Neustadt
Instrument des Jahres: Schifferklavier, Quetschkommode, Orgel und mehr
Wer in den 1950er Jahren die reine Mädchenklasse einer städtischen Volksschule besuchte, konnte sicher sein, spätestens ab Stufe 3 in den Genuss von kollektivem Blockflöten-Unterricht und anschließend in den alle Vorstellungen klanglicher Übereinstimmung sprengenden Chor der Moeck-Flöten-Philharmonie zu gelangen. Das Angebot meiner Eltern, doch mit einem Akkordeon weiterzumachen, war – so gesehen – eine Art Quantensprung. Auch wenn damit – angesichts der „Harmonie-Bässe“ – das Verdikt von den indifferenten Klängen nicht ganz aus der Welt war. Hätten sie mir Klavierunterricht spendiert, es wäre der Gipfel der Glückseligkeit gewesen.
Aber die familiäre Genetik legte die „Quetschkommode“ quasi ultimativ nahe, denn auf den regelmäßigen Treffen der Großfamilie in meinem Geburtsort am Rhein packten gleich mehrere Cousins ihre melodischen Babys aus, die dort allerdings „Schifferklavier“ heißen. Ich bekam also ein Tastenakkordeon, erst mal mittlerer Größe, und lernte unter Anleitung eines schon betulich betagten Musiklehrers relativ zügig, wie man die Luftzufuhr angemessen regelt, links die Harmoniebässe und mit der rechten Hand die Tastatur melodiös bedient.
Zwischen Mozart, Mahler und den Beatles
Die Notenhefte, die mein Schulmeister mitbrachte, prahlten mit blumiger Idylle, rotbackigen Dirndlmädchen und Waldeslust. Und der darin dargebotenen Literatur eignete ein gewisser Schmalspurcharakter. Sie changierte zwischen Ländler, „Schneewalzer“, „Im Frühtau zu Bergen“ und wieder zurück; nichts dabei, was das Herz eines frühpubertierenden und emotional zwischen Mozart, Mahler und gerade aufschäumender Beatles-Welle hin und her gerissenen Teenagers hätte anzapfen können. Irgendwann, so mit 15, wurde das Akkordeon dann ein- und nicht mehr wieder ausgepackt.
Jahre später, schon als Kirchenmusikerin unterwegs, in der Pariser Metro-Station „Odeon“, dann das Erweckungsmoment, der Donnerschlag: Da fing mich Bachs berühmte d-Moll-Toccata ein. Und ich vergaß das Weiterfahren. Ein Musikstudent spielte das Opus magnum auf seinem Akkordeon so virtuos, so inspiriert, so überirdisch, wie ich es nie zuvor in der Orgelversion glaubte gehört zu haben. Und plötzlich dämmerte mir wage, was ich offenbar versäumt hatte.
Verschüttete Kindheitserinnerungen
Wieder vergingen Jahre, bis während einer der sommerlichen Nordstand-Tourneen meines Pfälzischen Vokal Ensembles eines Morgens, schon vor dem Frühstück, vom Logis gegenüber sich schwungvolle Wanderweisen eines offenbar akkurat bedienten Akkordeons in die Gehörgänge schmeichelten und – Sapperlott! – das gefiel mir, das weckte verschlafene Lebensgeister und spülte tief verschüttete Kindheitserinnerungen an die Oberfläche.
Die Quelle war rasch ausgemacht. Und bescherte gleich ein weiteres Aha-Erlebnis: Christa Hirsch-Piepenbrink, Tochter von Heinz Markus Göttsche (langjähriger Landeskirchenmusikdirektors der Evangelischen Kirche der Pfalz), Instrumentallehrerin für Klavier und Querflöte sowie Kirchenmusikerin mit bis heute regelmäßigen Orgeldiensten in Ingenheim und Billigheim, war’s, die da so wanderselig in Tasten und Knöpfe griff.
