Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Modehändler: Wir brauchen die Kirmes beim Weinlesefest definitiv nicht

Er sei in der Verkehrsdebatte nicht der Gegenspieler der Grünen, sagt Modehändler Jochen Stahler.
Er sei in der Verkehrsdebatte nicht der Gegenspieler der Grünen, sagt Modehändler Jochen Stahler.

Jochen Stahler spricht sich gegen den Jahrmarkt während des Weinlesefest aus – und gegen kostenlose Parkplätze in der Innenstadt. Warum, erklärt der Modehändler im Interview.

Herr Stahler, was ist für Sie das größere Ärgernis: Parkplatzmangel oder Volksfeste?
Volksfeste sind für mich gar kein Ärgernis. Ich bin jemand, der selbst gern feiert, der ein geselliger Zeitgenosse ist. Aber man muss schon schauen, was für eine Stadt tragbar ist. Dabei geht es nicht nur immer um uns Händler, es geht auch um die Anwohner. Ich bin auch Vermieter, vorne in der Friedrichstraße habe ich Mieter, die zum Teil 90 plus sind, die haben mir Grausames berichtet vom Rheinland-Pfalz-Tag. Das Schlafzimmer einer Mieterin war nur viereinhalb Meter von der Box der Rockland-Radio-Bühne entfernt. Da muss man schon sehen, was man den Leuten zumutet. So, jetzt steht das Weinlesefest vor der Tür, das ich übrigens toll finde, ich bin dort ein sehr oft gesehener Gast.

Aber Sie haben im vergangenen Jahr in Aussicht gestellt, Ihre Läden in der Zeit zu schließen, wenn der Jahrmarkt wieder in der Exterstraße ist.
Ich bin da im Gespräch mit der Stadt. Meine Bedingungen sind klar: Der Jahrmarkt darf stattfinden, wenn die Einschränkungen für meine Kunden nicht zu groß sind, wenn das Parkhaus Hetzelgalerie klar erkennbar zu erreichen ist. Die tatsächliche Möglichkeit, es anzufahren, bringt nichts, wenn sich trotzdem keiner traut reinzufahren.

Für Jochen Stahler ein Ärgernis: Wegen der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes findet der Jahrmarkt während des Weinlesefestes i
Für Jochen Stahler ein Ärgernis: Wegen der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes findet der Jahrmarkt während des Weinlesefestes in der Exterstraße statt.

Dann wäre der Jahrmarkt in der Exterstraße für Sie in Ordnung?
Nein, schon wegen der heftigen Belastungen für die Anwohner und wegen der Auswirkungen auf den Handel. Man sollte auch mal die Frage stellen, welche Zielgruppen wir mit dem Weinlesefest ansprechen wollen. Wir haben die Haiselscher, die gehören traditionell dazu. Wir haben den Spiegelpalast als noch mal etwas wertigere Variante. Das passt super zu Neustadt. Aber ich vertrete nach wie vor die These, dass wir die Kirmes definitiv nicht brauchen, weil die eine komplett konträre Zielgruppe hat. Und in der Exterstraße ist es eine absolute Notlösung, die keinem wirklich gefallen hat. Wenn man eine Kirmes machen will, dann sollte man die auf der grünen Wiese veranstalten, dafür ist die „grüne Wiese“ prädestiniert.

Welche „Wiese“ schwebt Ihnen da vor?
Da bin ich auch nicht zu hundert Prozent im Bild, wo man das tatsächlich tun kann. Aber meines Wissens hat man ein Gelände schon in Augenschein genommen.

Für dieses Jahr wird das aber nichts mehr.
Da kann man ja künftig einen anderen Termin wählen und vielleicht noch ein großes Bierzelt aufstellen. Für dieses Jahr erwarte ich aber, dass uns die Stadt beim Thema Kirmes entgegenkommt. Wenn man es wieder so macht wie im vergangenen Jahr, ohne jegliche Verbesserung, werde ich prüfen, was für Möglichkeiten wir da haben. Wir werden, das verspreche ich jetzt schon, uns in „Guerillataktik“ wehren, und zwar mit Sicherheit noch stärker als im letzten Jahr.

Es geht Ihnen um die Parkplätze. Wenn wir da generell drauf gucken: Wo müssen die denn sein, dass Sie sagen, das ist für die Kunden sinnvoll?
Was bei vielen falsch verstanden wurde: Ich bin nie ein Fürsprecher dafür gewesen, dass alle Kunden vor den Läden direkt parken können, dass wir überall kleinteilig da zwei Parkplätze haben und dort drei Parkplätze. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich bin nicht abgeneigt, bei der ein oder anderen Straße zu sagen: Da brauchen wir vielleicht gar keine Parkplätze mehr. Wichtig ist für unsere Kunden, dass sie planbar in Neustadt einen Parkplatz bekommen, ohne ewig suchen zu müssen. Entweder mit einem Parkleitsystem oder genügend Parkplätzen in erreichbarer Nähe. Wenn sie wissen, sie finden einen Parkplatz, dann zahlen sie dafür auch Betrag X. Das ist viel besser, als wenn der Kunde weiß, in Neustadt gibt’s theoretisch auch kostenfreie Parkplätze, aber man braucht eine Dreiviertelstunde, bis man einen gefunden hat. Es geht also auch nicht um kostenlose Parkplätze. Die Kosten sollten deutlich unter den Parkhäusern von Mannheim liegen, aber ein Schnäppchen müssen sie nicht zwangsläufig sein.

