Neustadt
Mit Postbotin auf Tour: Was kann die neue Gigabox?
Donnerstag, 9.30 Uhr: Auf dem Gelände des DHL-Verteilzentrums in der Joseph-Monier-Straße 5 herrscht Aufbruchstimmung. Die Postzusteller sortieren seit 6.30 Uhr ihre heutigen Routen vor. Nun werden kleine und große Pakete gestapelt in Transportwagen über den Hof zu den Fahrzeugen geschoben. Ein junger Postbote beißt noch schnell in seine Brotstulle, bevor er sich mit dem elektrischen Streetscooter beinahe geräuschlos in Bewegung setzt.
Stephanie Hoyn aus Duttweiler arbeitet seit 15 Jahren bei der Post. Die 39-Jährige fährt eine der vier Gigaboxen, die es in Neustadt gibt. Der weiterentwickelte elektrische Kastenwagen der Deutsche Post/DHL Group wird von rechts gelenkt. Das Steuer auf der „falschen“ Seite sei nur am Anfang komisch gewesen, versichert Hoyn und nennt den rechtssitzend gefühlt größeren Wendekreis als Beispiel. „Man gewöhnt sich aber schnell daran.“ Die Gigabox hat einen höheren Laderaum als sein Vorgänger, sodass die Zusteller einsteigen und ihn im Stehen beladen können. Bei bis zu 120 Paketen, die sie pro Tag zustellt, ein wichtiger Faktor. „Das ist sehr gut, weil das Einladen nicht so schnell ins Kreuz geht“, erklärt Hoyn, die in der Regel in Geinsheim zustellt, aber heute für eine Kollegin im Bereich Edenkoben unterwegs ist.
Praktische Paketstationen
Inwiefern die Rechtslenkung die Arbeitssicherheit erhöht, wird noch im Praxistest deutlich. Damit die RHEINPFALZ mitfahren kann, wird der Beifahrersitz, auf dem normalerweise die Briefkisten stehen, zurückgeklappt. Mit dem multifunktionalen Scanner, der fast so aussieht wie ein normales Smartphone, trägt sich Hoyn in das digitale Fahrtenbuch ein. Endlich kann es losgehen. Erster Halt: Die Packstation neben dem Aldi-Markt in Edenkoben. Hier wird Hoyn etwa 30 Pakete los, die sie nicht mehr aus den Augen lässt, sobald sie den Postwagen verlassen. Vor dreisten Paketdieben soll auch die automatisch schließende Seitentür der Gigabox schützen – wenn man mehrmals ein- und aussteigen muss, sperrt sie den Zusteller aber schnell mal aus, wenn der nicht zum Öffnen auf einen kleinen Transponder drückt.
Die Pakete werden am Scanner der Packstation eingelesen. Daraufhin öffnet sich automatisch ein Fach. Sobald man das Paket eingelegt und das Fach geschlossen hat, geht ein weiteres auf, solange, bis Hoyn alles in der Station verstaut hat. Andere Packstationen, etwa neben Edeka SBK Kissel, funktionieren ohne Bildschirm. Gescannt wird dann mit dem speziellen Handy, das sowieso immer genau weiß, was bei welchem Paket zu tun ist. Die Kunden können ihre Sendung später bequem aus der Station holen oder ihre Retouren über sie aufgeben, weshalb Hoyn auch zahlreiche Pakete aus der Station mitnimmt.
Ausstieg auf sicherer Seite
Bleiben noch 33 Pakete, zwei Kisten voller Briefe und die Werbeprospekte für die Haustürzustellung. „Ich kenne eigentlich jede Straße“, sagt Hoyn. Und jede gute Parkmöglichkeit, die sich auf dem Weg für die knapp über sechs Meter lange Gigabox findet. Beim Aussteigen im Wohngebiet zeigt sich der große Vorteil des Rechtslenkers: Hoyn steht direkt auf der Gehwegseite. „Bei anderen Fahrzeugen kann es zu brenzligen Situationen kommen, weil man die Tür zur Straße hin öffnet“, erzählt die Zustellerin aus eigener Erfahrung, als ein Herr sie im Vorübergehen herzlich grüßt und gleich anmerkt: „Na, heute zu zweit unterwegs?“ Nach einem kurzen Plausch läuft Hoyn zügigen Schrittes, den Arm voller Briefe und Prospekte, zu den Briefkästen, deren Schlitze beim Einwurf der Post klappern.
