Neustadt
Online oder Print? Was Lokaljournalisten über die Zeitung der Zukunft denken
Noch einen Tee und einen Kaffee, dann sitzen sich Stefanie Brunner (Kürzel: nne) und Gerd-Uwe Haas (guh) gegenüber. Sie, gerade 30, nach ihrem Volontariat seit vier Jahren Redakteurin bei der RHEINPFALZ. Er, 65, kurz vor der Rente und länger im Verlag, als die Kollegin auf der Welt ist.
nne: Sag mal Gerd-Uwe, bevor wir heute über die Zukunft der Zeitung reden, wie war’s eigentlich früher?
guh: Als ich 1980 als freier Mitarbeiter angefangen habe, war die RHEINPFALZ eine der ersten Regionalzeitungen, die Computer in der Redaktion hatte. Damals habe ich meine Texte aber noch mit der Schreibmaschine geschrieben und auf Papier in der Redaktion abgegeben. Um 17 Uhr kam der Kurier, um die ausgerechneten, beschnittenen Bilder nach Ludwigshafen zu bringen. Heute läuft alles digital. Wir sind ein schnelleres Medium geworden – nah dran am Radio, das unschlagbar ist. Trotzdem bleibt der Gang zum Briefkasten für mich ein tägliches Ritual. In meiner Familie war immer die RHEINPFALZ auf dem Tisch, und es wurde auch darüber gesprochen, was drinsteht.
nne: Als ich ein Kind war, wurden die Seiten der RHEINPFALZ am Frühstückstisch hin und her getauscht. Heute erreichen mich Nachrichten digital, und zwar dann, wenn ich Zeit habe. Meistens öffne ich in der Bahn zur Arbeit die RHEINPFALZ-App und scrolle erst mal über die wichtigsten Schlagzeilen, schaue nach aktuellen Themen. Tagsüber kriege ich das Wichtigste über Push-Nachrichten mit. Abends nehme ich mir eher die Zeit, um intensiver zu lesen. Wobei ich zugeben muss: Eine Printseite liest man immer aufmerksamer als Text am Bildschirm.
Print: „Überblick mit einem Blick“
guh: Anfassen, umblättern: Mir würde das Haptische ohne Printzeitung wirklich fehlen. Durch das Layout gibt die Redaktion Orientierung: Mit einem Blick hast du einen Überblick, was wichtig ist – das schaffst du online nicht. Da hast du nur eine endlose Auflistung ohne Gewichtung. Die Printzeitung gibt dir das. Und sie wirkt glaubwürdiger, sodass es die Chance gibt, ein Leuchtturm in der Informationsflut zu sein und zu zeigen: Wir geben verlässliche Information.
nne: Online kämpft jeder um Aufmerksamkeit, die mögliche Reichweite ist immens. Trotzdem gibt es auch bei digitaler Zeitung eine Gewichtung: Was wird oben ausgespielt, was über andere Kanäle verbreitet, alles mit Blick darauf: Was stößt auf das größte Interesse? Irgendwo ist man da aber von Algorithmen großer Konzerne wie Google oder Meta abhängig. Mit dem E-Paper gibt es die digitale RHEINPFALZ aber auch in gewohntem Format, und ich kann mit Funktionen wie „meine RHEINPFALZ“ Themen und Autoren folgen, sodass ich neue Artikel direkt angezeigt bekomme. Das macht Online-Zeitung persönlicher und auch umfassender, weil ich Inhalte aus der ganzen Pfalz lesen kann. Die Printzeitung hat nur einen Lokalteil, den die meisten früher oder später wegwerfen – übrigens nicht gerade ressourcenschonend.
guh: Natürlich müssen wir uns im Internet und den sozialen Medien, wo nur Sekunden bleiben, um wahrgenommen zu werden, bewegen, um relevant zu bleiben. Mir ist aber auch wichtig, dass wir nicht unsere Print-Leser vergessen. Unsere Inhalte haben sich über die Jahre stark verändert, die Identifikation mit der RHEINPFALZ ist immer noch hoch. Ich will nicht das Rad zurückdrehen, aber es birgt auch Gefahren, rund um die Uhr zu produzieren. Früher ist eine Zeitung an einem Tag erschienen. Heute kann sich stets etwas verändern, Zwischenstände werden Schlagzeilen. Das kann Druck erzeugen, die Ansprüche an Redakteure steigen.
Online: „Neues Format, gleiche Qualität“
nne: Die Qualität des Journalismus muss gleich hoch bleiben, nur das Format ändert sich. Im Zeitalter der Desinformation, in dem jeder publizieren kann, müssen sich Redaktionen mehr erklären denn je. Gerade in den sozialen Medien geht es um kurze, prägnante Information. Mehr wollen die Leser dort erst mal gar nicht wissen.
guh: Das ist ja das Schlimme! Ist es richtig, sich da anzupassen?
nne: Wir können nicht mehr erwarten, dass die jüngeren Leute eine Zeitung am Kiosk kaufen, um sich zu informieren. Wir müssen mit der Information dahin, wo die Menschen sind, und das ist das Internet. Dort müssen wir sie von jedem einzelnen Inhalt überzeugen. Eine ganze Seite Hintergrundbericht bringt nichts, wenn ihn keiner liest. Wir müssen den Leuten erklären, warum es für sie wichtig ist, RHEINPFALZ zu lesen. Seit der Corona-Pandemie begegnen mir vermehrt Anfeindungen in Richtung „Lügenpresse“. Im privaten Umfeld werde ich fast immer gefragt, ob ich schreiben darf, was ich will. Da schwingt Misstrauen mit.
guh: Das kenne ich seit meinen Anfängen. Das ist ein generelles Misstrauen, nicht allein gegenüber Medien, sondern auch gegenüber Behörden, Politikern und Institutionen. Das hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Vielleicht, weil unsere Arbeitsweise nicht transparent genug ist?
„Nah dran an den Pfälzern“
nne: Lokale Nachrichten verlieren an Bedeutung, der Blick wird global – außer die Leute sind direkt betroffen. Das ist schwierig, weil sie ja eigentlich ein Leben hier haben, das sie mitgestalten könnten. Und wer deckt Skandale vor der Haustür auf, wenn nicht die RHEINPFALZ? In Ostdeutschland wurden die Lokalredaktionen immer kleiner, extreme Kräfte, die über eigene Kanäle propagieren, immer stärker. Als Redakteurin muss ich ganz nah dran an den Leuten in der Pfalz sein, um ihr Vertrauen zu gewinnen – aber eben auch präsent im Netz, wo sich viele informieren.
guh: Aber auch die Printzeitung hat weiter ihre Berechtigung, wenngleich sie künftig wohl teurer werden wird. Wahrheit und Fälschung sind – unter anderem durch den Aufstieg von Künstlicher Intelligenz – immer schwieriger zu unterscheiden. Hier kommt unserer Glaubwürdigkeit, gerade im Internet, eine besondere Rolle zu. Die freie Berichterstattung dient dem Zweck, die Grundlagen unseres Zusammenlebens, unsere Demokratie zu verteidigen. Das gilt heute vielleicht mehr denn je.


