Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Konzert der Stiftskantorei: Lauter motettische Schwergewichte

Die Stiftskantorei bot den Besuchern in der Stiftskirche einen eindrucksvollen Konzertabend.
Die Stiftskantorei bot den Besuchern in der Stiftskirche einen eindrucksvollen Konzertabend.

Mit einem eindrucksvollen Motetten-Programm begleitete die Neustadter Stiftskantorei unter Leitung von Bezirkskantor Simon Reichert am Sonntag in der Stiftskirche den Ausklang des Kirchenjahrs; mit Lars Simon Sokola stellte sich ein vielversprechender Nachwuchs-Organist vor.

Ernst Peppings sogenannte „Prediger-Motette“ – Mittelpunktswerk des Abends – stand Pate für den Titel des Konzerts der Stiftskantorei am Ewigkeitssonntag. Unter der Überschrift „Alles hat seine Zeit“ präsentierte Bezirkskantor Simon Reichert mit seinem Chorensemble ein hochambitioniertes A-cappella-Programm mit teils prominenten Werken der gehobenen Motetten-Literatur. Und man fragte sich zwischendurch schon: Wann mag er das wohl alles einstudiert haben?

Freilich: Vor der in allen Stimmregistern gut aufgestellten Stiftskantorei zog man innerlich gleich mehrfach den Hut – allein um der Bewältigung des gewaltigen Notenkonvoluts wegen. Und wenn sich im Folgenden der Jubelschrei etwas gedämpft lesen mag, dann ist das Jammern auf hohem Niveau. Denn die (doppelchörigen!) Motetten „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit“ von Max Reger, „Komm, Jesu, komm“ aus der Sammlung von Sterbemotetten des Thomaskantors Johann Sebastian Bach, die mit zum Diffizilsten des Genres zählen, und „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ von Johannes Brahms sind jede für sich genommen ebenso ausnehmend schön wie ausnehmend schwer. Auch für fähige Laienchöre allemal ein Griff nach den Sternen. Und die Stiftkantorei manövrierte sich ohne Anflug von Havarie hindurch. Respekt.

Energisches Dirigat

Die Singgemeinschaft parierte Simons Reicherts große Bewegungen und energische Impulse aufmerksam, folgte seinem dynamischen Diktum, hatte auch das schwierige Moment der Intonation recht gut im Griff. Fantastisch gerieten die klangliche Mischung der Register und der Schlagabtausch der beiden Chöre, speziell in der todessehnsüchtigen Bach-Motette. Das war durchaus ein lebendiges „Concertare“ und der rundum engagierte Zugriff der Akteure machte weitgehend wett, dass vielfach die Augen doch mehr im Klavierauszug als am Dirigentenpult verweilten. Und auch der Textbehandlung hätte etwas mehr Nachdruck gut getan.

Eingebettet hatte Simon Reichert die Bach-Motette in zwei Orgel-Stücke des Thomaskantors, Präludium a-Moll (BWV 539) und Fantasia c-Moll (BWV 537), mit denen sich anstelle der erkrankten Jana Frangart der aus Hessen stammende, bereits hoch gehandelte Nachwuchsorganist Lars Simon Sokola empfahl. Ein souveräner Interpret und umsichtiger Farbgestalter an der Edskes-Orgel, was er besonders eindrucksvoll mit Bachs berühmter letzter Choralbearbeitung „Vor Deinen Thron tret ich hiermit“ und nicht zuletzt dem meditativen „Pari intervallo“ von Arvo Pärt demonstrierte.

Große Hingabe

Ernst Pepping komponierte seine epische Motette „Ein jegliches hat seine Zeit“ auf Texte des „Kohelet“, in der Luther-Bibel „Der Prediger Salomo“; es ist hochphilosophische, teils düster existentielle Prosa, die um die Sinnfrage des Lebens kreist. Peppings Vertonung von 1937 ist ein zuweilen schwergängiges, dabei klanglich farbenreiches spätromantisches Perpetuum mobile; ein schillerndes Gespinst von Melos und Verdichtung, nicht weniger opulent geformt als der gedankenschwere Text.

Die Stiftskantorei lieferte sich diesem motettischen Bandwurm mit großer Hingabe und vielen berückend zupackenden Momenten aus; eine großartige Leistung, zudem mit viel Engagement über die Rampe geschickt, was alle Hochachtung verdient. Auch wenn da zuweilen die klare Kontur, die Transparenz etwas auf der Strecke blieb. Mehr noch galt das für „Long Road“ des 1977 geborenen lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds, das effektvolle Passagen mit Kammerbesetzung und summendem Background mischt.

Alles in allem gleichwohl ein eindrucksvoller Konzertabend.

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