Neustadt
Kabarett mit Martin Herrmann
Gemütlich ist es im 120 Quadratmeter großen Tanzsaal des Cafés Mandelring in Neustadt-Haardt von 1844. Parkettboden, antiquarische Möbel, an den Wänden hängen Ölbilder in goldenen Rahmen. Zwei Flügel verschluckt der große Raum. Einen passenderen Ort hätte der Kleinkunstverein „Reblaus“ für den schon zweiten Auftritt des Freiburger Kabarettisten Martin Herrmann nicht finden können, der seine Show „Keine Frau sucht Bauer“ auf seiner Homepage als „hochkomisches Salonkabarett für Neoromantiker in Wort und Lied“ beschreibt.Seine mit der Gitarre begleiteten gereimten Spottlieder und sein gerolltes R – er ist im bayrischen Günzing geboren – erinnern an „Stanzerl“, mit denen Herrmann aber niemanden verletzen wolle: Er zeigt eine Heugabel, deren spitzen Enden er mit Sektkorken entschärft hat: Damit möchte er „dem Kabarett die Spitze wegnehmen“, um nicht zu verletzen. Ein schönes Bild seiner Philosophie! Doch dann legt er auch schon los, macht sich über die „Sinnsucherinnen mit urbanem Migrationshintergrund“ lustig, Frauen aus der Stadt, die laut Trash Formaten im Fernsehen einen Bauern suchen. Warum tun sie das? Ist es das Platzangebot für die Kinder und der Streichelzoo im Haus?
Seppelhut und Holzfällerhemd
Wobei der Kulturschock dann recht schnell komme: „Wenn die Frau zum Gebären zu müde ist, trägt sie der Bauer auf Händen zur Stallarbeit“. Oder sind die Fernsehbauern ohnehin nicht echt, sondern hoffen nur durch entsprechende (Ver)Kleidung eine Frau zu finden? Schnell zieht er sich einen Seppelhut auf und ein Holzfällerhemd an. Macht das attraktiv? Beides legt er wieder ab – man ist entweder per se „rustikal“ oder eben nicht. Aber macht es überhaupt Sinn zu heiraten? Heiraten manche nicht nur, um mal hupend durch die Stadt fahren zu dürfen? So seine These.
Steuere der Mann das stadteinwärts fahrende Auto und sitze die Frau daneben, dann handele es sich um eine Hochzeit. Sei aber die Frau am Steuer und der Mann fahre mit dem Fahrrad hinterher, dann sähe man eine Scheidung, so seine Beobachtung. Die Scheidungsquote läge bei 50 Prozent. Er berichtet von Männern, die vor der Ehe in einem Zimmer wohnten – und nach der Scheidung wieder. Diesen Umweg könne man sich ja sparen. Eine weitere Verballhornung romantischer Vorstellungen „fremder Kulturen“ demonstriert er mittels einer „tibetanischen Taschenharfe“. „Geweiht, handgeschmiedet“, nach einem komplexen Verfahren gestimmt; und zeigt dann einen metallenen Eierschneider. Tatsächlich entlockt er dem Küchengerät Melodien, indem er die Seiten zupft. Der Ton wird durch Auflegen auf den Gitarrenkörper verstärkt. Ein bisschen erinnert das Geräusch tatsächlich an eine Mbira aus Südafrika. Herrmann erzeugt damit mal harmonische, mal disharmonische Töne, äquivalent zu den Stimmungen innerhalb einer Beziehung. „Kreativ“ auch seine (Um-) Interpretation von „kultureller Aneignung“.
Lurchi und der Bandwurm
Er zeigt auf eine Zeichnung einer Szene aus der Werbung einer bekannten Schuhmarke aus den 60er Jahren. Lurchi droht von muskulösen schwarzen Kannibalen mit dicken Lippen in Baströckchen gefangen genommen zu werden. Die Schwarzen tragen eine „Brikettfrisur“, das heißt, die Kopfseiten sind rasiert, am Oberkopf stehen die Haare quaderförmig ab. „Die heutigen Rapper haben in kultureller Aneignung diese Frisur von der Werbung kopiert“, so seine Ulkthese. Auch den Pfälzern widmet er eine Anekdote: Er habe einmal einen Bandwurm gehabt, mit dessen Hilfe er einen typischen Pfälzer Saufwettbewerb, wie sie im Herbst traditionell ausgetragen werden, gewonnen habe. Da der Bandwurm die Verdauungsarbeit leisten musste, verstarb dieser jedoch an Leberzirrhose.
Noch heute bewahre er „seinen Freund“ in Formalin eingelegt auf seinem Schreibtisch auf. Eins sei klar: „P(f)älzer Wein macht nicht dumm, ätzt nur das F aus dem Sprachzentrum“. Herrmann tritt seit 30 Jahren auf. Er schreibt, verrät er, keine ganz neuen Programme, sondern ergänzt sein Repertoire stets durch neue Anekdoten und Lieder. Je nach Publikum wähle er entsprechende Geschichten aus seinem Fundus. Da darf man auf die nächsten Spottverse gespannt sein, wenn er wiederkommt.