Flugsport
Kunstflug-Osterlager des FSV Neustadt: Kopfüber über Lachen-Speyerdorf
Der Anblick des Segelflugzeugs, das der FSV Neustadt extra für sein Segelkunstflug-Osterlager gechartert hat, ist erst einmal furchteinflößend: Der Fox wirkt nicht wie ein Fuchs, sondern wie ein grimmig dreinblickender, gefährlicher Hai mit spitzen Zähnen. So zumindest zeigt es die Zeichnung an der Flugzeugnase.
Doch Luca klettert breit grinsend aus dem Fox-Cockpit. Der 14-Jährige hat erst im Oktober seine Alleinflugprüfung gemacht, erzählt Lucas Vater Thomas. Und jetzt hat der Teenager ebenfalls seinen ersten Kunstflug hinter sich gebracht. „Ein grinsender Flugschüler ist immer gut“, stellt Bernd Hackebeil lachend fest.
Etwas für die Zuschauer
Hackebeil, Pilot des FSV, und Reimar Möller, Vorsitzender des Flugsportvereins, haben beide eine Kunstflugberechtigung für Segelflugzeuge. Immer einer von ihnen sitzt hinten in dem speziell für den Kunstflug gebauten, doppelsitzigen Segelflugzeug. „Kunstflug macht als Pilot Spaß, ist aber eigentlich für die Zuschauer gedacht“, erzählt derweil der stellvertretende FSV-Vorsitzende Daniel Svoboda. Und das zweite Ziel sei, dass im Kunstflug bewusst Grenzzustände des Fliegens herbeigeführt würden, „so dass man lernt, sicher da rauszukommen“. Das Trudeln, sagt Svoboda, sei die wichtigste Übung. Er meint damit, dass sich das Flugzeug um sich selbst dreht, während die Flugzeugnase stets Richtung Boden zeigt.
Mit der Flugzeugnase nach unten
Trudeln werde schon in der Segelflugausbildung verlangt, betont Svoboda. Und ergänzt, dass Trudeln „im Prinzip ein völlig kontrollierbarer Zustand“ sei. Zum Trudeln komme es bei einem einseitigen Strömungsabriss. „Falsch ist es, die Flugzeugnase dann hochzuziehen“, weiß der Pilot. Stelle man nämlich den Flieger zu stark an, richte also die Nase zu steil nach oben, werde der Flieger langsam, werde der Auftrieb immer weniger. Stattdessen müsse man die Nase nach unten bringen, schneller werden, „und sobald die Strömung wieder anliegt, kann man das Flugzeug wieder steuern“. Dies sei ein Rettungsmanöver, das jeder Pilot beherrschen sollte, betont Svoboda.
Denn häufig flögen Segelflieger Kreise, seien dabei relativ langsam unterwegs. Svoboda: „Und wenn ich dann versehentlich den Flieger ein bisschen anstelle, kann es sein, dass ich einen einseitigen Strömungsabriss habe.“ Wenn man bei schlechter Thermik sehr langsam fliege und dann noch schaue, wo andere Flieger seien, könne man schnell mal abkippen, fügt Bernd Hackebeil hinzu. Sie wollten im Camp den Flugschülern zeigen, wie man sich verhalte, um aus dem Trudeln herauszukommen. Reimar Möller ergänzt, dass sie vor allem den Schülern beibrächten, „das Trudeln zu erkennen, wenn es sich anbahnt, und es zu vermeiden“.
Rolle, Looping, Turn
Im Kunstflug-Osterlager der Segelflieger steht aber noch anderes auf dem Programm. Rückenflug, Sackflug – wenn der Flieger keinen Auftrieb mehr hat und die Strömung an beiden Flügeln gleichzeitig abreißt – Rollen um die Flugzeug-Längachse, Loopings und einen Turn üben die Piloten ebenfalls. „Mit der Nase nahezu senkrecht in den Himmel, nahezu bis zum Stillstand“, beschreibt Daniel Svoboda den Turn. „Dann zu einer Seite fächern.“ Heißt: Der Flieger fällt zu einer Seite ab.
