einer Oberrohrtasche hat sein Karbonrad 16 Kilo auf die Waage gebracht. Außer einer Reisezahnbürste hatte er nur Unterwäsche und Socken eingepackt. In Berlin hat er sich Kleidung von seinem Gastgeber, seinem Cousin, geliehen. Im Gepäck außerdem: Kohlehydrategels, Isopulver und Mineraltabletten. „Ich hatte das für die gesamte Strecke eingepackt“, erzählt der Haßlocher, der in Sachen Ernährung unterwegs keine Kompromisse eingehen wollte. „Die Mineraltabletten nehme ich alle 1,5 Stunden.“ Insgesamt habe er nur 13 Liter auf der Tour getrunken, „weil es nicht so warm war“.
Kurioses in der Nacht
Unterwegs hat er sich an Tankstellen und Supermärkten mit Getränken und Essen versorgt. Aber nicht nur. „Einmal war es nachts kurios“, erzählt Ralf Kien schmunzelnd. Irgendwo hinter Fulda habe er sich in einer größeren Stadt nachts an einer Tankstelle Wasser besorgen wollen. „Ich war brutal durstig“, betont er. Doch seien dort um 3 Uhr in der Früh alle Tankstellen geschlossen gewesen. „Ich bin dann an einer Tankstelle hintenrum zur Waschanlage gelaufen, wo ein Wasserhahn mit abmontiertem Kopf war“, berichtet er von einem besonderen Erlebnis. So habe er sein Multitool mit verschiedenen Werkzeugen fürs Fahrrad genommen, damit den Hahn aufgedreht und seine Flaschen aufgefüllt.
Unterwegs hat Ralf Kien viele Bananen gegessen. Aber er hat sie nicht, wie bei Radsportlern üblich, auf dem Rücken in der Trikottasche transportiert, denn „die werden da immer so matschig“. Mit Isolierband hat er sie aerodynamisch auf dem Oberrohr angebracht. Außerdem hat er sich unterwegs „süße Teilchen“ oder Käselaugenstangen gekauft. In Halle hatte er seinen letzten Stopp zum Essen. Dort gönnte sich der Radsportler eine Cola sowie einen Dönerteller mit Reis. „Ich habe dringend was Gescheites gebraucht“, gesteht er schmunzelnd. „Ich habe aber gesagt, dass ich den Teller ohne Zwiebeln und Knoblauch will.“ Schließlich hatte er von Halle bis Berlin noch rund 180 Kilometer zurückzulegen. Etwa 60 Kilometer vor seinem Ziel hat er sich bei seinem letzten Stopp ein alkoholfreies Weißbier genehmigt. Insgesamt hat Kien 14.370 Kalorien verbraucht. Gut versorgt, ist der Haßlocher ohne muskuläre Probleme in Berlin angekommen. Sein Frühstück in Erfurt allerdings bescherte ihm einige Probleme.
Warten, bis der Radladen öffnet
Nachdem er in der Hauptstadt Thüringens morgens um 8 Uhr angekommen war, steuerte er das Bahnhofsviertel an, um dort zu frühstücken. Anschließend fuhr er wieder los über den inzwischen gut gefüllten Bahnhofsvorplatz. Während er den vielen Menschen dort auswich, übersah er eine zerbrochene Bierflasche. Die Folge: Der Reifen an seinem Hinterrad war einmal durchgeschnitten. „Ich hatte zu Hause noch überlegt, einen Ersatzmantel mitzunehmen“, berichtet er. Doch hatte er aus Gewichtsgründen darauf verzichtet. Nun musste Ralf Kien geduldig sein und warten, bis um 10 Uhr ein drei Kilometer entfernter Radladen öffnete. Mit einiger Verspätung setzte er seine Tour fort.
Pannen in Erfurt
Seine erste Panne hatte er bereits kurz vor Fulda. Mitten in der Nacht gegen ein Uhr. „In einer Abfahrt habe ich gemerkt, dass am Hinterrad was nicht stimmt“, erinnert sich der Haßlocher. „Ich habe das Rad dann noch so lange rollen lassen, bis ich an einer beleuchteten Straßenkreuzung war.“ Dort tauschte er den Schlauch aus, pumpte seinen Reifen mit einer CO2-Patrone auf.
