Neustadt Medizin: Junge Firma will mit digitalen Tests Versorgungslücke schließen

Firmengründerin Franca-Alexandra Rupprecht an ihrem Arbeitsplatz, der sich neuerdings in Neustadt befindet.
Firmengründerin Franca-Alexandra Rupprecht an ihrem Arbeitsplatz, der sich neuerdings in Neustadt befindet.

Mit digitalen Tests will das Neustadter Unternehmen insight.out das Erkennen von psychischen Erkrankungen voranbringen. Bald sollen Selbsttests für jeden auf dem Markt sein.

Als die Informatikerin Franca-Alexandra Rupprecht an der Universität in Kaiserslautern promovierte, entwickelte sie für die Automobilindustrie eine Anwendung, die die Arbeit der Beschäftigten effizienter machen sollte. „Sie wurden aber nicht effizienter, und ich wollte wissen, warum“, erzählt sie im Besprechungsraum der Firma, die seit einigen Wochen in der Neustadter Hauptstraße angesiedelt ist. Rupprecht hatte seinerzeit ein Verfahren im Sinn, das die Beanspruchung und Arbeitskapazität der Leute messen sollte, doch das gab es nicht auf dem Markt.

Und so gründete sie vor gut fünf Jahren nach ihrer Promotion gemeinsam mit dem Informatiker Andreas Schneider und dem Psychologen Jan Spilski das Unternehmen insight.out in Kaiserslautern. Kerngeschäft ist die Digitalisierung von psychologischen Diagnoseinstrumenten, insbesondere Fragebögen. Diese werden oft noch ganz klassisch auf Papier ausgefüllt.

Tests in Ruhe zu Hause machen

Die Vorteile der Digitalisierung liegen für Rupprecht klar auf der Hand: Die Auswertung erfolgt sofort. Der Therapeut spart Zeit, weil er es nicht selbst machen muss. Die gewonnene Zeit könne helfen, eine „Riesenversorgungslücke“ zu schließen, sagt die Firmengründerin. Denn mehr als 30 Prozent der Deutschen zeigten Symptome von psychischen Krankheiten, was freilich nicht bedeutet, dass so viele Menschen auch krank sind. Aber es bestehe der Bedarf der Abklärung.

Die Patienten können die digitalen Tests auch in Ruhe zu Hause machen. Zumindest bei manchen vermuteten Krankheiten. „Wenn es um lebensverändernde Diagnosen wie Demenz geht, sollte man das nicht alleine am Küchentisch machen“, betont Rupprecht.

Entwicklungsstörungen bei Kindern erkennen

Rund 400 Diagnostikinstrumente hat das Start-up mittlerweile in seiner „testbox“, einer E-Health-Plattform, auf die Psychotherapeuten, Ärzte, Ergotherapeuten und Lehrer zugreifen können. 90 Prozent davon sind bereits existierende Verfahren, deren Lizenzen insight.out erworben hat und die dann digitalisiert wurden. Aber das Unternehmen entwickelt auch selbst.

Neu ist etwa die „graphobox“, die dazu dient, motorische Entwicklungsverzögerungen und visuelle Wahrnehmungsstörungen bei Kindern zu entdecken. Dazu hat insight.out zusammen mit dem bekannten Schreibgeräte-Hersteller Staedtler einen Stift entwickelt, der sich wie ein normaler Bleistift anfühlt, aber auf dem Tablet verwendet wird.

Für die Verfahren des Unternehmens gibt es laut Rupprecht mehr als 1100 Nutzer mit rund 13.000 Patienten. Die Psychotherapeuten, an die sich die meisten Instrumente richten, würden die digitalen Möglichkeiten zunehmend für sich entdecken, sagt sie. Allerdings bestünden bei vielen noch Fragen, wie sie die digitalen Fragebögen abrechnen könnten, was aber möglich sei.

Tests für jedermann geplant

Bald will insight.out seinen möglichen Kundenkreis drastisch erweitern, nämlich Tests für jedermann auf den Markt bringen, mit denen man sich auf Depression, Burn-out oder Suchterkrankungen testen kann. Das funktioniert so, dass man im Handel Karten erwirbt mit einem QR-Code, der den Zugriff auf den Test ermöglicht. Rupprecht hofft, dass es Mitte des Jahres so weit ist.

Außerdem will es die Firma nicht dabei belassen, Entwicklungsverzögerungen bei Kindern zu diagnostizieren. Bis Herbst soll eine App fertig entwickelt sein, mit der sich etwa die Feinmotorik fördern lässt.

Das Start-up hat derzeit 16 Mitarbeiter und arbeitet bei der Entwicklung von Produkten mit Freiberuflern zusammen. Zum Umsatz will Rupprecht keine Angaben machen. Sie sagt aber: „Wir sind immer noch ein Start-up und auf Fremdkapital angewiesen.“ Aktuell laufe eine Finanzierungsrunde. Sie erzählt auch, dass es anderthalb Jahre gedauert habe, bis die „testbox“ zugelassen war, eben weil sie ein Medizinprodukt ist. Mit dieser langen Dauer hatten die Gründer nicht gerechnet: „Das war auch monetär eine Herausforderung.“

Neustadt optimaler Standort

Und warum ist insight.out nun von Kaiserslautern nach Neustadt umgezogen? Man habe das Unternehmen in der Westpfalz gegründet, weil seinerzeit alle dort an der Uni waren, erzählt Rupprecht. Mittlerweile seien die meisten aber weggezogen. Neustadt wiederum sei ein optimaler Ort zwischen den zwei Uni-Standorten Landau und Kaiserslautern. „Außerdem ist es hier sehr schön“, sagt Rupprecht und lächelt.

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