Weil die Parkplätze dann möglicherweise durch Dauerparker blockiert sind?
Genau. Das Schlimmste wäre, das Parken auf dem Alten Turnplatz und alles in Schlagdistanz zu den Geschäften kostenfrei zu machen. Dann parken da alle, die in der Stadt arbeiten.

Wenn das Parkplatzproblem gelöst wäre, wäre dann für Sie alles gut?
Generell tut sich der Handel in der Innenstadt schwer und wird sich in den nächsten Jahren noch schwerer tun. Rahmenbedingungen wie der steigende Mindestlohn und so weiter werden ihm definitiv zusetzen. Aber das sind Dinge, die deutschlandweit gleich sind, mit denen jeder klarkommen muss, wenn er überleben will.

Was ist denn mit anderen belastenden Faktoren: die Konkurrenz durch Textildiscounter, der Onlinehandel, die aktuell schwierige wirtschaftliche Lage?
Textildiscounter gibt’s schon lange, sie haben sicherlich ihre Berechtigung im Markt, zielen aber nachweislich auf eine andere Zielgruppe ab. Ich denke, die werden uns nicht weiter vom Umsatz her belasten. Vorm Onlinehandel haben wir tatsächlich keine Angst, aus mehreren Gründen. Onlinehandel hat eine mindestens genauso hohe Kostenstruktur wie wir. Auch Amazon hat aktuell mit dem Onlinehandel keine große Marge. Die verdienen drumrum Geld, über das Cloud-Geschäft und so weiter. Ich sage immer, bei uns schmecken der Kaffee und der Cappuccino deutlich besser als bei Amazon, und wenn man in der Stadt ist und auf Toilette muss, ist das bei Zalando auch nicht möglich. Da muss jeder seine Stärken stärken, das sehe ich eher nicht als Problem. Die wirtschaftliche Lage hingegen schlägt sich natürlich in unseren Umsätzen nieder.

Als Modehändler müssen Sie den Geschmack der Kunden treffen. Ist das Routine oder laufen Sie da auch immer wieder Gefahr, daneben zu liegen?
Tatsächlich ist das mittlerweile ganz viel Routine. Wir haben verschiedene Zielgruppen und kennen die Lieferanten, die am Markt in den Zielgruppen am stärksten sind. Das lässt sich über Brancheninfos im Vorfeld sehr gut herausfinden. Das erklärt auch so ein bisschen, warum Modehäuser in unserer Größe deutschlandweit ein ähnliches Sortiment führen. Dann gibt es aber auch Trends, international oder national, die beim Endverbraucher mal besser oder schlechter ankommen.

Was sind die konsumstärksten Zeiten für Sie übers Jahr betrachtet?
Das sind die Einstiege in die Saison, im Frühjahr und im Herbst. Der Oktober ist schon ein sehr starker Monat, auch mit dem Weinlesefest, wenn wir dann auch erreichbar sind. Da können wir die Touristen, die in der Stadt sind, gut bedienen. Und dann ist der Dezember als Weihnachtsmonat immer noch wichtig.

Neustadt hat vor ein paar Monaten ein Mobilitätskonzept verabschiedet, das den Radverkehr stärken soll. Wie blicken Sie da drauf?
Ich werde ja oft als Gegenspieler der Grünen oder des Mobilitätskonzepts bezeichnet, das bin ich definitiv nicht. Ich bin selbst begeisterter Fahrradfahrer. Es darf aber kein Populismus sein. Es dürfen keine Fahrradwege in Hauptverkehrsstraßen entstehen, wo am Schluss die Fahrbahnbreite für etwas breitere Autos oder Lkw nicht mehr reicht.

Diejenigen, die den Autoverkehr unattraktiver machen wollen, tun dies ja nicht aus Selbstzweck, sondern weil dieser Verkehr schlecht für Umwelt und Klima ist.
Wir können uns natürlich in Deutschland bei allem geißeln bis aufs Messer. Umwelt muss aber global gedacht werden. Aus meiner Sicht gibt es hier größere Probleme. Natürlich: Wenn es den Handel in der Innenstadt nicht mehr gibt, tragen wir sicherlich ein Stück zur Autofreiheit bei, weil dann kaum noch mit Autos in die Stadt gefahren wird. Aber eine Stadt wird in der Außenwirkung hauptsächlich über die Attraktivität der Innenstadt definiert. Keiner wird sagen: Ludwigshafen ist eine sensationell tolle Stadt, weil es dort ein großes Dax-Unternehmen gibt. Jeder sagt: Ludwigshafen ist keine attraktive Einkaufsstadt.

Und was für Möglichkeiten sehen Sie, die Aufenthaltsqualität und die Attraktivität von Neustadts Innenstadt zu steigern?
Ich bin für eine grünere Innenstadt. Die Palmen in der Fußgängerzone sind schon mal eine tolle Geschichte. Aber da kann man definitiv mehr machen, auch in Sachen Beschattung müsste man mehr tun. Man darf sich jedenfalls nicht zurücklehnen. Im Ruhrgebiet oder in Nordhessen gibt es Städte über 100.000 Einwohner, die haben praktisch keinen Handel mehr. Die Gefahr ist real. Für Geschäfte, die schließen, findet sich nicht so einfach gleichwertiger Ersatz.

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