Neustadt
Konzert der Pfälzischen Kurrende
Mit dem Zyklus „A Ceremony of Carols“ des englischen Komponisten Benjamin Britten erntete die Pfälzische Kurrende unter Leitung von Carola Bischoff in der voll besetzten Stiftskirche frenetischen Beifall; begleitend und solistisch bereicherten Maria Stange, Harfe, und Simon Reichert an der Orgel die Werkfolge.Benjamin Britten – am 22. November wäre er 100 Jahre alt geworden – hat seinen elfteiligen Chor-Zyklus „A Ceremony of Carols“ 1943 auf weihnachtliche Texte britischer Dichter des 16. Jahrhunderts komponiert. Schon ihrer geradezu ätherischen Besetzung für Frauen-, alternativ Knabenchor, und Harfe wegen scheinen die lichten, filigranen, zuweilen auch robust ausgelassenen Sätze dem Himmel näher als dem Hier und Jetzt. Und Britten schöpft aus gregorianischer Tradition und erfindet herrlich „ohrwurmige“ Melodien. Die Korrespondenz zwischen Frauenstimmen und Harfe hat ebenso Kraft, wie sie phasenweise einfach zu entschweben scheint.
Im Adventskonzert der Pfälzischen Kurrende am Samstag in der dicht besetzten Stiftskirche hatte Carola Bischof die Sammlung ins Zentrum einer rundum exzellenten, nein besser faszinierend verbindlichen und musikalisch hoch eindrucksvollen Performance gerückt, flankiert von aparten zeitgenössischen adventlichen Chorsätzen aus Frankreich, Ukraine und England.
Das hatte Charme, das hatte Biss
So hatte Britten sich das im Idealfall wohl vorgestellt, darf man getrost mutmaßen. Der mit 15 Stimmen wie ein professionell aufgestelltes Vokalensemble agierende Kammerchor sang losgelöst vom Notentext unter Bischoffs akribischem Dirigat mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit, meist auswendig, und einem klanglichen Ebenmaß, das seinesgleichen sucht. Der Solo-Sopran ließ sich mühelos und anbetungswürdig schön aus Reihen der Chorsängerinnen besetzen. Das hatte Charme, das hatte Biss und war getragen von einer solch selbstverständlichen, makellosen Klarheit, auch der Textdeutung, dass man hörend wie in einen kosmischen Sog gezogen wurde.
Wie stets folgte auch dieses Kurrende-Konzert einer eigenen Dramaturgie der Bewegung. Die antiphonalen Ecksätze bei Britten – teils gänzlich a cappella – gestaltete die Sängerinnen wie in der Partitur vorgegeben als Einzug und Auszug. Und auch sonst mischte sich die Aufstellung, wurde kompakt oder mit weiten Abständen oder auch mal korrespondierend aus den Seitenschiffen gesungen. Dies brachte Bewegung in die Szene und integrierte Kirchenraum und Auditorium ganz sinnfällig ins Gesamtgeschehen. Carola Bischoff hat schlicht ein Händchen für solche szenischen Momente, die stets sinnfällig, niemals bemüht oder aufgesetzt wirken. Es sind Akzente, die das Wesentliche hervorheben helfen.
Harfe und Orgel
Als Partnerin bei Britten fungierte die wunderbare Harfenistin Maria Stange, Professorin und weltläufige Solistin mit Neustadter Wurzeln, die nicht nur sensibel begleitete, sondern auch ihre solistischen Beiträge mit Grandezza präsentierte. Britten hat der Harfe ein feingestricktes, zartes, gleichwohl virtuos auftrumpfendes Intermezzo gewidmet und Maria Stange zelebrierte das, wie zuvor bereits den dritten Satz aus Paul Hindemiths Sonate für Harfe auf ihre sehr einfühlende und eindringliche Weise – überaus verschwenderisch mit Nuancen und samtenem Wohlklang spielend, dabei souverän virtuos und vor allem ungemein tief in der musikalischen Botschaft verankert.
Weiterer Partner der Kurrende war Stiftskantor Simon Reichert, der auch als Solist mit Johann Sebastian Bach (Fuga sopra II Magnificat BWV 733) und Johannes Brahms („Es ist ein Ros entsprungen“, op. posth. 122,8) und großer Literatur an der Edkes-Orgel brillierte, nicht zuletzt auch die meditative Komposition „Baitä ainva“ vom Peteris Vasks, was so viel bedeutete wie Weiße Landschaft (Winter), auf eindrucksvolle Weise interpretierte. Eine Komposition, die ihr Sujet geradezu vergegenständlicht. Man spürt den kalten Hauch endloser Schneeebenen ebenso wie den Frieden, der ihnen innewohnt. Reichert hat das auf sehr eindrückliche Weise vermittelt, mit gleißend kühlen Registerfarben und ungemein konzentriertem Spiel.
Info
Die Pfälzische Kurrende singt am Samstag, 21. Dezember, in der Stiftskirche ein Marktkonzert im Doppelpack, um 11.30 und 12.30 Uhr.