Wie die Jungfrau zum Kind
Wie die Jungfrau zum Kind sei sie zum Akkordeon gekommen, erinnert sie sich lachend. Querflöten-Ikone Doris Geller, bei der sie in den 70er Jahren an der Musikhochschule Mannheim studiert hatte, habe ihr irgendwann sehr viel später und eher beiläufig von ihrer Leidenschaft fürs Akkordeon erzählt. Und lieh es zum „Beschnuppern“ auch bereitwillig aus. 2010 sei das gewesen, so Hirsch-Piepenbrink. „Mich haben zunächst vor allem die Reihen der Bässe fasziniert und (lacht wieder!) mir war schleierhaft, wie man bei all den kleinen Knöpfen immer die richtigen findet.“
Sie habe das aber relativ rasch kapiert und mit großer Freude nicht allein Volkslieder gespielt, sondern sich auch Musette-Walzer, Tangos und Klassik-Bearbeitungen – siehe Pariser Student – draufgeschafft. „Welch eine Entdeckung! Das Akkordeon ist einfach ein Allrounder – eigentlich kann man alles darauf spielen.“ Und einmal im Flow tat sich auch ganz rasch ein tolles Betätigungsfeld auf. Im südpfälzischen Billigheim, dem Wohnort der Piepenbrinks, da wo Ehemann Ralf bis zu seinem Ruhestand Pfarrer war, gibt es eine vielfach aktive Trachtengruppe. Und die freut sich seit 13 Jahren über die instrumentale Verstärkung, ebenso wie die Stammfrau an den Tasten und Knöpfen, Gudrun Hirsch, mit der sie übrigens nicht verwandt oder verschwägert, aber längst gut befreundet ist. Alle 14 Tage wird geprobt, nicht zuletzt für den Jahreshöhepunkt im September, dem berühmten „Billigheimer Purzelmarkt“, der traditionell am Freitagabend mit einem Gottesdienst eröffnet wird, in dem die Volkstanzgruppe in Begleitung der beiden Akkordeonistinnen fester Bestandteil der Liturgie ist.
Scheinidylle und rhythmischer Ansporn
Historisch betrachtet stand eine Vielzahl althergebrachter Popularmusik nach dem Zweiten Weltkrieg unter Generalverdacht, dem Nazi-Regime als emotionale Durchhaltehymnen gedient zu haben. Vom einfachen Wanderlied bis zum Schunkelwalzer instrumentalisierten Hitlers Propagandisten das heimelige „kulturelle Volksgut“ für ihre Blut-und-Boden-Ideologie. Und das Akkordeon, mobiles Orchestrion und zwischen Waterkant und bayerischem Schuhplattler allüberall regional zu verorten, diente sozusagen als Fanfare, lieferte Scheinidylle und rhythmischen Ansporn gleichermaßen.
Dass es sich, wenn auch sehr allmählich, emanzipiert und aus vom unseligen Verdikt der platten „Tümelei“ befreit und damit auch das lange beargwöhnte Volksliedgut wieder salonfähig gemacht hat, findet Hirsch-Piepenbrink bestätigt im enormen Publikumszuspruch bei den Auftritten der Volkstanzgruppe. Und für sie persönlich ist es ein erfrischender Kontrast zu ihren klassischen beziehungsweise kirchenmusikalischen Auftritten. Sie erweitert ihr Repertoire stetig, bewegt sich mittlerweile trittsicher zwischen französischer Musette, Klezmer-Klängen und auch mal was Zeitgenössischem. Wertvolle Impulse liefere da alljährlich das Tournee-Festival „Akkordeonale“, das auch in diesem Frühjahr wieder mit Workshops und Konzert in Neustadt Station macht und mit seiner Riege internationaler Künstler auch ein ebensolches Publikum lockt. „Das haben wir noch in keinem Jahr versäumt – und diesmal steht es, zum instrumentalen Shooting-Star gekürt, unter einem besonders leuchtenden Stern“, versichert Christa Hirsch-Piepenbrink.
Termin
Samstag, 18. April, 20 Uhr, Herrenhof Mußbach: Akkordeonale 2026 mit internationalen Stars wie Adriana de Los Santos (Brasilien), Zabou Guérin (Frankreich), Maurizio Minardi (Italien); Tickets: akkordeonale.de