Neustadt
Pure Romantik: Hofserenade der Stiftskantorei
Nach zwei Jahren in Folge, in denen sich die Neustadter Stiftskantorei regenbedingt unters Kirchendach zurückziehen musste, durfte sich diesmal die beliebte Hofserenade genau da entfalten, wo sie eigentlich hingehört: im wohlig launigen Ambiente des Dekanats-Innenhofs in der Landschreiberei-Straße. Und alle, alle kamen, zusätzliche Stühle wurden aus allen Ecken herbeigeschafft. Das Publikum saß dicht am Podium, wunderbar – so sollte es immer sein.
Simon Reichert hatte diesmal auch Gäste geladen: Nach einem akkurat vorgetragenen Violin-Duett der beiden sehr jungen Nachwuchs-Geigerinnen Thalia Johannes und Sophia Strebel formierte sich das Streicher-Ensemble Leibniz Strings – unschwer zu erraten, welcher Provenienz zugehörig – mit seiner Leiterin Sophie Johannes, Schulmusikerin an eben jenem Gymnasium, zum Auftritt.
Schwere Kost für Schüler
Mit einer Satzfolge – Bourrée, La Réjouissance, Menuett I und II – aus der berühmten „Feuerwerksmusik“ von Georg Friedrich Händel warben die sehr jungen Streicher für ein Engagement, das in Zeiten rasant zunehmender Verpoppung auch des schulischen Musikunterrichts höchste Anerkennung verdient. Freilich hätte sich da doch sicher spieltechnisch etwas leichtere Kost finden lassen als das barocke Geflecht der zudem allzu populären Werke, die auch nicht recht zum Kontext der Vokalwerke passen wollten.
Mit der Intonation darf man beim Nachwuchs sicher mal großzügig verfahren. Aber es gibt schon Schmerzgrenzen, zumal in einem öffentlichen Konzert. Die Kinder waren mit der Aufgabe schlicht (noch) heillos überfordert. Was nicht als Entmutigung, sondern ausdrücklich als Ermutigung gelesen werden sollte. Unbedingt weitermachen, aber mit passender Literatur, die auch Erfolgserlebnisse beschert.
International und in Originalsprache
Im Anschluss formierte sich die Stiftskantorei auf dem Podium und offerierte im ersten Teil ihrer Werkfolge vorwiegend zeitgenössische Liedkompositionen, deren Grundstimmung eine kontemplativ melancholische ist. „Nachtlieder“ – so lautete ja das Motto des Abends und mit Érik Ésenvald, 1977 in Lettland geboren („Evening“), dem Briten Charles Villiers Standford, der den „Blue Bird“ besingt, dem großen schwedischen Liederdichter Hugo Alfvén und Zsóltan Kódaly zelebrierte die Stiftskantorei Chormusik von Schwere, Dichte, aber auch wunderbar einfühlsamer Emotionalität. Die beiden erstgenannten Werke wurden zusätzlich veredelt durch den sehr klaren, zart schwebenden Solo-Sopran von Thalia Johannes. Reichert ließ jeweils in der Originalsprache singen, was dem Vortrag zusätzlich Authentizität verlieh.
Mit Josef Gabriel Rheinbergers populärem „Abendlied“ verabschiedete sich der Chor in die Pause und warf schon mal ein Spotlight auf Teil zwei. Da wurde Romantik pur geboten, mit allen einschlägigen „Hits“ eben jener einschlägigen Chorliteratur, wie sie gerade für Serenaden-Programme gerne und passend bemüht wird.
Aufmerksam und präzise
So lauschte man den unverwüstlichen Brahms-Schlagern „Abendständchen“, „Nachtwache I und II“, die „Waldesnacht“, Mendelssohns „O Täler weit“ und dem innigen „Nachtlied“ von Max Reger. Simon Reichert hatte diese a-Cappella-Folge aus dem Programm des vergangenen Jahres noch einmal aufgelegt. Das musikalische Material hatte sich spürbar solide gesetzt, kam trittsicher und engagiert quer durch alles Stimmregister über die Rampe. Dass die dynamischen Wechsel – bei Mendelssohn wie Brahms gleicherweise essenziell –, die Reichert am Pult auch strikt einforderte, vom Chortutti aufmerksam und präzise umgesetzt wurden, war eine der Meriten der Wiedergabe.
Bei der ersten Zugabe, „Der Mond ist aufgegangen“, war das Auditorium zum Mitsingen eingeladen, danach gab’s noch einmal das Rheinbergersche „Abendlied“ für auf den Nachhauseweg.