Neustadt
„Mit der Bagage erst mal durch“: Christian Baron liest im Casimirianum
Drei Tage vor dem FCK hatte Christian Baron ein Heimspiel in der Pfalz – fast jedenfalls. Im ausverkauften Neustadter Casimirianum stellte der Autor seinen aktuellen Roman „Drei Schwestern“ vor. Es wurde ein so persönlicher wie politischer Abend.
Der Verweis auf den 1. FC Kaiserslautern: Er ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Roten Teufel vom Betzenberg sind Christian Barons Herzensmannschaft seit Kindertagen. Er laufe in Berlin gerne im FCK-Hoodie durch die Stadt und besuche Fankneipen, um die Spiele des Zweitligisten zu schauen, erzählte der 40-Jährige. Am 30. Juli soll sein Buch „1. FC Kaiserslautern: Eine Liebeserklärung“ bei Ullstein erscheinen. Nachdem er eigentlich mit der Stadt, in der er am 27. Mai 1985 geboren wurde und in der er aufgewachsen ist – unter schwierigen Umständen, von denen sein Buch „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt – abgeschlossen hatte.
Baron hat seine Wurzeln niemals komplett gekappt
Abgeschlossen? Nur in literarischer Hinsicht, wie bei seinem Besuch in Neustadt auf Einladung des Literarischen Forums und der Katholischen Frauengemeinschaft Diözesanverband Speyer (kfd) schnell sehr deutlich wurde. Anders als etwa der französische Autor Édouard Louis, mit dem er gerne verglichen werde, sei es ihm nie darum gegangen, seine Wurzeln komplett zu kappen, sagte er im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Christine Stuck. Er sei oft und gerne in der Pfalz, sagte Baron, und inzwischen pflege er auch wieder seinen Dialekt, den er als junger Mann loszuwerden versucht habe. Es war nicht nur deswegen eine Freude, ihm bei der Lesung von drei Passagen aus „Drei Schwestern“ zuzuhören.
„Drei Schwestern“, im Sommer 2025 erschienen, ist also der Abschluss der „Kaiserslauterer Trilogie“, die mit „Ein Mann seiner Klasse“ 2020 begann und mit „Schön ist die Nacht“ 2022 fortgesetzt wurde. Die Stadt stehe dabei gleichzeitig exemplarisch für mittelgroße deutsche Städte – die zwischen den dominierenden Genres Großstadtroman und Dorfroman in der zeitgenössischen Literatur unterrepräsentiert seien – und auch unverwechselbar für sich selbst, sagte Baron. Der sich sehr freute, als sich auf seine Frage, ob jemand beim legendären Bob-Marley-Konzert 1980 auf dem Betzenberg gewesen sei, tatsächlich ein paar Leute im Publikum meldeten.
Von Berlin hat die echte Mutter immer nur geträumt
Das Konzert spielt eine Rolle im Roman „Drei Schwestern“. Nachdem er zuvor in „Schön ist die Nacht“ die Geschichten seiner Großväter erzählt hatte, setzte Baron mit diesem Buch seiner Mutter und seinen beiden Tanten ein literarisches Denkmal. Im Anfang der 1980er-Jahre spielenden Buch heißen die drei Frauen Mira, Juli und Ella und versuchen, jede auf ihre Weise, ihrem Milieu zu entkommen, ihrer Klasse, wie der studierte Politikwissenschaftler und Soziologe Baron es ausdrücken würde. Im Buch schickt er sie ins Pfalztheater, um die Inszenierung des Tschechow-Dramas „Drei Schwestern“ anzusehen.
Und er schickt Mira für zwei Jahre nach Berlin – wovon seine jung verstorbene Mutter immer geträumt habe, wie er erzählte. Es ist eine Schlüsselstelle in dem Buch und gab auch im Gespräch in Neustadt Anlass zum Nachdenken: Warum gilt eine Gegend in Kaiserslautern, in der Menschen unter schwierigen Bedingungen leben, als „assi“, während eine versiffte Hinterhof-WG in Berlin, in der genau die gleiche Armut vorherrscht, angeblich „cool“ ist? Wer entscheidet das?
„Die Scham bricht immer wieder durch“ – bis heute
Es ist eine von vielen Fragen, die der Abend aufgeworfen hat. Fragen von Zugehörigkeit, davon, dass unsere Herkunft uns prägt, wie weit wir uns auch davon entfernt haben mögen. Christian Baron, der nach abgeschlossenem Studium und Zeitungsvolontariat lange als Journalist arbeitete und heute als freier (Erfolgs-)Autor ein privilegiertes Leben mit seiner Familie in Berlin führt, sagte: „Die Scham ist immer da und bricht in den Momenten aus, in denen man sie am wenigsten gebrauchen kann.“ Die Scham, der Schmerz, die soziale Struktur unserer Gesellschaft – über all das und mehr hätte man noch länger und intensiver sprechen mögen. Aber es wird sicher an anderer Stelle wieder die Gelegenheit geben. Schließlich kommt er ja immer gerne in die Pfalz zurück.
Er sei zwar jetzt „mit der Bagage erst mal durch“, sagte Christian Baron schmunzelnd. Aber mit dem nächsten Roman ist er schon befasst. Auch darin werde die soziale Frage wieder eine Rolle spielen. Wofür er das alles tut, weiß der Schriftsteller, der sich selbst erstaunlicherweise gerne als „Schreiberling“ bezeichnet, auch genau und sprach einen denkwürdigen Satz ganz gelassen aus: „Das Schreiben macht mir gar nicht so viel Spaß. Aber das geschrieben haben.“
Lesezeichen
Christian Baron: „Drei Schwestern“; Claassen; 352 Seiten; 24 Euro.