Neustadt Kleine Abstürze und ein Griff nach den Sternen
Bereits zum fünften Mal dabei ist die 27-jährige Geigerin Elisabeth Horn. Begeistert äußert sie sich in der Pause über ihren Lehrer und nennt den Grund für ihre Treue zu Neustadt und seiner Frühlingsakademie. „Sebastian Schmidt gibt mir viele Impulse, weil wir so gegensätzlich sind. Er ist eher der virtuose, nach außen gewandte Typ, ich dagegen bin etwas introvertierter. Er fordert von mir mehr Tempo und Temperament, möchte, dass ich stärker aus mir herausgehe.“ Von den Früchten dieser Forderung durften die Konzertbesucher bei ihrem Vortrag eines Bravourstücks von Camille Saint-Saëns kosten. Ihr rasanter Zugriff mündet zwar gegen Ende in einen kleinen Absturz, aber das passiert bei den Studentenkonzerten öfters – richtig ernst geht’s dann beim Wettbewerbskonzert zur Sache. Meist ist es das Lampenfieber, das den Nachwuchsstreichern einen Strich durch die Rechnung macht. Manche gehen daher auf Nummer sicher, spielen nicht auswendig, sondern nutzen die Noten als Gedächtnisstütze. Den kleinen Aussetzer von Roland Gudden in der „Havanaise“ von Saint-Saëns kommentiert Schmidt mit den Worten „Nicht rückwärts denken, sondern immer voraus schauen.“ „Wenn mal einem eine Note nicht einfällt – das Stück muss weitergehen, man hat keine andere Wahl“, weiß der 25-jährige in München studierende Jungvirtuose. Erholung vom harten Studium findet er bei seiner Gastgeberin Erika Egner, die ganz vorne im Publikum sitzt und ordentlich mitfiebert. Sie gilt als die gute Seele des Meisterkurses, hat im Laufe der Jahre schon 120 junge Musikerinnen und Musiker beherbergt. „Dabei sind sehr viele Kontakte und Freundschaften entstanden. Viele meiner Gäste laden mich deutschlandweit zu ihren Konzerten ein oder besuchen mich auch außerhalb des Kurses“, freut sich Egner. Überhaupt ist die familiäre Atmosphäre mit ein Grund für die Beliebtheit der Frühlingsakademie. Nicht Konkurrenzdruck, sondern gegenseitige Neugierde prägt die Stimmung. „Der Meisterkurs bietet eine gute Gelegenheit, den anderen über die Schultern zu schauen, auch wenn das zuweilen etwas einschüchtert“, sagt der Bratscher Aaron Bunker, der auch außerhalb des Unterrichts viel Zeit mit dem Kurs verbringt, sei es beim gemeinsamen Mittagessen oder abendlichen Unternehmungen. Vor allem aber äußert er sich begeistert über den „intensiven Unterricht“ bei Roland Glassl. Befragt man die jungen Musiker nach den Grundsteinen für eine erfolgreiche Karriere, bekommt man fast immer die gleiche Antwort. Alle stammen aus einem musikalischen Elternhaus und haben in der Regel im Alter von fünf Jahre mit dem Geigenspiel begonnen. „Sehr wichtig ist auch, dass der erste Lehrer gut war“, glaubt die 26-jährige aus Serbien stammende Aleksandra Manic. Aber zurück zum Unterricht: Manchmal sind es ganz banale Dinge, die einem Schüler auf dem Weg zur Spitze weiterhelfen können. Wie die richtige Griffhaltung. Wer am Mittwoch auf dem Siegertreppchen landet? Natürlich gaben die Studentenkonzerte Anlass zu Spekulationen. Zu den Favoriten im Fach „Viola“ zählt der aus der Schweiz angereiste Bratscher Darry Bachmann. Mit seiner berückend klangvollen und transparenten Solo-Darbietung der „Cadenza“ von Krzystof Penderecki traute er sich ins kalte Fahrwasser der Moderne und erntete dafür laute Bravo-Rufe. Überhaupt ermöglichen die Studentenkonzerte aufgrund ihrer großen Bandbreite außergewöhnliche Begegnungen mit seltener Literatur. So beeindruckte die Polin Emilia Stepien mit ihrer mystisch-melancholischen Wiedergabe der Sonate für Viola und Klavier von Arnold Bax. Dass die oft ob ihrer Trägheit belächelte Bratsche genauso virtuos sein kann wie die Violine, bewies unter anderem der Vortrag von Kevin Treiber am Beispiel der für die Bratschenstimme transponierten Violinsonate von César Frank. Bei den Geigen darf unter anderem Annabel Nolte auf ein gutes Wettbewerbsergebnis hoffen. Mit der blitzsauberen Wiedergabe eines Auszugs aus dem 3. Violinkonzert von Saint-Saëns gelang ihr ein Griff nach den Sternen. Als souverän entpuppte sich die Koreanerin Woojung Choi als „Frontfrau“ in einem Geigenquartett von Astor Piazzolla, das für hervorragende Stimmung in der Parkvilla sorgte. Jetzt gilt es, sich bis morgen zu gedulden, wenn um 18.30 Uhr im Festsaal des GDA-Wohnstift voraussichtlich acht Meisterschüler um die Gunst der Jury und des Publikums kämpfen werden.