Neustadt
Mandelring Quartett im Saalbau: Düstere Musik mit heftigen Eruptionen
Insbesondere das Bartok Quartett, stets am Rande der Atonalität, begeisterte die beinahe volle „Gute Stube“ der Neustadter Kultur. Und diesmal gab es sogar mal etwas zu mäkeln.
Fangen wir gleich mit dem Meckern an: In Beethovens Quartett in A-Dur, op. 18 Nr. 5 irritierten merkwürdige Töne! Es schien als würde das Cello (?) bisweilen Töne über den Notenwert hinaus klingen zu lassen, so dass in den Pausen ein „Restklang“ im Raum verblieb und damit jede Generalpause infrage stellte. Stilmittel oder Nachlässigkeit? Als Stilmittel wäre es seltsam in der Anwendung, ist doch gerade die spielerische Akkuratesse stets bestechendes Merkmal des Mandelring-Quartetts. Und ad libitum verlängerte Notenwerte wären geradezu das Gegenteil von spielerischer Genauigkeit. Also Nachlässigkeit? Das scheint noch unwahrscheinlicher. Das Mysterium lässt sich wohl nicht klären.
Lieblichkeit und Strenge
Das frühe Beethoven Quartett zeichnet sich durch eine Mischung aus Mozarts Lieblichkeit und der Strenge und dem herben Ton der späteren Werke aus. Eine ideale Musik für den Einstieg in das Programm. „Gipfeltreffen“ war das überschrieben, weil es sich um zwei Komponisten handelte, die das Streichquartett gleichermaßen geformt und beeinflusst haben. Die „Mandelrings“ gestalteten die anspruchsvollen Synkopen treffsicher, überhaupt war, mal wieder, die rhythmische Festigkeit ausgezeichnet. Bis in die rubati wackelte da nichts. Ein Intro voller Spannung und unterhaltender Aspekte. Im dritten Satz war sogar mal ein kleiner Quietscher einer Violine zu hören. Das zeigte, dass sich auch bei diesem hochprofessionellen Ensemble bisweilen kleine „Unebenheiten“ einschleichen. Toll, wenn’s auch hier mal etwas „menschelt“.
Es folgte Bartoks 5. Streichquartett aus dem Jahr 1935. Bartok schrieb das Quartett als Auftragswerk für die schwerreiche Amerikanerin Elizabeth Sprague-Coolidge, die die Kammermusik ihrer Zeit förderte. Von ihr ist ein Zitat überliefert, das auch heute noch Gültigkeit beanspruchen kann: „Ich fordere nicht, dass wir moderne Musik lieben sollten, noch nicht einmal, dass wir sie unbedingt verstehen müssen, sondern dass wir sie aufführen sollten, weil es sich um ein bedeutendes menschliches Dokument handelt.“
Volksliedhafter Hintergrund
Sie bat nicht nur Bartok um ein Quartett – auch Schoenberg, Webern, Britten und Prokofiew folgten ihrem Aufruf. Es handelt sich, wie so oft bei Werken von Bartok, um ein Opus mit volksliedhaftem Hintergrund. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts nahm Bartok Volks- und Bauernlieder seiner Heimat auf, um sie zu studieren und später für Kompositionen zu verwenden.
Das Quartett in B-Dur zeigt so auch die unregelmäßigen Rhythmen der Balkanfolklore. Es ist eine aggressive Musik, getragen von heftigen Dissonanzen und staccato vorgetragenen Akkorden, die sich im Verlauf des Öfteren wiederholen. Diese Musik wirkt schummrig und düster, mutiert dann unvermittelt zu beinahe witzigem Ausdruck. Insbesondere die ebenfalls wiederkehrenden Trillerfiguren, die quasi von Instrument zu Instrument weitergegeben werden, machen diese hochkomplexe und fordernde Musik aus.
Anforderungen mit Bravour gemeistert
Das Mandelring-Quartett meisterte diese Anforderungen mit Bravour. Die markanten Glissandi, das Ricochet, alles was diese faszinierende Komposition ausmacht, bewältigten die Vier mit Leichtigkeit. Das Ganze reichte von Klangeruptionen bis zu beinahe unerträglicher Spannung in den lyrischen Teilen. Dann heftige Chromatik, die fast an Lutoslawski erinnerte, und die genüssliche Zerstörung eines Kinderliedes als Coda beschloss diesen musikalischen Parforceritt der Extraklasse. Zum Schluss des Abends noch einmal Beethoven, jetzt aber op. 95, das sogenannte „Quartett serioso“ in düsterem f-Moll. Ende Juli 1809 komponiert, trägt es Züge der Lage im französisch besetzten Wien. Die klangliche Nähe zu „Egmont“ ist unüberhörbar. Der Freiheitsgedanke macht sich mittels explosionsartiger Ausbrüche Luft. In dieser Musik sind Bedrückung und Ängste deutlich zu spüren. Die klangliche Flächigkeit gemahnt tatsächlich an Bartoks Quartett. In der Tat sind sich beide Musiken gar nicht so unähnlich! Da beginnt die Bratsche eine düstere chromatische Fuge. Die Musik wirkt zerklüftet und wird immer wieder von wilden Ausbrüchen in fff unterbrochen. Ganz am Ende dieser gespenstischen Komposition erhebt sich der Klang gleichsam, um in der Tonika in Dur Hoffnung zu vermitteln. Wohl, um wie in den Bach’schen Moll-Kantaten, die stets in Dur enden, zu sagen: Alles wird gut.
Die Vier gestalteten das Werk eindringlich, mit dem Mut zum Risiko. Die Tempi waren durchgehend gemessen bis flott, die klangliche Wirkung beeindruckend. So kam es zur geforderten Zugabe. Nach einer Menge düsterer, bedrückender Musik kündigte Sebastian Schmidt „Zum Abschluss noch was Schönes!“ an. Es handelte sich um das Menuett aus Mozarts letztem Streichquartett KV 590. Sonst noch was? Durchaus! Wäre das Programm noch beeindruckender gewesen, wenn man die drei Quartette in chronologischer Reihenfolge gehört hätte? Hätte man so die Entwicklung des „Gipfeltreffens“ im Verlauf erfahren? Wer weiß …