Neustadt
Magische Klänge: Das Mannheimer Quartett „Les Primitifs“ in der Soku
Mit einem „ökologischen Stück für einen grünen kleinen Delfin in der Straße“ begrüßt Akkordeonist Laurent Leroi am Freitag in der Soku in Neustadt das Publikum, Was dieses natürlich sofort als den Jazz-Standard „Green Dolphin Street“ erkennt. Zu Gast auf dem Club-Areal zwischen den Bahngleisen ist das Quartett „Les Primitifs“ aus Mannheim, das alles andere als auf primitiv oder dumm reduziert werden sollte, sondern auf einfach, original, auf den Kern konzentriert, und da gab es viel zu entdecken.
Die vier auf der Bühne kennen sich schon seit gefühlten Ewigkeiten. Wer erinnert sich nicht noch an die legendäre „Mardi Gras BB (Bigband)“, aus der sich später die „Coleümes“ herauskristallisierten, die sich nach einer Umbesetzung schließlich in „Les Primitifs“ umbenannten und so seit vielen Jahren („seit lange vor dem Dreißigjährigen Krieg“) in gleicher Besetzung in Deutschland und Europa unterwegs sind.
Das wären: Matthias Dörsam, Teil der hochmusikalischen Dörsam-Familie, die heute im Odenwald heimisch ist, an Klarinette, Flöte oder Saxophon, zu dessen orientalischen Klarinetten-Melodien eigentlich nur noch der Korb mit der Schlange fehlt. Michael Herzer am Bass, der sich sonst mit Jazz und intensivem Tango beschäftigt, dann der gelernte klassische Schlagwerker Erwin Ditzner. Der mag nicht viel herumschleppen und zaubert aus einer Snaredrum und den Bongos mit verschiedenen Stöcken mit und ohne Filz oder dem Jazzbesen den Sound einer klassischen „Batteria“: filigran bis ins Detail und immer wieder voller Überraschungen, wenn er mit dem Fuß im Turnschuh die Resonanz des Trommelfells dämpft. Und dann ist da eben Laurent Leroi, in Straßburg geboren und mit der Muttermilch voller Valse, Musette und Chansons aufgewachsen. Bereits mit acht Jahren spielte er im Akkordeon-Orchester. Die Klänge und Stimmungen, die er seinem „Victoria“-Knopf-Akkorden entlockt, stammen aus einer anderen Welt.
Den Einstiegstitel „Green Dolphin Street“ spielt er bluesig, melancholisch, zitiert Tango oder den portugiesischen Fado oder inszeniert kleine Hörspiele auf seinem vielfältigen Instrument. Bei „Everywhere is calypso“ brilliert dann wiederum Erwin Ditzner, und Herzer am Bass übernimmt die Melodieführung. Es geht mit einer „moldawischen Hora“ in die Karpaten, bedrohlich, dumpf die Trommeln, dazu eine Tanzmelodie auf der Klarinette. Die „Histoire d'un Amour“ wurde durch die Sängerin Dalida berühmt, Francis Albert Lai schrieb die Filmmusik für die traurige „Love Story“ und erzählte vom „Bicy-clette“, das damals niemand haben wollte. Laurent Leroi erklärt uns die Moritat von drei Jungs auf dem Land, die in das gleiche Mädchen verliebt sind. Die Geschichte geht gut aus, wenn auch ein „zufällig“ herabfallendes Becken einen Unfall andeutet.
Leroi, der Kopf der „Primitifs“, schaut im ersten Set scheinbar teilnahmslos in die Tiefe, seine Musik, seine magischen Klänge schweben durch den Raum, lassen sich irgendwie gar nicht verorten. Im zweiten Set zeigt der Wahl-Mannheimer dann aber doch Emotionen, tiefe Freude, Genugtuung. Wer „Les Primitifs“ am Freitag verpasst hat, findet bei seinem Musik-Streaming-Dienst natürlich auch zwei Alben der Gruppe, doch er sei gewarnt: Live ist das musikalische Erlebnis weitaus intensiver, dichter.
Die „Soku“, mitten im Neustadter Osten zwischen zwei Bahnunterführungen in der Winziger Straße gelegen und im Innern an die Jugendzentrumsbewegung der frühen 80er Jahre erinnernd, zeigt an diesem Abend jedenfalls, was für Potential in ihr steckt. Einst ein Treffpunkt der Bahnbusse, zieht sie heute die Kulturfreunde an mit ihrer einfachen, aber zweckmäßige Einrichtung, ihrer guten Akustik und – ganz wichtig – der Nähe von Publikum und Künstlern.