Maikammer RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Hausarzt zur Gesundheitsreform: „Wir sind am Ausbluten“

Viele Hausärzte wünschen sich bei der Gesundheitsreform mehr Dynamik .
Viele Hausärzte wünschen sich bei der Gesundheitsreform mehr Dynamik .

Ärztemangel, Leistungsvergütung, Wartezeiten: Der Maikammerer Allgemeinmediziner Ulrich Kluger erklärt, welches aus seiner Sicht die Knackpunkte der Gesundheitsreform sind.

Herr Kluger, Sie sind Hausarzt in Maikammer und stellvertretender Landesvorsitzender des Virchowbundes, der die Interessen der niedergelassenen Ärzte vertritt. In dieser Funktion beschäftigen Sie sich auch mit der Gesundheitsreform. Welches sind die Knackpunkte aus Sicht der niedergelassenen Ärzte?
Ein wichtiger Punkt ist der Nachwuchs. Das Medizinstudium soll neu geordnet beziehungsweise optimiert werden, mit dem Ziel, mehr Ärzte zu bekommen. Das interessiert uns am meisten, weil wir ja einen Mangel an Nachwuchs haben. Ein weiteres Thema, was uns umtreibt, ist die Budgetierung. Der Haushalt muss natürlich kontrolliert werden, aber die Budgetierung führt dazu, dass wir manchmal für das, was wir tun, überhaupt nichts oder nur einen Bruchteil der Leistungsvergütung bekommen.

Wie kann das sein?
Bei der Vergütung wird zugrunde gelegt, wie viele Patienten ein durchschnittlicher Arzt in dieser Fachgruppe hat. Nehmen wir den Hausarzt. Wenn ich mehr als das Doppelte an Patienten behandle, wird das, was darüber hinausgeht, deutlich reduziert vergütet. Wenn die Anzahl der Patienten mehr als 150 Prozent über dieser Norm liegt, gibt es für das, was darüber liegt, fast keine Vergütung mehr. Das ist ein Beispiel, es gibt auch andere. Wenn ich beispielsweise mehr als mit jedem zweiten Patienten pro Quartal spreche – also zehn Minuten oder länger – dann wird das auch nicht mehr bezahlt.

Bringt die Reform in diesem Punkt eine Verbesserung?
Die Budgetierung muss wegfallen! Fast jede Leistung, die ein Arzt erbringt, wird derzeit daran gemessen, wie viel der Durchschnitt der Ärzte in dieser Gruppe erbringt. Wenn man darüber liegt, bekommt man dafür kein Geld. Man muss sich also entweder darauf einstellen und sich nach dieser Durchschnittsleistung richten – oder mehr Leistungen erbringen, wohlwissend, dass es dafür kein Geld gibt. Das kann so nicht weitergehen.

Jetzt soll die Funktion des Hausarztes gestärkt werden.
Ja, und das unterstützen wir ausdrücklich. Im Kleinen gibt es das schon, und das ist ein höchst sinnvolles Instrument. Bisher nennt sich das hausarztzentrierte Versorgung. Das heißt, der Patient verpflichtet sich, bei jeglichen Beschwerden zunächst zum Hausarzt zu kommen. Wenn dieser es dann für sinnvoll und notwendig hält, dass ein Facharzt hinzugezogen wird, bekommt der Patient eine Überweisung, geht zum Facharzt, und der Hausarzt bekommt einen Brief. Das ist übrigens ein Vorteil der Kassenmedizin gegenüber dem Verfahren bei den Privatversicherten, die ja keine Überweisung brauchen. Im schlimmsten Fall weiß keiner der Kollegen, was der andere gemacht hat.

Sind denn die Kapazitäten da für eine Stärkung der Hausarzt-Funktion?
Es ist ohnehin so, dass immer mehr Patienten zu uns kommen, aber das hat einen anderen Grund, nämlich den, dass es immer weniger niedergelassene Ärzte gibt. Und ja, diese Koordinierung durch die Hausärzte schafft erstmal mehr Arbeit, aber ich glaube, das ist es wert. Wenn jemand von einem Facharzt kommt, und ich habe keine Informationen über dessen Erkenntnisse, dann kann ich dem Patienten nicht helfen.

Ulrich Kluger
Ulrich Kluger

Was kritisieren Sie mit Blick auf die Reform?
Sie könnte an Tempo zulegen. Wir sind überhaupt nicht in Frontalopposition zu den Regierungsideen, wir wünschen uns manchmal eher, dass sich überhaupt etwas bewegt. Eben beim Thema Budgetierung. Diese Art der Heckenschnitt-Technik ist einfach ungut und demotivierend. Wir brauchen Kontrollinstrumente, aber die Bezahlung muss fair sein. Die Budgetierung muss abgeschafft werden.

Ein häufiger Kritikpunkt von Patienten ist, dass die Wartezeiten bei Fachärzten so lange sind. Woran liegt das?
Wir haben einen eklatanten Ärztemangel. Die Medizin hat sich weiterentwickelt, dadurch entsteht ein Bedarf an Spezialisten und damit an mehr Medizinern.

Wäre denn Ihr Vorschlag, dass schon im Studium stärker differenziert wird? Dass nicht mehr jeder alles lernen muss?
Nein, wir brauchen ein gutes Grundwissen. Die Spezialisierung beginnt nach dem Abschluss des Studiums, und das ist auch richtig so. Wir haben ein demographisches Problem, außerdem sozusagen ein organisatorisches. Heute sind viel mehr Frauen in dem Beruf als früher, und viele von ihnen wollen oder müssen, wenn sie Kinder haben, nur noch Teilzeit arbeiten. Vor 40 Jahren war das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Studium etwa 50 zu 50. Beim Abschluss vielleicht 70 Prozent Männer, 30 Frauen. Heute sind es bei Studienbeginn 85 bis 90 Prozent Frauen, beim Studienabschluss um die 80 Prozent Frauen. Hinzu kommt, dass viele nach dem Studium eine sogenannte Exit-Strategie verfolgen, also noch etwas mit Medizin machen wollen, aber nicht mehr am Patienten. Da müssen wir schon schauen, dass der Job attraktiver wird.

Mit mehr Geld?
Das ist sicher ein Punkt. Aber wir müssen auch die Bedingungen für Teilzeit-Arbeit verbessern.

Also Ärztegemeinschaften?
Ja, das hilft, und die Tendenz geht ja auch dahin. Dafür hat der Virchowbund auch viele Jahre gekämpft.

Noch einmal zurück zur Gesundheitsreform. Sie wünschen sich die Abschaffung der Budgetierung und mehr Tempo. Aber ansonsten sind Sie damit einverstanden?
Ja. Die Reform geht nicht in die falsche Richtung, es fehlt nur an Dynamik. Und das Dilemma ist, dass wir am Ausbluten sind. Wir können nicht mehr lange warten.

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