Neustadt
„Mandelring Quartett“ bietet ein unfreiwilliges Menü Surprise
Mit „Surprise-Konzerten“ hat das „Mandelring Quartett“ in launiger Atmosphäre des sommerlichen Hambacher Musikfests zu seligen Vor-Corona-Zeiten regelmäßig sein Publikum entzückt. Die Überraschungsperformance am Sonntag freilich innerhalb der „Klassik-Reihe“ im Saalbau hatte die Ausführenden selbst gleich mehrfach „überrascht“; man könnte auch sagen: kalt erwischt. Gleichwohl – der Abend mit 50 Prozent der eigentlichen Ensemble-Besetzung, Stefan Fehlandt (Viola), Gustav Rivinius (Cello) und Florian Wiek (Klavier) als Gästen und – selbstredend – geändertem Programm hatte Charme, Qualität und blieb nichts an hochgesteckten Erwartungen schuldig.
Bereits auf dem Weg zur Konzertreise nach Spanien
Sebastian Schmidt, der Primarius des „Mandelring Quartetts“, schilderte zu Beginn die Ereignisse der letzten 14 Tage, die wie ein echter Corona-Krimi daherkamen: Am Flughafen Frankfurt, bereits eingecheckt zur Konzertreise nach Spanien, erfuhren Nanette und Sebastian Schmidt sowie Andreas Willwohl vom Positivtest ihres Cellisten Bernhard Schmidt, der aus organisatorischen Gründen bereits vorgereist war. Und auf Vermittlung der Madrider Veranstalter immerhin mit Mietwagen nach Hause fahren durfte, wo er sich jetzt in Quarantäne befindet. Also Programmänderung und Umbesetzung für das Neustadter Konzert – zum Glück sagte der hochdekorierte Cellist Gustav Rivinius gleich zu, holte auch seinen Kammermusikpartner Florian Wiek, gefragter Solist und Professor an der Musikhochschule Stuttgart, als Klavier-Partner ins Boot.
Dann kam zwei Tage vor dem Saalbau-Termin die Nachricht, dass auch Andreas Willwohl, der Bratscher des Mandelrings Quartett, an Covid-19 erkrankt ist. Ein Alptraum. Und wie ein Wunder tat sich mit Stefan Fehlandt, Professor für Kammermusik und Viola, ebenfalls in Stuttgart, noch einmal ein rettendes Türchen zum ersten Advent auf. Und da Nanette und Sebastian Schmidt mit beiden Infizierten im bedenklichen Zeitraum keine Kontakte hatten, gab es grünes Licht für den Konzertabend.
Neue spannende Allianzen zwischen Trio und Quintett
Nun ist es vor diesem Hintergrund natürlich müßig, dem exzellenten „Mandelring-Sound“, der zweifelsohne existiert, nachspüren zu wollen. Und es war auch ein geschickter Schachzug, die Hermetik der Streichquartett-Besetzung aufzubrechen und ganz andere kammermusikalische Allianzen zwischen Trio und Quintett anzubieten; wobei die Werkfolge keineswegs aus der Abteilung „Gemütlichkeitskiste“ stammte. Antonin Dvorák bildete Eingang und Ausklang. Zunächst mit dem so federleichten Terzett C-Dur für zwei Violinen und Viola, dessen geradezu ätherisches Larghetto, federleichtes Scherzo und kraftstrotzendes Finale den ganzen Dvorák’schen Kosmos beherbergt. Das gilt im gesteigerten Maße fürs Klavierquintett A-Dur, eines der meistgespielten seiner Gattung, das mit seinem unbeschreiblich zu Herzen gehenden „Andante cantabile“, seinem Temperament, seiner Melodienfülle, seiner Verankerung in der tschechischen Volksmusik zu den Leuchttürmen der Genres zählt.
Und dazwischen, im Zentrum, machte Robert Schumanns Op. 47, das Klavierquartett Es-Dur, gleichfalls ein Meisterwerk des Genres, Furore. Mit dem Andante beschenkte Schumann die Nachwelt mit einer der einprägsamsten, berührendsten und ausdrucksstärksten Kompositionen der Romantik. Nicht minder einprägsam die düstere Melancholie des mystisch verfremdeten Moll-Scherzos und die explosiv virtuose Kraft, das Konvolut klanglichen Feuerwerks der Ecksätze.
Das alles ereignete sich auf dem Saalbau-Podium, wo fünf Musiker auf spieltechnischer Augenhöhe und gleich vehementem künstlerischem Engagement in perfektem Einvernehmen agierten. Konzentration, interpretatorische Wellenlänge zwischen Verve und filigraner Modellierung stimmten einfach. Die klangliche Balance zwischen Streichern und Flügel, den Florian Wiek ebenso präzise wie ungemein geschmeidig und leuchtend in Szene setzte, war zu jeder Zeit minutiös austariert.
Stress? I wo! Stattdessen die pure Lust an der Musik
Der solistische Schlagabtausch, aber auch die Ausformung des gemeinsamen klanglichen Gewebes der Saiteninstrumente war perfekt, zupackend, brillant. Keine Spur von Ermüdung oder Stress im Blick auf die ungewöhnliche Situation. Was über die Rampe schwappte, war die pure Lust an der Brillanz des musikalischen Gebots. Angesichts der wenigen Stunden gemeinsamen Probens, die möglich waren, fast ein kleines Wunder; zuvörderst dem Können der Protagonisten zu danken. Aber auf gespenstische Weise irgendwie auch Corona geschuldet. Großer Jubel im Saal.