Eine Panne der anderen Art bescherte ihm sein Fahrrad-Computer mit Navigation ebenfalls in Erfurt: Das Navi verweigerte den Dienst. Nach vergeblichen Versuchen, den Computer neu zu starten, „habe ich dann übers Handy navigiert“.
Seine ersten Kilometer seien „super gelaufen“, erzählt Ralf Kien begeistert. Mit Rückenwind schaffte er bis kurz vor Frankfurt einen 33er Schnitt, legte also durchschnittlich 33 Kilometer pro Stunde zurück. Ein Radsport-Freund, Gery Meiss aus Ostheim, ist dort zu ihm gestoßen. Kien: „Er hat mich komplett durch Frankfurt begleitet.“ Und der Haßlocher legte bei Meiss zu Hause eine über einstündige Pause ein, „bis der Starkregen vorbei war“. Die Zeit nutzte er, um seine Sachen trockenzuföhnen.
Stille in der Nacht
Bis Stockheim hat Meiss den Extremradfahrer im Dunkeln eskortiert, dann ist er umgekehrt. „Das war cool, ich habe mich unterhalten können“, ist Kien auch im Nachhinein dankbar für die Unterstützung. Im Dunkeln zu fahren, macht ihm nichts aus. Kien arbeitet im Mercedes-Werk in Mannheim als Meister in der Zylinderkopffertigung. „Ich bin es gewöhnt, eine Strecke zur Arbeit im Dunkeln zu fahren“, sagt er. Entweder ist es die Hinfahrt bei einer Frühschicht oder aber die Rückfahrt, wenn er Spätschicht hat. „Ich genieße es, nachts zu fahren. Es gibt kaum Verkehr, und ich kann die Stille genießen.“
So hat er es auch auf dem Weg nach Berlin gehalten. Er habe von anderen langen Touren gewusst, dass irgendwann der Punkt komme, an dem man langsamer werde. „Ich habe die ganze Zeit Musik gehört – von aktuellen Hits aus den Charts bis zu den ,Böhsen Onkelz’ und Rammstein.“ So hat Ralf Kien seine Trittfrequenz hochhalten können. Im Schnitt waren es 73 Kurbelumdrehungen pro Minute. „Das ist den Bergen geschuldet“, erklärt Kien. „Ich gucke immer, dass ich eine 80er- bis 85er-Frequenz fahre.“
Begegnung mit einem Fuchs
Es gab aber auch Momente, in denen er auf anspornende Musik verzichtet hat. Zum Beispiel, als er im Wald bei Potsdam in der Abenddämmerung plötzlich einem ganz jungen Fuchs gegenüberstand. „Ich musste ganz runterbremsen“, erzählt er begeistert von der Begegnung. Erst dann trottete das Tier davon. Um Durchblick im Dunkeln zu haben, aber auch, um gesehen zu werden, hat Kien vier Rücklichter dabei gehabt sowie Ersatzakkus fürs Vorderlicht. Ein Licht hat stets hinten am Helm geblinkt.
Stinkende Socken
In Berlin ist Ralf Kien von seinem Cousin am Brandenburger Tor empfangen worden. „Wir sind dann zusammen noch 13 Kilometer zu ihm nach Hause mit dem Rad gefahren.“ Und dort freute sich der Haßlocher „erst einmal duschen zu können“. Kien verrät: „Ich habe brutal gestunken.“ Vor allem die Socken hätten gerochen, denn „ich bin ja 30 Stunden lang mit den Socken in den Schuhen gewesen“. Außer der Dusche gab’s noch zwei Teller Spaghetti Bolognese. „Es war eine geile Aktion“, schwärmt Ralf Kien von seiner Tour. Die Idee dazu ist ihm erst drei Wochen vorher gekommen. Ursprünglich hatte er geplant, in zwei Etappen mit dem Rad zurückzufahren. Doch er hat den ICE genommen, um danach noch nach Kroatien in den Urlaub fahren zu können. So ganz ohne Fahrrad kommt er da natürlich nicht aus. Diesmal ist es ein Klapprad, das keine Gangschaltung hat. „Das Klappradfahren hat mir viel fürs Rennradfahren gebracht“, ist sich Kien sicher. „Ich fahre mittlerweile dickere Gänge auch bergauf.“ Was ihn an seiner Fahrt nach Berlin besonders fasziniert hat: „Ich habe kein richtiges Tief gehabt.“ Und er ahnt sofort den Grund dafür: „Weil ich alleine war und mir immer selbst helfen musste.“