Neustadt
Kinder der Jakob-Reeb-Schule treiben Sport beim TV Mußbach
„Das ist der totale Glücksgriff hier.“ Laura Klein schwärmt von der Sportanlage des TV Mußbach mit Turnhalle, vollem Geräteraum sowie draußen mit 200-Meter-Rundlaufbahn, Weitsprunggrube und Beachvolleyballfeld. „Leichtathletik-Themen werden wir hier auch anbieten können.“ Klein ist Klassenlehrerin an der Jakob-Reeb-Schule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. In Neustadt, Ludwigshafen, Germersheim, Ottersheim, Speyer und Waldfischbach-Burgalben werden Grundschüler mit Förderbedarf wohnortnah unterstützt. „Bei uns landen Schüler, die im normalen Schulsystem nicht mehr schulisch zu fördern sind“, erklärt Förderschulrektor Karlheinz Brechtel Hintergründe. Es seien Jungen und Mädchen aus schwachem sozialem Umfeld, es seien Kinder mit psychiatrischen Diagnosen. Das Jugendamt weise der Schule die Kinder zu, sei Kostenträger. Brechtel: „Die Schüler verbringen den ganzen Tag bei uns von 8 bis 17 Uhr.“ In der Konrad-Adenauer-Straße in Neustadt „haben wir zwei Wohnungen angemietet“. Die bildeten für Schule und Tagesgruppe eine räumliche Einheit.
Schauen, was jeder kann
Diesmal sind es zwei Lehrerinnen, die sich mit drei Jungen und einem Mädchen in der Halle des TV Mußbach bewegen. „Bewegung ist für unsere Schüler was ganz Wichtiges“, betont der Rektor. „Zwischendrin brauchen sie Entspannung, müssen sich aber auch mal auspowern“, betont Brechtel. Weil es erst die dritte Sportstunde in diesem Schuljahr ist, „gucken wir, wer was kann und wer was gerne macht“, erzählt Laura Klein, die mit Colehrerin Stefanie Henke die vier Kinder in Mußbach betreut.
Lennart ist der Erste, der in die Halle stürmt. Er greift sich gleich ein Springseil und legt los. Klein: „Wir haben vorher abgesprochen: Wer mit dem Umziehen fertig ist, holt sich ein Seil.“ So ist jeder von Beginn an in Bewegung und wärmt sich auf. Weil Sophie Probleme mit der Koordination beim Seilspringen hat und ihre Arme gestreckt hält, versucht Lennart ihr zu helfen: „Guck, Sophie, nicht mit ganzen Armen.“ Laura Klein lobt ihn: „Guter Tipp.“ Sie lässt ihre Schützlinge weiterhin das Seilspringen probieren, geht ebenso wie Stefanie Henke herum und gibt Ratschläge. „Wir üben das jetzt jede Woche. Ihr werdet merken: Das geht immer besser“, macht sie ihnen Mut.
Drei Minuten laufen
Bald stellen sich alle in einer Hallenecke auf. Ein Drei-Minuten-Lauf steht an. „Achtet auf euch, nicht auf die anderen“, ruft Klein und ermahnt jeden, ein Tempo zu laufen, das er durchhalten kann. „Nicht gehen, nicht stehen.“ Zur Motivation spielt die Lehrerin Musik über ihr Mobiltelefon ab. Klein und ihre Kollegin laufen mit. Alle schnaufen, jeder hält durch.
Jetzt bestimmen die Kinder die Übungen. „Jeder überlegt sich eine Vorwärtsbewegung“, erklärt Klein, wie’s weitergeht. Auf einem verkleinert Feld laufen alle hinter Lennart auf Zehenspitzen. Sophie will anschließend, dass alle den Hopserlauf machen, weiß aber nicht, wie’s geht. Kein Problem: Klein hilft ihr, macht es vor, zieht im Wechsel rechtes und linkes Knie „hoch, hoch“. Es folgen Sidesteps und Laufen mit Anfersen. Nun bauen alle einen kleinen Parcours fürs Zirkeltraining auf. An der Sprossenwand „klettert ihr so hoch, wie ihr euch traut und springt nach unten – aber nicht von ganz oben“, erklärt Klein Station eins. Die maximale Höhe für den Absprung markiert sie mit einem Tuch.
Erlebnis beim Team-Bingo
„Die Übung an Station zwei wird die Fußballer freuen“, ist sich die Lehrerin sicher. Mehrere Hütchen stehen in einer Linie – die Kinder dribbeln mit einem Ball im Slalom durch den Parcours. Em Ende lassen sie den Ball liegen, sprinten zum Hallenende und wieder zurück, dribbeln erneut. „Eine schwere Übung“, weiß Laura Klein. „Der Tipp von uns: Macht’s langsam.“ Um Kraft geht’s an Station drei: Erst hüpfen die Grundschüler mit beiden Beinen über eine Langbank und sind dabei mit den Händen aufgestützt. Auf dem Rückweg legen sie sich auf die Bank und ziehen sich mit den Armen ans andere Ende. An Station vier „geht’s ans Werfen und Fangen“. Hier wirft jeder einen Ball gegen die Wand und fängt ihn wieder auf. Eineinhalb Minuten Bewegung sind an jeder Station vorgesehen. „Sobald ich pfeife, geht’s los“, kündigt Laura Klein an. Motivierende Musik ertönt erneut.
