Neustadt „Im September sind wir wieder mit dabei“
«Neustadt». Was am Tag zuvor noch eher zögerlich begonnen hatte, hinterließ am Samstag viele beeindruckte Gesichter: Bei verschiedenen Workshops auf dem Juliusplatz erhielten interessierte Bürger einen Vorgeschmack auf das Demokratiefestival „Hambach!“ im September. Alle waren sich im Anschluss einig: „Beim Großspektakel auf dem Schloss sind wir wieder mit dabei.“
Es wurde gewerkelt, gemalt, gesungen und geplaudert. Insgesamt drei von bislang acht für das Festival angekündigten Künstlerprojekten konnten bei der Preview direkt ausprobiert werden. Und das wurden sie am Samstag rege, trotz sengender Frühsommer-Sonne. Allen voran das Konversationsprojekt „Building Conversation“ der niederländischen Gruppe „Third Space“, übersetzt der „dritte Raum“, das den Teilnehmern verschiedene Gesprächstaktiken näher bringen wollte. „Ich habe mir das vorher sogar etwas peinlich vorgestellt“, berichtet Teilnehmerin Charlotte Dietz. Sich beim „Gespräch ohne Worte“ zwei Stunden lang anzuschweigen, sei dann aber nur die ersten ein, zwei Minuten komisch gewesen. Dann habe sie vor allem über Augen und Kopfhaltung schnell eine Verbindung zu ihrem Gegenüber aufgebaut. „Wir haben auch angefangen, uns zu spiegeln, also den Ausdruck des anderen in gewisser Weise nachgeahmt“, so Dietz. Und sie betont: „Das war am Ende sogar richtig befreiend, einen anderen Menschen mal so lange angucken zu dürfen, normalerweise macht man das ja nicht.“ Einen anderen Ansatz verfolgte das „antagonistische Gespräch“, für das sich Maximilian Müller beim Workshop entschieden hatte. „Es ging darum, unterschiedliche Ansichten zu einem Konfliktthema zu vertreten“, erzählt der 17-Jährige. In seinem Fall war es das Politikum offene oder geschlossene Grenzen. Rein für eine Sichtweise zu argumentieren, die Konfrontation und eben nicht den Konsens zu suchen, sei „interessant“ gewesen, berichtet der Schüler. Ihm sei dabei deutlich geworden, wie schwierig eine extreme Sichtweise sei, ohne den anderen Standpunkt kennenlernen zu wollen. Eine wieder andere Gesprächsform am Samstag: „Das unmögliche Gespräch über Macht“. Erik Koppenhagen stellte sich dabei die Frage, ob er überhaupt schon einmal Macht besessen hat. „Ich würde es eher Verantwortung nennen, der Begriff Macht ist mir zu hart“, so der 17-Jährige. Die Auseinandersetzung sei auf jeden Fall sehr persönlich und emotional gewesen. Das bestätigt auch die 19-jährige Fynn Bastein von der „Engagierten Jugend Neustadt“, die bei dem Festival unterstützend mitwirkt. „Einige Sachen hätte ich so sicher nicht gesagt, wir hatten aber vorher Zeit, sie aufzuschreiben, dann habe ich einfach von meinem Zettel vorgelesen“, sagt sie. Die Erfahrung von Machtlosigkeit habe sie schon einmal gegenüber ihrer Mutter gemacht, da Eltern doch eher in der Machtposition seien. Als „faszinierend“ hat Leon Weller die verschiedenen Gesprächsformen empfunden. Der 20-Jährige lässt sich jetzt zum Gesprächs-Guide für das Demokratiefestival im September ausbilden. Er freue sich, dann auch die anderen Formate kennenzulernen, betont der Jugendliche. Die Preview am Wochenende sei ja nur ein Vorgeschmack gewesen. Gleiches sagt auch Wolfgang Dinges, Leiter der städtischen Kulturabteilung, die sich mit einem Graffitiprojekt beim Festival einbringt. Um Werbung für den in dieser Sparte angebotenen Querfälltein-Workshop für Jugendliche zu machen, hat Streetart-Künstler Aaron Diesbach live auf dem Juliusplatz einen großen „Promowürfel“, wie Dinges ihn nennt, besprüht. Das Kunstwerk zeigt das sehr naturalistische Gesicht einer jungen Frau, deren Blick in die Ferne schweift. Unter professioneller Anleitung (allerdings nicht von Diersbach) sollen die Festivalteilnehmer von 10. bis 12. September vier weitere große Würfel mit Graffiti gestalten können, die dann zum Schluss in der Wallgasse ausgestellt werden. Fröhlich gesungen wurde am Wochenende unterdessen wie schon am Freitag wieder im Wohnwagen der britischen Performance-Künstler Gemma Paintin und James Stenhouse. Die aufgenommenen Liebeslieder werden an in ganz Europa verteilten „Funkstationen“ über eine App zum Download zur Verfügung gestellt. Beim Festival auf dem Hambacher Schloss wird auch dieses eine solche Funkstation werden. Ob ihr Volkslied „Übers Bacherl bin i g’sprungen“ tatsächlich auch ein Lovesong sei, wisse sie gar nicht, erzählt Angelika Fink. Weil er ihr gut gefalle und aus ihrer Heimat Österreich komme, habe sie ihn spontan gerne mit anderen Menschen teilen wollen. Für „Let it go“ von James Bay haben sich Charlotte Schröder, Marlena Lüneburg sowie Farina und Lucie Becker entschieden. Weil Loslassen eine große Rolle im Leben spiele, sinnieren die jungen Frauen. Die Idee, sich dem Thema Demokratie „mal nicht über den typischen Appell, wir müssen zusammenhalten in Europa, sondern über Liebeslieder aus verschiedenen Ländern in verschiedenen Sprachen“ zu nähern, finden die Schülerinnen toll. Ganz praktisch ging es auf dem Juliusplatz derweil auch bei Robin Lang von der Gruppierung „Yalla Yalla!“ zu. „Wir bauen hier die Bank der Demokratie“, so der Mannheimer. Und weil die eben nur im Dialog funktioniere, sitze man auf dieser nicht nebeneinander, sondern sich direkt gegenüber. Rund 30 Teilnehmer sägen, hämmern und schrauben am Samstag zusammen und bringen am Ende vier Demokratie-Bänke zustande. Insgesamt zehn sollen beim Festival auf dem Schlossgelände verteilt werden, berichtet Lang. Er freut sich: „Die Leute setzen sich immer wieder und machen Fotos auf unserer besonderen Bank. Die zaubert einem einfach ein Lächeln ins Gesicht.“ Noch Fragen? Weitere Infos zum Festival unter www.matchbox-rhein-neckar.de.