Friedelsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kosmischer Harfen-Soul: Die belgische Musikerin Zem gestaltet auf faszinierende Weise das Neujahrskonzert

Standing Ovations zum Schluss: Zem begeisterte das Publikum in der protestantischen Kirche in Friedelsheim mit ihren Klangwelten
Standing Ovations zum Schluss: Zem begeisterte das Publikum in der protestantischen Kirche in Friedelsheim mit ihren Klangwelten.

Die Komponistin und Sängerin interpretiert die Harfe neu und begeisterte am Sonntag mit außergewöhnlichen Klangwelten auf dem halbelektrischen Instrument.

Der Chorraum der protestantischen Kirche in Friedelsheim ist an diesem Abend in sattem Pink beleuchtet. Mittig steht eine Harfe, daneben eine Loop-Station mit sechs Pedalen sowie ein großer Lautsprecher. Das Instrument der in Belgien aufgewachsenen Sängerin, Songwriterin und Komponistin mit äthiopischen Wurzeln, ist halb elektrisch und wurde speziell für die klassisch ausgebildete Harfenistin nach ihren Anforderungen gebaut. Im Inneren befinden sich Mikrofone. Zem verspricht einen eigenen Stil zu schaffen, eine Mischung aus Jazz, Soul, Dance, Cover und klassischer Musik. Damit interpretiert sie die Harfe neu. Die Spannung steigt, wie diese One-Woman-Show wohl klingen mag. Dann erscheint sie auf der Bühne – ruhig, aber präsent. Ihre Kleidung verbindet Modernes mit Klassischem: Über einer schwarzen, engen Lederhose trägt sie eine enganliegende gleichfarbene Weste, dazu einen schwarzen Blazer mit Blumenmuster und Stöckelschuhe.

Das Konzert beginnt romantisch verträumt. Mit geschlossenen Augen, ganz in die Musik vertieft, wiegt die Künstlerin das Instrument sanft hin und her. Der Klang breitet sich klangschalengleich im Raum aus, hallt nach und verbreitet eine wohlige Wärme und ein Gefühl von Weite. Die Stimmung ist meditativ. Dazu summt sie leise. Ihre Stimme, mal tief, mal glockenklar hell, wird zu einer Einheit mit dem Instrument – und doch bleibt die Harfe im Zentrum. Das Publikum – der Kirchenraum und die Empore sind vollbesetzt – reagiert augenblicklich mit einer konzentrierten Ruhe, als wollten alle den Atem der Sängerin hören und spüren.

Mal meditativ, mal voller Power

Fast unmerklich entwickelt sich aus der entrückten Klangwelt eine bekannte Melodie: „Stille Nacht“. Zems Lippen formen nun Worte, sie singt dazu soulig gehaucht auf Deutsch und Englisch: „Silent Night“. Ihre Stimme wird immer kräftiger und getragener. Nahezu ohne Moderation und Pause gehen die einzelnen Beiträge ineinander über. Die Saiten werden akzentuierter angespielt, ein tanzbarer Rhythmus entsteht, Leidenschaft kommt auf. Aus ruhiger Meditation wird ein Lobpreis auf die Liebe: „Love is a magic Power“ singt sie. Elektrisch wird sowohl dem Gesang, als auch dem Instrument Hall hinzugefügt. Ein Schlagzeug kommt ergänzend hinzu. „Love the holy gift of heaven, the rising power auf earth“ hört man – womit sie wieder den Bogen zur Meditation schafft: aus der persönlichen Erfahrung einer partnerschaftlichen Liebe wird kosmische Kraft. Dann folgen jazzigere Stücke, längere Rhythmuspassagen ohne Gesang, die harmonisch-friedliche Gesamtatmosphäre aber bleibt.

Das Publikum ist begeistert, antwortet spontan am Ende mit Standing Ovations. Viele kaufen die Tonträger nach dem Konzert und suchen das Gespräch. Eine Zuschauerin berichtet, dass ihre Tochter klassische Harfe studiere. Sie möchte ihr unbedingt von dem Konzert erzählen.

Zem steht auch für eine neue Musiker-Generation

Schade, dass die Texte nie übersetzt wurden, sie handeln unter anderem davon, sich selbst und seinen Platz in der Welt zu finden, seine Kreativität zu entdecken, in Harmonie zu leben. Die Botschaft kommt trotzdem an, die Musik spricht für sich. Schade ist auch, dass die Künstlerin generell nicht mit Live-Musikern auftritt, sondern die Begleitung stets vom Band kommt und von der Loop-Station, die eingespielte Passagen wiederholt, sodass man quasi mit sich selbst spielen kann. Zem trat 2014 bei „The Voice“ in Belgien auf, seit 2017 widmete sie sich wieder der Harfe. 2018 gewann sie einen Preis des frankofonen Sender TV 5. Sie steht auch für eine neue Generation von Musikern, die das Internet für sich zur Selbst-Vermarktung nutzen – und die die Genregrenzen sprengen. Sie kann nämlich auch Dance, Party und Cover!

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