Spätestens beim Team-Bingo zum Stundenende wird klar, dass zum Sport nicht nur Gewinnen, sondern auch Verlieren gehört. Zwei Zweierteams treten gegeneinander an. Von der Hallenmitte aus sprintet jeder Starter zur Bank am Hallenende, auf der ein Blatt Papier mit Zahlen darauf und ein Würfel liegen. Connor erklärt das Spiel: „Zum Würfel und zum Blatt laufen, würfeln, die Zahl auf dem Blatt durchstreichen und zurücklaufen.“ Am Ende siegen Sophie und Lennart und jubeln laut. Connor und Lars aber schmeißen sich bitter enttäuscht auf den Boden. Laura Klein kniet sich zu ihnen: „Würfeln ist ein Glücksspiel. Seid faire Verlierer, ihr habt alles gegeben.“ Bei diesem Spiel brauche es nicht nur Geschwindigkeit, sondern eben auch Glück.
Suche nach Turnhalle
Und Glück hatten die Schüler und Lehrerinnen bei der Suche nach einer freien Turnhalle. „Wir waren in der Halle der Schöntalschule, dann begann Corona, dann ist die Halle abgebrannt“, erzählt Stefanie Henke, warum die Jakob-Reeb-Schüler lange keinen Hallensport treiben konnten. „Ich habe 15 Schulen angeschrieben, nur eine hat sich zurückgemeldet“, schildert Laura Klein von der schwierigen Suche nach einer freien Halle. So habe sie sich an die Stadtverwaltung gewandt. Daraufhin habe sich über Umwege Dieter Hackebeil, Vorsitzender des TV Mußbach, gemeldet. „Wir sind nett vom Verein empfangen worden, haben schon viele Vereinsmitglieder kennengelernt“, erzählt Klein begeistert. Manche Mitglieder hätten sogar angeboten, in der Schulstunde auch mal was zu machen. „Wenn ich nicht so weit weg wohnte, wäre ich Mitglied in diesem Verein“, betont die begeisterte Lehrerin.
Auch die Kinder hätten sich „total gefreut“, dass es wieder mit der Sportstunde klappe. „Wir würden gerne den TV Mußbach mit 250 Euro unterstützen, uns damit für eure wirklich tolle Hilfe erkenntlich zeigen und von Herzen bedanken. Wäre das in Ordnung?“, will sich Laura Klein im Auftrag der Jakob-Reeb-Schule beim TV Mußbach „mit einer symbolischen Spende bedanken“. Das sei natürlich in Ordnung, betont der Vereinsvorsitzende Dieter Hackebeil: „Es freut mich, dass wir Ihnen und damit den Kindern helfen konnten.“
Emotionen kontrollieren
„Die Jungen und Mädchen sollen Spaß an der Bewegung kennenlernen, sollen Sport positiv in ihr Leben nehmen als Ventil und zum Ausgleich.“ Und sie lernen im Sport fürs Leben. „Sport ist ein Lernfeld, das unbedingt bedient werden muss“, weiß die Pädagogin. Die Jungen und Mädchen lernten hier zum Beispiel, ihre Emotionen zu kontrollieren wie jetzt nach einer Niederlage. Klein: „Dazu gibt’s nichts Besseres als Sport.“
Stichwort: Jakob Reeb
Jakob Reeb ist am 24. Mai 1842 in Schifferstadt als Sohn einer Bauernfamilie geboren worden. Er starb 1917 in München. Laut Verband Katholischer Jugendfürsorge ist er 1867 zum Priester geweiht worden. 1869 war er Religionslehrer am Königlichen Gymnasium Zweibrücken und Gefangenenseelsorger in der dortigen Strafanstalt, wo Jugendliche und Erwachsene untergebracht waren. Von 1899 bis 1912 war er Abgeordneter im Bayerischen Landtag, wo er sich für Trennung von jugendlichen und erwachsenen Strafgefangenen einsetzte. Es ging ihm auch darum, diese Jugendlichen weniger zu bestrafen als vielmehr zu erziehen. Reebs’ Verdienst ist es laut Jugendfürsorge, dass er einen Verein gründete mit den Aufgaben, Geld für Erziehungsanstalten zu sammeln, Familien für vernachlässigte Kinder zu finden und diese Familien zu unterstützen. Zwar ordneten damals Vormundschaftsgerichte Zwangserziehung an, aber die Kirchen und damit auch Reeb führten diese Aufgaben aus. 1905 wurde die Katholische Jugendfürsorge für die Pfalz in Kaiserslautern gegründet. Im Ausschuss saß ebenfalls der Landtagsabgeordnete Dr. Josef Siben aus Deidesheim. Aus dem Verein entstand der Verband der Katholischen Jugendfürsorge.