Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Landesjugendblasorchester im Saalbau: Geschlossener Klangkörper

Das Landesjugendblasorchester mit Isabelle Ruf-Weber im Saalbau Neustadt.
Das Landesjugendblasorchester mit Isabelle Ruf-Weber im Saalbau Neustadt.

Nach fast neun Jahren Pause kehrte das Landesjugendsblasorchester Rheinland-Pfalz (JLBO RLP) am Ostermontag in den Saalbau Neustadt zurück.

Der Saal war zu gut zwei Dritteln gefüllt – genug, um Spannung zu erzeugen, genug auch, um jene leise Skepsis spürbar zu machen, die moderner sinfonischer Blasmusik manchmal noch entgegenschlägt.

Am Pult stand Isabelle Ruf-Weber, international renommierte Dirigentin aus der Schweiz. Mit klaren Gesten, wachem Blick und großer innerer Ruhe formte sie aus rund 70 Individualisten einen geschlossenen Klangkörper. Ihr Dirigat wirkte nie autoritär, sondern bündelnd: Sie führte, hörte zu, ließ entstehen. Wer genau hinsah, bemerkte auch das liebevolle Detail am Rand – an der Empore im Saal hingen drei tierische Plüschmaskottchen. Ein augenzwinkernder Talisman, moralische Unterstützung für den musikalischen Nachwuchs.

Scharf konturierte Eröffnung

Das Programm war während eines elftägigen Arbeitsaufenthalts im Landesmusikinternat Montabaur erarbeitet worden – konzentriert, ambitioniert, hörbar getragen von gemeinsamer Verantwortung. Der erste Teil begann mit „Intrada Furiosa“ des 29-jährigen Schweizer Komponisten von Gauthier Dupertuis: ein kurzes, scharf konturiertes Eröffnungsstück, das sofort Energie freisetzte. Rhythmisch pointiert, mit markanten Blechakzenten und moderner Tonsprache, wirkte es wie ein musikalischer Weckruf.

Es folgte „The Hounds of Spring“ von Alfred Reed. Das 1980 entstandene Stück zählt zu den modernen Klassikern der sinfonischen Blasmusik. Inspiriert wurde es von einem Gedicht des irischen Lyrikers Swinburne, das die ungestüme Kraft des Frühlings als jagende Meute metaphorisch beschreibt. Reed verbindet hier spätromantische Klangfülle mit amerikanischer Weite und optimistischer Geste. Das Orchester ließ die Musik atmen, schuf lyrische Inseln und federnde Beweglichkeit.

Plastisch gestaltete Wechsel

Mit dem „Divertimento“ von Oliver Waespi (geboren 1971) endete der erste Teil. Waespis Musik, archaisch grundiert und klar gebaut, lebt von Kontrasten und blockhaften Klangflächen. Das LJBO gestaltete diese Wechsel plastisch, spannungsvoll und mit spürbarer innerer Ordnung.

Der zweite Programmteil gehörte ganz der zeitgenössischen Sakralmusik: „Sinfonia No. 2 – Lana Passió de Christ“ von Ferrer Ferran. Der spanische Komponist, Jahrgang 1966, hat in drei Sätzen kein distanziertes Kunstwerk, sondern eine emotional aufgeladene Passionsmusik geschaffen, die den Leidensweg Jesu als universales menschliches Drama begreift. Der erste Satz, „Getsemani“, führte zum Ölberg. Er entwickelte aus gedämpften Farben eine tastende, fast schmerzlich fragile Klangwelt. Das Orchester ließ diese innere Spannung stehen, ohne sie vorschnell aufzulösen.

Spürbare Ergriffenheit

Der mittlere Satz, „Crucifixión“, steigerte sich zu eruptiver Wucht: grelle Ausbrüche, schneidende Rhythmen, massive Klangballungen – präzise geführt, nie lärmend, sondern kontrolliert und eindringlich. Eine ins Volle gegriffene Klaviertastatur, gefolgt von abgrundtiefer Stille, ließen an Drastik nichts zu wünschen übrig.

Mit „Resurrección“ öffnete sich der Klangraum schließlich nach oben. Helle Blechfanfaren, weit gespannte Bögen und hymnische Gesten ließen Hoffnung hörbar werden. Spätestens hier wich die anfängliche Befürchtung mancher Zuhörer, das Werk könne zu „modern“ sein, einer spürbaren Ergriffenheit.

Langer, herzlicher Applaus

Der Applaus war entsprechend lang und herzlich – und führte zu einer Zugabe, die noch einmal einen ganz anderen Ton anschlug. „La sera per in lag“ von John Balzer Casanova. Ein meditatives Abendlied auf der Grundlage eines Volksliedes, leicht, schwebend, von erhabener Ruhe. Überraschend und berührend zugleich: Die Musiker sangen auf Rätoromanisch. Ein stiller Moment, der den Saal sammelte und lange nachklang.

Dieses Osterkonzert war mehr als eine Rückkehr – es war ein starkes Zeichen für die Lebendigkeit und Relevanz moderner Bläserkultur. Wer blieb, wurde reich belohnt. Fortsetzung folgt beim Herbstkonzert am 10./11. Oktober – dann leider nicht im Saalbau, dafür in Morbach und Mainz.

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