Sportstypen Neustadter Wanderreiterin Michaela Klein: Ein Reisen, bei dem die Seele mitkommt
Joy und Nash schnauben begeistert, als Michaela Klein am Stall ihrer beiden Pferde ankommt. Wie ein Hund folgt Joy nun ihrer Besitzerin auf Schritt und Tritt. Denn die steuert den Platz an, wo sie das Futter für die Tiere aufbewahrt. „Im Moment bekommen sie nicht so viel Kraftfutter, weil wir frisches Gras auf der Weide haben“, sagt Klein. Es sei sehr energiereich, enthalte viel Eiweiß.
Joy ist eine zwölf Jahre alte Stute und ebenso ein American Quarter Horse wie Wallach Nash, der bereits 23 Jahre alt ist. Die Gimmeldingerin Klein ist mit den beiden Pferden nicht im Turniersport aktiv und dennoch viel mit ihnen unterwegs: Klein ist Wanderreiterin, hat 2023 in zehn Tagen sogar die Alpen auf dem Rücken von Joy überquert.
Zum Erholen
„Quarter Horses sind zum Wanderreiten ideal, weil sie nicht so riesig sind“, erzählt die 52-Jährige. Für ihren Sport sei die „Liebe zur Natur“ ausschlaggebend: „Da fällt mir unterwegs nichts Stressiges ein.“ Im Turniersport müssten Reiter und Pferd immer trainieren, müssten sich auf Prüfungen vorbereiten. Im Wanderreiten sei der Zweck die Erholung „und damit man mit seinem Pferd die Freizeit gemeinsam gestaltet“, sagt die als umweltschutztechnische Assistentin arbeitende Klein, die im Labor Waldproben bearbeitet und zudem Futtermittel analysiert.
Klein und ihre Wanderreiter-Freunde sind regelmäßig im Pfälzerwald, aber auch in den Vogesen auf Tour. Im Winter seien es pro Tag um die 20 Kilometer, im Sommer zwischen 30 und 35. „Wir treffen uns im Pfälzerwald auf einem Parkplatz mit anderen Wanderreitern“, sagt Klein zum Ablauf. Abritt sei meist gegen 11 Uhr. Immer wieder mal sind sie auch in Mußbach auf dem Parkplatz vor dem Freibad zu sehen. „Wir sind grob zwei Stunden unterwegs, dann kehren wir in eine Hütte ein, manchmal auch in Gaststätten an Sportplätzen, bevor es wieder eine ähnlich lange Strecke zurück zum Ausgangspunkt geht.“ Hier wie dort sorgen die Wanderreiter für Aufsehen.
Großes Interesse an Wanderreitern
„Es ist schade, dass wir solche Exoten sind“, stellt Klein nachdenklich fest, dass Kinder nicht mehr so oft mit Pferden in Berührung kämen. Weil sich die Tiere ja ebenfalls wie die Reiter von der langen Tour etwas erholen müssten, müssten sie oft die Eltern ansprechen, wenn deren Kinder den Pferden zu nahe kämen. Klein: „Es ist ja auch nicht ganz ungefährlich, wenn die Tiere gerade im Sommer nach einer Mücke schlagen oder sich doch einmal erschrecken.“ Deshalb ließen sie die Mädchen und Jungen nicht einfach mal auf einem Pferd sitzen, wonach sie oft gefragt würden. Aber wenn es nach der Pause weitergehe, könnten die Kinder dann schon mal die Tiere im Beisein der Reiter streicheln, „was auch immer für große Freude sorgt“.
Wie Mountainbikern sei es auch Reitern verboten, auf schmalen Pfaden unterwegs zu sein. Laut dem Reitrecht in Rheinland-Pfalz, so Klein, dürfe man auf einem Weg reiten, „auf dem man mit einem zweispurigen Fahrzeug fahren kann“. Weil sie immer wieder mal auf ihren Wanderritten durch Orte kämen, „habe ich immer Einweghandschuhe und eine Tüte dabei“. Für den Fall, dass Joy oder Nash dort etwas fallen lassen, also äpfeln. In der Regel freuten sich andere Menschen, wenn sie die Wanderreiter träfen. „Wenn wir im Sommer durch einen Ort kommen, fragen die Leute uns manchmal, ob wir Wasser für die Pferde brauchen“, erzählt die Gimmeldingerin begeistert. An einem Wochenende kürzlich habe unterwegs die Hündin eines Mitreiters angefangen zu humpeln. „Wir mussten unsere Tour abkürzen und doch einen frequentierten schmalen Weg nehmen“, erinnert sich Klein an Begegnungen mit rücksichtsvollen anderen Waldbesuchern. „Die Leute haben gleich Platz gemacht, damit wir mit den Pferden durchkommen.“
Wasser holen mit Falteimer
Bevor die Reiter sich in einer Hütte stärken, gibt’s für die Tiere erst mal mindestens zehn Minuten lang frisches Grün. „Die nehmen sich unterwegs immer mal ein paar Blätter von den Büschen“, berichtet die Reiterin schmunzelnd. Auf ihren Ritten ließen sie die Tiere regelmäßig grasen. Im Anhänger hat Michaela Klein zudem im Winter einen Sack voller Heu deponiert – ihr Pferd kann vor und nach einer Tour fressen. „Mit Wasser muss man unterwegs gucken“, sagt Klein. Sie habe immer einen Falteimer dabei. „Zur Not gehe ich auf einen Friedhof und hole dort Wasser.“
Eine Klappsäge ist ebenfalls Standard in Kleins Gepäck. „Die ist ganz wichtig, auch auf Tagestouren.“ Denn es sei im Wald sehr oft im Herbst der Fall, dass nach langen Trockenperioden Bäume umfielen und den Weg versperrten. Die Wanderreiter schneiden sich dann den Weg frei. „Das ist oft besser, als zu versuchen, mit den Pferden an einem Steilhang daran vorbeizukommen.“ Sie seien manchmal in sehr abgelegenen Gegenden unterwegs, „da muss man sich helfen können“.
