Neustadt Meerjungfrau ohne Tichel
«Deidesheim.» Die deutsch-israelische Künstlerin und Autorin Yehudis Jacobowitz las am Samstagabend auf Einladung des „Freundeskreises ehemalige Deidesheimer Synagoge“ im Ratssaal der Verbandsgemeinde aus ihrem Buch „Entwurzelt / Verwurzelt“ – machte dabei die Herausforderungen und zwiespältigen Gefühle deutlich, denen sie sich als Neueinwanderin in ihrer jüdische Heimat gegenübersah und -sieht.
Da ist zunächst einmal die Sprache: Natürlich kann sie Hebräisch, aber sie ist in München geboren und aufgewachsen, heiratete einen amerikanischen Juden, mit dem sie sich in Englisch austauscht. Die Kinder sind dreisprachig erzogen. In israelischer Gesellschaft aber fällt sie mit ihrer aschkenasisch gefärbten Aussprache auf. Weil Israelis mit dem aschkenasischen „S“ am Ende ihre Vornamens nicht klar kommen, wechselt sie zum Beispiel bei einer Frauen-Networking-Party zum einfacheren hebräischen „Yehudit“ mit „T“ um. Jacobowitz bezeichnet sich in ihrem Tagebuch selbst als „Meerjungfrau ohne Tichel“. Denn sie ist eine modern-orthodoxe Frau, die der Tradition gemäß ihr Haar mit einem Tuch bedeckt. „Tichel“ ist der jiddische Ausdruck dafür. Doch sie schreibt auch: „Wir sind Zwitterwesen der Gesellschaft. Ein Teil von uns ist hier, der andere Teil, jener mit der Meerjungfrauenflosse, dem Meer unserer alten Heimat und Prägung entstiegen. Das trennt uns von den hier Geborenen und Aufgewachsenen. Ein Sirenen-Leben zwischen Sehnsuchtsorten, auf der beständigen Suche nach den richtigen Gewässern.“ Yehudis Jacobowitz ist aber bereit, sich einzufügen, „in eine Gesellschaft, die niemals wirklich meine sein wird, in der ich nie wirklich dazugehören werde“, die sie aber in all ihrer Zerrissenheit trotzdem liebt, weil es die beste ist, die sie hat. Das Schreiben, das sagt sie an diesem Abend, sei für sie ein Ventil, entspringe der Notwendigkeit, sich auch mit ganz alltäglichen Dingen auseinanderzusetzen wie dem Kauf einer neuen Waschmaschine. In einem Haushalt mit zwei heranwachsenden Jugendlichen eine unbedingte Notwendigkeit. Maschinen deutscher Fabrikation sind in Israel wegen der hohen Zölle recht teuer, so hat sie sich schweren Herzens für eine einheimische entscheiden. Die Lieferung erfolgt an einem Freitag, an dem aber der jüdische Ruhetag Shabbat beginnt, so kann sie die Neuerwerbung erst am Samstagabend in Betrieb nehmen. Allerdings hat sie die hebräische Betriebsanleitung nicht gelesen und daher die Transportsicherung nicht entfernt, so dass die Maschine beim Schleudergang furchbar rüttelt und donnert. Das beschreibt die Autorin so anschaulich, das der Zuhörer (und Leser) die komische Situation unwillkürlich vor Augen hat. Dass auch sie nicht frei von Vorurteilen gegenüber arabisch aussehenden Menschen ist, schildert Jacobowitz in einer Episode, in der sie darauf angewiesen ist, eine Mitfahrgelegenheit in einem fremden Auto in Anspruch zu nehmen. Obwohl sie mitten in Jerusalem ist, bekommt sie Angst, steigen die Bilder von Attentaten und Toten in ihr hoch. Der Fahrer stellt sich als Dr. Sambajuk vor und sagt, er sei Christ. Er entpuppt sich als charmanter und intelligenter Gesprächspartner. Die Autorin verdeutlicht hier, wie beunruhigend sich Vorfälle mit als Juden verkleideten palästinensischen Terroristen auf das ganz normale Leben auswirken können. Als weiteres Beispiel für die Herausforderung durch den Terror schildert die Autorin, wie sie in den Nachrichten von einem Attentat in Tel Aviv erfährt. Zufälligerweise hält sich ihr Sohn in der gleichen Gegend auf. Als sie ihn anruft, bekommt sie zunächst keine Antwort und verlebt 20 Minuten in unglaublicher Sorge, bis sich ihr Sohn endlich wohlbehalten am Telefon meldet. In berührenden Worten beschreibt sie das Attentat, bei dem fünf junge Menschen starben, und ihre Verbundenheit mit deren Eltern und Familien. Sicherheit sei in Israel immer ein Thema, erläutert sie, die Existenzbedrohung immer vorhanden. Ihr Sohn leistet zur Zeit seinen Militärdienst in der israelischen Armee und betrachtet es als sein erstes Ziel, sein Land zu schützen. In der anschließenden Gesprächsrunde berichtet Jacobowitz auch, dass sie in Deutschland kein Kopftuch trage und auch ihr Sohn die Kippa nicht aufsetze, besonders nach den jüngsten Vorfällen in Berlin. Hier in Deutschland möchte sie vor allem mit ihren Besuchen in Schulen über jüdisches Leben in Israel aufklären. So war sie am Freitag in der 11. Klasse in der IGS Deidesheim zu Gast. Das Gespräch mit den Jugendlichen sei sehr offen gewesen und habe sich vor allem um Fragen der Religion gedreht, weniger um die aktuelle politische Lage, berichtet sie. Lesezeichen Yehudis Jacobowitz: Verwurzelt / Entwurzelt – ein israelisches Tagebuch, Hidur Design, Hardcover, 140 Seiten, 34,90 Euro.