„Dies ist ein Lehrgang, um Sicherheit in außergewöhnlichen Situationen zu bekommen“, hebt Bernd Hackebeil hervor. Und er gesteht schmunzelnd, dass der Puls normal bei 60 Schlägen liege, „jetzt aber ein bisschen höher“. Hackebeil: „Angst sollte man keine haben. Mut gehört auch nicht dazu. Aber Respekt.“
Der erste Rückenflug
Oliver Rimmel hat am Montag zum ersten Mal einen Rückenflug absolviert. Er macht gerade eine Ausbildung, um die Kunstflugberechtigung zu erhalten. „Man hängt plötzlich in seinen Gurten. Das ist ganz schön anstrengend, wenn das Blut in den Kopf schießt“, beschreibt er seine Erfahrung. Zudem sehe plötzlich alles anders aus, wenn man mit dem Kopf nach unten fliege. Für den Kunstflug müsse der Kreislauf stabil sein, fügt Hackebeil hinzu. „Auch der Orientierungssinn ist wichtig.“
Dass Kunstflug etwas Besonderes ist, beweist, dass selbst der erfahrene Pilot Hackebeil seinen ersten Kunstflug noch gut in Erinnerung hat. Es sei 1982 gewesen, „als mich mein Fluglehrer in den Rückenflug gebracht hat“. Er vergesse es nie, „wie anders die Welt plötzlich aussah“. Man spüre die körperliche Belastung, schieße einem doch das Blut in den Kopf. Hackebeil: „Aber es gibt einem das Gefühl von Sicherheit.“
Freigabe für Kunstflüge
Apropos Sicherheit: Segelflugpiloten dürfen nicht einfach irgendwann anfangen, Kunststücke irgendwo am Himmel zu fliegen. Es brauche einen Freigabe für den Kunstflug in einem definierten Raum, erklärt Reimar Möller. Der Verein habe für sein Osterlager eine Grundfläche von einem Kilometer auf einen Kilometer über unbewohntem Gebiet dem Fluginformationsservice (FIS), einem Flugsicherungsdienst, gemeldet. Diese Box dürfe nun während des Kunstflug-Osterlagers nicht von anderen beflogen werden. Und der Segelflugpilot könne sich allein auf seine Figuren konzentrieren, sagt Möller.
Mit kürzeren Flügeln
Dass die Neustadter Piloten sich extra den Fox vom Förderverein Kunstflug in Baden-Württemberg gechartet haben und nicht ihr Schulflugzeug nutzen, hat Gründe. Der Doppelsitzer Fox hat kürzere Flügel als ein herkömmlicher Segelflieger. 14 Meter Spannweite messe der Fox, weiß Reimar Möller. Das Schulflugzeug des FSV habe eine Spannweite von 18 Metern. Das Höhenleitwerk am Fox befinde sich auf gleicher Höhe mit den Hauptflügeln, erklärt Svoboda: „Das Flugzeug ist darauf ausgelegt, sehr wendig zu sein.“ Im Kunstflug komme es nicht darauf an, möglichst lange zu fliegen, „sondern wendig zu sein“. Die Fox-Flügel seien zudem sehr dünn, so Möller. Auch das mache den Fox agiler.
Der FSV-Vorsitzende instruiert Luca vor dessen erstem Kunstflug mit Trudeln genau: „Du wirst feststellen, die zweite Umdrehung ist ein bisschen schneller.“ Und er achtet zudem darauf, dass der Junge richtig angeschnallt ist. Bauch-, Schulter- und Bodengurt sind zu schließen. Möller: „Wenn ich beim Fliegen auf den Rücken drehe, hänge ich komplett frei in den Gurten.“ Beim ersten Mal auf dem Rücken sei es ein ungewohntes Gefühl. So sei ein weiteres Ziel des Lehrgangs, „Vertrauen in die Gurte zu kriegen, dass man nicht rausfallen kann“. Dem Flugzeug sei es „wurscht, ob es so rum oder so rum fliegt“, fügt er schmunzelnd hinzu. Und Möller ermuntert Luca: „Du brauchst vor dem Boden keine Angst zu haben – wir sind hoch.“
Flugzeugschlepp nötig
Denn unter 450 Metern Höhe fliegen die Piloten keine Figuren mehr, mit denen sie schnell an Höhe verlieren. Deshalb ließen sie sich im Osterlager auch nicht mit der Winde, sondern mit einem Motorflugzeug in die Höhe schleppen, erzählt Svoboda. „Mit der Winde geht es nur 300 bis 450 Meter hoch“, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende. Im Flugzeugschlepp seien es 1300 bis 1500 Meter Höhe.
Lucas Vater Thomas, ebenfalls ein Flugschüler, beobachtet derweil genau die Startvorbereitungen seines Sohnes. „Er hat kaum gefrühstückt“, verrät er lachend, warum er dem Nachwuchs den Vortritt lässt. Und der Sohn meistert seinen ersten Kunstflug beachtlich. „Das Trudeln hat er alleine gemacht“, verrät Fluglehrer Reimar Möller. Als das Trudeln angefangen habe, habe Luca laut „juhu“ gerufen. „Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“, stellt der 14-Jährige nach der Landung fest. Er hofft auf weitere Kunststücke.
Information
Wer mindestens 14 Jahre alt ist und mal in den Segelflugsport hineinschnuppern möchte, kann das vom 8. (ab 18 Uhr theoretische Einführung) bis 9. Mai (9 bis 19 Uhr Flüge) tun. Dann bietet der FSV Neustadt einen Schnupperkurs an. Kosten: 60 Euro. Treffpunkt: FSV-Clubheim. Anmeldung: per E-Mail an schnupperkurs@fsvn.de
Im Sommerferienprogramm der Stadt Neustadt bietet der FSV ebenfalls einen Schnupperkurs an.