GPS-Gerät immer am Reiter
Deshalb befestigen die Reiter GPS-Geräte und ihre Mobiltelefone nie am Pferd, sondern immer am Körper. Für den Fall, dass der Reiter vom Pferd fällt und das Tier wegläuft. Wären die Geräte am Pferd, „hat man keine Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen oder sich zu orientieren“. Klein: „Ich habe mein Handy meist in einer Beintasche. Ich brauche es eh oft, um Fotos zu machen.“
Wenn Klein eine mehrtägige Tour unternimmt und in zuvor gebuchten Unterkünften übernachtet, wiegt ihr Gepäck „vielleicht sechs bis acht Kilo“. Dann hat sie auch einen Ersatzbeschlag mitsamt Zange dabei. „Wir achten bei unseren Tourenplanungen darauf, dass wir möglichst nur auf Naturwegen unterwegs sind“, betont die Neustadterin, die seit 1984 reitet, seit 1994 eigene Pferde hält. Sie reitet ihre Tiere niemals ohne Hufschutz: „Das wäre Tierquälerei, da Hufe sich auf den langen Ritten und steinigen Wegen doch abnutzen und die Pferde dann fühlig werden.“ Joy zieht sie vor den Wanderritten Hufschuhe an. Nash, den meist ihr Lebenspartner reitet, hat einen Hufbeschlag, einen sogenannten Duplo-Kunststoffbeschlag. Ist der Weg zu steinig, zu felsig, steigen die Reiter trotzdem ab und führen ihre Pferde. Ebenso, wenn es steil bergab geht. „Man drückt sonst dem Pferd den Sattel in die Schultermuskulatur.“ Leute fragten dann manchmal, „ist das Pferd müde?“, erzählt Michaela Klein und lacht. Ihre Antwort: „Es heißt ja Wanderreiten: Wir wandern und wir reiten.“ So schauten sie sich auch Burgen oder schöne Aussichten auf ihren Touren an.
Was das Pferd können muss
Für einen Außenstehenden sehe Wanderreiten „so einfach aus“, weiß Michaela Klein. Sie betont, dass für Reiter und Pferd eine gute Grundausbildung wichtig sei, damit das Pferd eine gute Rückenmuskulatur entwickle. „Wir sitzen ja fünf, sechs Stunden im Sattel.“ So sei es wichtig, das Pferd zusätzlich zum Wanderreiten etwa mit Longiertraining zu gymnastizieren, damit es „nicht so dahinlatsche“. Denn es trage schon einiges an Gewicht: den Reiter, das Gepäck, den Sattel. „Und ein Langstreckenläufer macht ja auch Gymnastik.“ Das Pferd müsse auf Wanderritte physisch wie psychisch vorbereitet werden. „Es muss ruhig und gelassen über Baumstämme steigen, über Brücken gehen oder Bäche durchqueren.“ Denn manchmal sind kleine Brücken zu marode, um ein Pferd darüber gehen zu lassen: Joy und Nash wiegen immerhin um die 500 beziehungsweise 550 Kilo.
Zum größten Teil seien sie auf ihren Wanderritten im Schritttempo unterwegs, sagt Klein. „Die ersten Kilometer sowieso, so dass die Tiere sich warmlaufen.“ In den Vogesen sei das Geläuf so hart, „das ist eher nichts mit Galopp“. Im Pfälzerwald hingegen könne man schon mal traben oder galoppieren. Michaela Klein gehen die Geschichten übers Wanderreiten nicht aus – sie erzählt begeistert.
Inzwischen aber wiehert Joy ungeduldig und schaut vorwurfsvoll zu ihrer Besitzerin, die immer noch nicht weiteres Futter herausgeholt hat. Michaela Klein seufzt schmunzelnd: „Das ist so, als hätten sie eingebaute Armbanduhren ...“ Doch die Gimmeldingerin bleibt gelassen. „Wanderreiten ist eine Art zu reisen, bei der die Seele mitkommt“, zitiert sie einen Freund.