Neustadt
Im Herbst der schönen Töne
Auf dem Programm stehen acht exquisite Programme quer durch das epochale Spektrum zwischen Renaissance und Moderne. Das Festival ist obendrein spektakulärer kultureller Botschafter beim 750. Stadtjubiläum. Unmittelbar nach den Schulferien, wenn in allen Bereichen des Alltags wieder Betriebsamkeit einkehrt, nimmt auch die Kultur erneut Fahrt auf. So startet am 2. September zum Beispiel das Festival „Neustadter Herbst“ zum fünften Mal und in diesem Jahr als Teil der Feierlichkeiten zum 750. Stadt-Jubiläum.
Wie in den Vorjahren schon agiert der künstlerische Leiter, Bezirkskantor Simon Reichert, im engen Schulterschluss mit den protestantischen Gemeinden der Neustadter Stadtteile und vor allem mit der Neustadter Stadtspitze. Traditionell eröffnet die Auftaktveranstaltung am 2. September auch gleich die neue Konzert-Saison im Saalbau. Auf dem Programm stehen zwei „Schwergewichte“ der Konzertliteratur: Die große C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert, erst posthum 1839 durch Felix Mendelssohn uraufgeführt und von ihrem Entdecker Robert Schumann mit der sprichwörtlichen Eloge von den „himmlischen Längen“ geadelt. Dessen Klavierkonzert a-Moll wiederum sprengte 1845 die Grenzen des bislang Dagewesenen, indem es Solist und Orchester auf Augenhöhe interagieren ließ. Solistin dieser Schlüsselkomposition der Romantik an diesem Abend ist die belgische Pianistin Els Biesemans mit ihrem historischen Hammerflügel, dem Neustadter Publikum noch von Ihrem bejubelten Gastspiel 2023 in lebendiger Erinnerung. Am Pult des mit historischem Instrumentarium bestückten Ensemble 1800 agiert Fritz Burkhardt.
Ambitioniertes Projekt
Schlusspunkt des Festivalreigens bildet ein nicht minder ambitioniertes Projekt: Die große katholische Missa in h-Moll des Protestanten Johann Sebastian Bach, mit deren ersten Teil er versucht hatte, am Hof Augusts des Starken um eine Hofkapellmeisterstelle zu reüssieren und die er erst kurz vor seinem Tode vollendete, wird in der von Simon Reichert als „authentisch“ beschriebenen Form erklingen; nämlich rein solistisch besetzt, auch in den Tutti-Teilen. Zwar haben die „Caecilienvereine“ des 19. Jahrhunderts großen Anteil an der raschen Popularität des opulenten Werks, dennoch – so betont es auch Reichert – bevorzugt die Historisch Informierte Aufführungspraxis heute kleine bis rein solistische Besetzungen.
In Neustadt agieren im Jahr des 275. Todestags des Leipziger Thomaskantors unter Simon Reicherts Leitung das international besetzte Gesangsensemble „Delectus Cantionum“ um den Bass-Bariton Wolf Matthias Friedrich sowie das Collegium Musicum Leipzig.
40 Jahre Pfälzische Kurrende
Im Zentrum des Konzert-Zyklus heischt ein weiteres Jubiläum um Aufmerksamkeit: Der weit über die regionale Ebene hinaus erfolgreiche Frauenchor „Pfälzische Kurrende“ begeht den 40. Jahrestag seiner Gründung und lädt dazu für Samstag, 6. September, in die Pauluskirche Hambach. Dem barocken Impetus verpflichtet ist der Programmteil mit dem „Gloria“ von Antonio Vivaldi. Nicht mal weit hergeholt, wie Simon Reichert erläutert, „denn Vivaldi unterrichtete ja unter anderem an einem der Mädchen-Waisenhäuser Venedigs.“ Weiter geht es dann mit Werken aus vier Jahrzehnten Kurrende-Geschichte – international und stilistisch überaus vielgestaltig. Begleitet wird das Frauenensemble unter Leitung von Carola Bischoff von einem Barockorchester.
Dazwischen verdienen fünf weitere Konzerte uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Fans von Els Biesemans– und die füllen mittlerweile eine richtige Gemeinde – dürfen die Tastenkünstlerin noch einmal rein solistisch erleben, am 3. September, in der Protestantischen Kirche Haardt, wo sie auf ihrem eigenen Hammerflügel mit Werken von Frederic Chopin sowie Clara und Robert Schumann aufwarten wird.
Italienische Vokalmusik
Mit italienischer Vokalmusik des Frühbarock, der aufblühenden Epoche des Drama per Musica, der Oper, kredenzt die großartige Sopranistin Johanna Pommranz gemeinsam mit dem Capricornus Ensemble Stuttgart (Leitung: Henning Wiegräbe) unter dem Titel „Furioso Barocco“ Raritäten aus dem Virtuosen-Fundus. Ort am Donnerstag, 4. September, ist die Stiftskirche.
„Französische Eleganz“ hingegen beflügelt den barocken Ausflug, zu dem die in Neustadt lebende Starfagottistin Jenifer Harris gemeinsam mit ihrem Ensemble „Chameleon“ am Sonntag, 7. September, 18 Uhr, im katholischen Teil der Stiftskirche aufbricht. Im Mittelpunkt steht das Werk des großen Jean Philippe Rameau, bis heute einer der „Säulenheiligen“ französischer Musikgeschichte.
Beethoven auf dem Hammerflügel
Der Folgeabend 8. September überspringt eine paar epochale Wegmarken, um am Schnitt von Klassik und Romantik beim Titanen Beethoven zu verharren. Miklós Spányi widmet sich im idealen Klangprofil seines Hammerflügels dessen frühem Sonatenwerk. Und wird auch in gewohnter Manier Spannendes zum Thema zu erzählen wissen.
Dass schließlich auch wieder das Cross-over-Ensemble „Il Giratempo“ die Vielfalt des Angebots abrundet, unterstreicht Reichert mit Verweis auf die einhellige Publikumsresonanz des Erstauftritts vor vier Jahren. In seinem stilistisch entgrenzten Programm spürt der Jazz–Saxophonist Magnus Mehl im Dialog mit der Sopranistin Laila Salome Fischer der Atmosphäre von Aufbruch und Entdeckergeist rund um die Persönlichkeit von Barbara Strozzi, der berühmten venezianischen Komponistin, nach. Laute, Gambe und Cembalo umranken diese historisch verwurzelte, aber doch sehr individuelle Klangsprache. Zu erleben am Freitag, 12. September, in der Laurentiuskirche Neustadt-Gimmeldingen.
Viele Sponsoren im Boot
Alle Konzerte, mit Ausnahme der Sonntagsveranstaltung beginnen um 19.30 Uhr. Wie stets hat Reichert eine ganze Reihe von Weinpaten und Sponsoren in sein durchaus aufwendiges Konzept einzubinden vermocht, neben der Protestantischen Stiftskirchengemeinde, der Stadt Neustadt und der Evangelischen Kirche der Pfalz auch Kultursommer sowie Lotto-Stiftung Rheinland-Pfalz und Weitere mehr. Für Simon Reichert zählt neben der exquisiten Qualität der Interpreten vor allem die epochale Bandbreite der Programms – „750 Jahr Stadtjubiläum, der besondere Anlass sollte sich ja spiegeln. Und gerade deshalb wollte ich auch eine Fokussierung auf die Stiftskirche vermeiden, sondern wir wollen in den Stadtteilen präsent sein.“
Info
Tickets zwischen 19 und 39 Euro, nebst üblichen Ermäßigungen unter der Ticket-Regional-Hotline 0651 97 90777; neustadter-herbst.de