Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Happy Birthday! Die protestantische Stiftskirchengemeinde feiert den 10. Geburtstag ihrer Edskes-Orgel

Verschiedene Zugänge: Bezirkskantor Simon Reichert offerierte Fakten rund um die vor zehn Jahren eingeweihte Chororgel, ...
Verschiedene Zugänge: Bezirkskantor Simon Reichert offerierte Fakten rund um die vor zehn Jahren eingeweihte Chororgel, ...

Das Ensemble „Art d’Echo“ und Bezirkskantor Simon Reichert interpretierten frühbarocke Virtuosenmusik aus Italien. Vorher gab es eine Orgelführung mit kuriosen Fakten.

Wer sich auf eine Orgelführung im klassischen Sinne eingestellt hatte, mochte eventuell etwas enttäuscht gewesen sein. Es gab keine Besteigung in Orgelkästen über schmale steile Leitern, kein Spitzeln durch große und kleine Pfeifen hindurch nach draußen. Zugegeben, das wäre bei der Neustadter Chor-Orgel auch gar nicht möglich gewesen. Doch bekamen die Besucherinnen und Besucher trotzdem ungewöhnliche Einblicke. Nach einem Film über den Aufbau der Orgel im Jahr 2016 und die damals Mitwirkenden, öffnete Reichert die Vorderseite des Instruments und erklärte die verschiedenen Pfeifenarten und deren Kombination in verschiedene Registern, zum Beispiel dem Bordun und dem näselnden Nasat. Allein gespielt etwas gewöhnungsbedürftig, stellen sie zusammen mit anderen Registern eine enorme klangliche Bereicherung dar. Besonders erstaunlich ist dabei der Fakt, dass in der ganzen Orgel, die über weit mehr als 1000 Pfeifen verfügt und ausgeklügelte Mechanik beherbergt, keine einzige Schraube verbaut ist. Eigentlich sei alles so, wie bei alten Orgeln, nur der Motorknopf sei modern und das habe große Vorteile: „Es muss im Heizungskeller keiner mehr die Bälge treten.“ Ein Fun-Fact: Das verwendete Holz der Spessart-Eiche wächst eigentlich am besten im Pfälzerwald.

30 Schafe in der Orgel, aber keine Elefanten in den Tasten

Besonders kurios waren auch die „tierischen“ Fakten. „In der Orgel sind 30 Schafe eingebaut“, erklärte Reichert. Viel Zeit, sich die 30 Wollknäuel leise blökend zwischen den Pfeifen vorzustellen, hatte man nicht, denn es folgte die Erklärung. „Also das Leder von 30 Schafen.“ Denn dieses wurde zum Abdichten der Windlade benötigt, um die Luftzufuhr zu den Pfeifen zu verbessern. Die Tasten wiederum wurden nicht wie früher aus Elfenbein hergestellt, sondern aus einer Kombination aus Holz und Ochsenknochen. Plastik halte nicht so lange, und die Finger könnten stark auf den Tasten schwitzen, so Reichert. Die Führung endete mit vielen Fragen und einem Ausblick auf die neue große Haupt-Orgel, die nach Reicherts Idee auf der Empore entstehen soll.

Zu den Barockinstrumenten passt die Edskes-Orgel nicht

Am Nachmittag folgte mit sanften und zugleich ausdrucksstarken Klängen das Abschlusskonzert mit „Art d’Echo“, einem Trio aus Sopran, Barockharfe und Viola da Gamba. Simon Reichert spielte an verschiedenen Stellen die Orgel solo mit Kompositionen von Girolamo Frescobaldi. Ein Zusammenspiel mit dem Ensemble war aufgrund der unterschiedlichen Intonationen der Instrumente nicht möglich. Dabei gab es auch Einblicke in die unterschiedlichen Registraturen der Orgel. Besucher der Orgelführung konnten hier Register und Registerkombinationen wiedererkennen.

„Art d’Echo“ eröffnete dann mit Giovanni Felipe Sances’ „Pianto della Madonna“. Das Stück handelt von der Klage der Gottesmutter über ihren gekreuzigten Sohn, passend also zur Passionszeit. Das musikalische Geschehen entfaltet sich über einem Basso ostinato, einem durchgehenden Bass, der auf den gleichen, sich stets wiederholenden musikalischen Figuren beruht. Das besondere an barocken Kompositionen besteht darin, dass sie auf kleinem, für unser heutiges Ohr eher unspektakulärem Raum, mit festgelegter musikalischer Symbolik große Gefühle ausdrücken. Für Klage, Schmerz und Trauer sind vor allem Seufzermotive, absteigende, selten auch aufsteigende Sekunden oder der absteigende Tetrachord charakteristisch. Die Sopranistin Irene Mira Sánchez interpretierte diese Motive über dem in Sekunden absteigenden Lamentobass ohne übertriebenen opernhaften Ausdruck. Dabei wirkten die einzelnen Strophen aber keineswegs monoton.

Mit der Toccata Ottava von Frescobaldi konnte sich Maximilian Ehrhardt an der Barockharfe als Solist präsentieren. Die feinen Klänge der dreireihigen Harfe waren so zart, dass man sich nicht traute zu atmen oder sich überhaupt zu bewegen, um ja keinen der musikalischen Affekte zu verpassen. Herausforderungen liegen vor allem im gegenüber der Pedalharfe veränderten Aufbau des Instruments, erklärt der Harfenist nach dem Konzert. Man könne nie stillsitzen, da stets in eine andere Reihe umgegriffen werden müsse.

Stücke, die es in sich haben und doch berühren

In der Canzona Seconda La Tromboncina und der Recercada Seconda von Diego Ortiz traten Ehrhardt und Juliane Laake an der Gambe in einen Dialog. Schlagende „Despacito“-Bässe von einem Akkordeon auf dem Marktplatz trübten den dezenten Spannungsbogen jedoch. Nach der Pause trat Laake mit der Recercada Seconda von Sylvestro Ganassi als Solistin auf. Hier spielte sie die Bassgambe. Das relativ kurze Stück hat es in sich: Läufe und Verzierungen über tiefe und hohe Lagen, die sehr weit auseinander liegen können. Die Unterbogenhaltung fordert eine sehr feine Kontrolle über Gewicht und Druck. Das gelang Laake vorzüglich. Sängerin Sánchez berührte das Publikum unter anderem noch mit zwei Wiegenliedern in der italienischen„Ninna Nanna“-Tradition. Das Konzert endete mit langanhaltendem Applaus. Als Zugabe gab es das erheiternde „No, no, ch’io non mi fido“ von Merula: eigentlich ein Duett über die große Enttäuschung eines Mannes über seine Geliebte.

Begonnen hatte das Orgelgeburtstagswochenende bereits am Samstag – natürlich mit einem Orgelkonzert mit namhaften Interpreten.

 ... das Ensemble „Art d’Echo“ präsentierte italienische Barockmusik.
... das Ensemble »Art d’Echo« präsentierte italienische Barockmusik.
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