Die RHEINPFALZ hilft mit, braucht aber viel länger, um die Hausnummern zu finden, die wider Erwarten nicht immer logisch gerade auf der einen und ungerade auf der anderen Seite liegen. Manches Haus findet sich sogar erst hinter der offensichtlichen Häuserreihung. „Das hat mir die Kollegin vorher gesagt“, verrät Hoyn, woher sie den Durchblick hat. Auch die Briefkästen, die es in allen Formen und Farben, etwa mit Bullauge oder in die Außenmauer integriert gibt, sind nicht immer leicht zu entdecken. An der nächsten Tür schlägt ein Vierbeiner Alarm. Sein Besitzer versichert: „Der meint das nicht persönlich!“ Von einem Hund gebissen worden, das sei sie noch nie, sagt Hoyn.
Kontakt und Herzlichkeit
Als sie gerade die nächste Sendung heraussucht, hält ein BMW-Fahrer neben der Gigabox an. Ob sie etwas für ihn dabei habe?, fragt er und nennt seinen Namen. Die Postbotin kann aus dem Stand heraus verneinen. „Ich liebe meinen Job“, sagt Hoyn, der gefällt, dass sie als Zustellerin ihre Arbeit selbstständig erledigen kann. Den Kontakt zur Kundschaft, deren Herzlichkeit, das motiviere sie. Eine ältere Dame bedankt sich besonders für die Zustellung, und eine jüngere ist auch nicht sauer, als Hoyn ein zweites Mal bei ihr klingelt, um noch ein Paket für den Nachbarn abzugeben. Mit dem Etikettdrucker aus der Hosentasche ist die Benachrichtigung für den abwesenden Empfänger ruck zuck gedruckt.
Manchmal wird’s eng, zum Beispiel, wenn die Post bis hoch zur Burgschänke in St. Martin muss. Zur Unterstützung hat die Gigabox nicht nur eine Kamera nach hinten, sondern auch nach vorne. Letztere zeigt ein Bild an, sobald der linke Blinker angemacht und mit maximal Tempo zehn gefahren wird. Das soll beim Überholen von Hindernissen helfen, den Gegenverkehr besser einzusehen – schließlich ist das von der rechten Seite aus deutlich schwieriger.
Keine Unfälle mit Gigabox
„Wir hatten noch keine Unfälle mit der Gigabox“, zeigt sich Anna Bonn, Betriebsmittelmanagerin bei der Post, zufrieden mit der Bilanz seit der Einführung 2022. Das neue Modell werde auch an anderen Standorten eingesetzt, „aber gerade in Neustadt sind sie sehr gefragt“. „Ich will nichts anderes als die Gigabox mehr“, sagt auch Hoyn. Was den Streetscootern noch fehlt? Eine Kamera an der linken Seite, die den toten Winkel zeigt, sagt sie nach kurzem Überlegen. Damit die Neustadter DHL-Flotte, aktuell 38 E-Fahrzeuge und 33 Verbrenner, weiter elektrifiziert werden kann, muss die Ladeinfrastruktur am Verteilzentrum erst umgerüstet und erweitert werden. Das Ziel der Deutschen Post: bis 2050 emissionsfrei auszuliefern.
Mittlerweile haben dunkle Wolken die Sonne über Edenkoben verdrängt. Man kann den nahenden Regen bereits riechen, noch bevor der erste Tropfen fällt. Hoyn gibt Gas, es fehlen nur noch zwei Straßen auf ihrer Route. Am Ende schafft sie es trocken zurück zum Neustadter Verteilzentrum. Der ungeübte Zusteller spürt nach so einer Tour seine Füße, Hoyn sagt nur lachend: „Ich brauche sicher kein Fitnessstudio.“ Heute muss sie nur noch schnell die Retouren ausladen, dann geht die Postzustellerin in den wohlverdienten Feierabend.