Deidesheim
Mitmachen, Zuhören, Widersprechen: Breites Bündnis steht für Demokratie und Vielfalt
Um 15.15 Uhr, als die Mahnwache auf dem Stadtplatz schon ihrem Ende zuging, ließen vier junge Frauen eine Hand voll Luftballons los. In allen Farben schwebten sie nach oben, so bunt wie die Teilnehmer der Veranstaltung sich die Gesellschaft wünschen. „Was ist Demokratie?“ Überlegungen zu dieser Frage hatten die Frauen schon im Vorfeld gesammelt und gaben sie nun den rund 200 Zuhörern mit auf den Weg. Pressefreiheit, Vielfalt, Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz, Kompromisse: Das waren nur einige der Begriffe, die die Antworten enthielten.
Schon zum fünften Mal hatte das Bündnis für den Erhalt der Demokratie und Vielfalt in der Verbandsgemeinde Deidesheim zu einer Mahnwache auf dem Stadtplatz eingeladen, und die Resonanz war auch dieses Mal gut. Aktueller Anlass war die bevorstehende Landtagswahl, und so war denn auch der abschließende Appell der Organisatoren: „Gehen Sie zur Wahl“.
Das Bündnis wird von über 50 Unternehmen, Vereinen, christlichen Kirchengemeinden, dem Verbandsgemeinderat, den Ortsbürgermeistern, den demokratischen Parteien in der Verbandsgemeinde sowie einer großen Anzahl von Bürgern getragen. Erstmals in Erscheinung getreten ist es vor den Europa- und Kommunalwahlen 2024. Angesichts der wachsenden Bedrohung der Demokratie ging es auch am Samstag wieder darum, im Vorfeld einer wichtigen Wahl auf die „Werte und Inhalte unserer Gesellschaft“ hinzuweisen.
Buchna: Bündnisse als Fundament
Die Bedeutung des „Dorflebens“, der Gesellschaft vor Ort, für die Stärkung der Demokratie hob auch Kristian Buchna, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Stiftung Hambacher Schloss, in seinem Impulsvortrag hervor. Angesichts einer weltweiten „Welle der Autokratisierung“ könnte man sich als Bürgerin und Bürger leicht ohnmächtig fühlen, sagte er. Doch „Ohmacht und Angst sind keine Option“. Wenn sich breite Bündnisse bildeten, Ehrenamtliche sich einsetzten, und es eine lösungsorientierte Kommunalpolitik gebe, dann sei das das beste Fundament für eine stabile, lebendige und krisenfeste Demokratie.
„Man darf nicht vergessen, dass gerade die Kommunalpolitik in weiten Teilen von ehren- und nebenamtlich engagierten Menschen getragen wird“, unterstrich Buchna. Umso beschämender sei es, wenn Hetze und Hass, teilweise sogar Gewalt sich gegen jene richte, die sich in den kommunalen Gremien engagieren. „Das Ehrenamt ist das Rückgrat der Demokratie.“
Besorgniserregend sei vor diesem Hintergrund, dass sich die Anzahl der Menschen, die Mitglieder einer Partei sind, seit 1990 ungefähr halbiert habe – von rund 2,4 Millionen auf rund 1,2 Millionen. Das Deidesheimer Bündnis für den Erhalt von Demokratie und Vielfalt sei indes ein „starkes Zeichen“ für zivilgesellschaftliches Engagement.
„Demokratie sind wir alle“
Die Ortsgemeinden waren allesamt mit den Bürgermeistern und/oder Beigeordneten vertreten und hatten sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Stellungnahme geeinigt. „Demokratie ist kein Selbstläufer, sondern ein täglicher Auftrag“, heißt es darin. „Sie lebt vom Mitmachen, Zuhören, Widersprechen und auch vom Aushalten unterschiedlicher Meinungen.“ Ehrenamtliche, die Verantwortung übernehmen, seien eine wichtige Säule, doch Demokratie lebe nicht nur in den politischen Gremien, sondern in der ganzen Gesellschaft, in der Schule, im Kindergarten, in der Kirche, in den Vereinen oder bei der Feuerwehr. „Demokratie ist kein Zuschauerraum, sie braucht Mitwirkung. Demokratie sind wir alle.“ Den Ortsbürgermeistern war es wichtig zu unterstreichen, dass sie bei der Mahnwache nicht als Parteipolitiker in Erscheinung treten. „Wir werben heute nicht für eine bestimmte politische Richtung, sondern für Beteiligung und Engagement.“
„Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“: Mit diesem Zitat wies die Gruppe „Füreinander Deidesheim“ auf die Gefahren für die Demokratie und die Verantwortung jedes Einzelnen hin. Schüler der Integrierten Gesamtschule Deidesheim/Wachenheim griffen das Thema Diversität und Toleranz auf, Vertreter der TSG Deidesheim die Bedeutung von Sportvereinen für die Herausbildung von Demokratieverständnis. Ein selbst verfasstes Gedicht im Stil von Martin Luther Kings „I have a dream“ endete mit den Worten: „Träumen darf man ja“. Auch Gerhard Frübis von der Pfarrei Heiliger Michael appellierte an die Bürger, die Dinge „nicht einfach laufen zu lassen“. Der Deutsche Katholikentag im Mai stehe daher unter dem Motto „Hab Mut, steh auf“.
Mahnung und Appelle standen im Zentrum bei der Veranstaltung auf dem Stadtplatz. Doch auch Musik und Spaß kamen nicht zu kurz. Ludwig Meyer und Lisa Deutsch sorgten für musikalische Einlagen, und das Publikum stimmte spätestens bei „Imagine“ mit ein. Beim „Palzlied“ zum Abschluss erhielt das Duo sogar Verstärkung am Mikrophon: Sänger Nr. drei war Verbandsbürgermeister Dieter Dörr.