Forst
Hansel-Fingerhut-Spiel: So feierte Forst sein Unesco-Kulturerbe (mit Bildergalerie)
Während am Himmel noch Wolken und Sonne um die Vorherrschaft ringen, ist in der Forster Dorfstraße die Entscheidung längst gefallen: „De Summer hod gewunne.“ Ganze fünfmal attestiert die Figur Henrich Fähnrich beim Hansel-Fingerhut-Spiel der warmen Jahreszeit an diesem Sonntagnachmittag den Sieg – viermal entlang der Dorfstraße und ein letztes, krönendes Mal auf dem Platz vor der Felix-Christoph-Traberger-Halle. Dort scheint die Botschaft dann auch nach oben durchgedrungen zu sein. Pünktlich mit dem Eintreffen des Trosses, musikalisch angeführt von den Waldsemer Gasserasslern, kämpft sich die Sonne durch die Wolken und taucht den Platz in warmes Licht.
Die Hauptsache aber war: Es blieb trocken. Zumindest von oben. Denn dafür, dass weder Kehlen trocken blieben noch die Schorlegläser leer wurden, sorgten Vereine, Helfer und Gastronomen entlang der Strecke und später auf dem Platz vor der Traberger-Halle.
Spuren auf den Wangen der Besucherinnen
Besonders gefreut über das freundliche Wetter haben dürfte sich Julius Prinz, der den Vagabunden und Namensgeber des Sommertagsspiels Hansel Fingerhut verkörperte. Denn dass das Öl-Pigment-Gemisch, das ihm die „dreckige“ Farbe eines unsteten Herumtreibers verleiht, unter allen Bedingungen hält, ist nicht unbedingt vorgesehen. Wobei es weniger der Regen ist, der die Farbe abwaschen soll. Vielmehr trägt sie sich mit jedem Kuss, den Hansel Fingerhut einer Frau am Straßenrand schenkt, ein Stück weiter ab – und hinterlässt so ihre Spuren. Die Reaktionen waren gemischt: Während die einen sich lachend und halb im Spaß wegdrehten, brachten sich andere schon in Position, um sich das Souvenir der besonderen Art abzuholen.
Wie viele Küsse er an diesem Tag verteilt hat, wisse er selbst nicht genau, sagt Prinz kurz vor der fünften und letzten Aufführung, während er sich noch einmal etwas von der dunklen Farbe ins Gesicht reibt. „Es waren einige“, sagt der 23-Jährige und grinst. Alles, was nicht auf den Wangen der Zuschauerinnen landet, muss am Abend mühsam wieder entfernt werden. „Im letzten Jahr hat das 45 Minuten gedauert“, erzählt der Forster. Es ist das zweite Mal, dass er in die Rolle des Hansel Fingerhut schlüpft. Seine Motivation: „Ich finde es schön, die Tradition im Dorf am Leben zu erhalten. Und mit den anderen Jungs zusammen macht es großen Spaß, das Ganze vorzubereiten und natürlich auch der Tag selbst.“
Symbolischer Kampf zwischen Winter und Sommer
Die „anderen Jungs“ sind Joseph Blanz (22) als Henrich Fähnrich, Levi Friese (19) als Nudelgret, Leonard Molitor (20) als Scherer, Benno Blanz (19) als Winter und Leon Hack-Hayes (20) als Sommer. Gemeinsam bringen sie das traditionelle Schauspiel über den symbolischen Kampf zwischen Winter und Sommer auf die Straße, das in Forst seit mehr als 300 Jahren aufgeführt wird. 2016 wurde der Brauch als immaterielles Kulturerbe von der Unesco anerkannt.
Für Ablauf, Vorstellung der Charaktere und die Einordnung der jahrhundertealten Tradition ist Spielleiter Philipp Wendel zuständig. Der 36-Jährige, Beigeordneter für das Hansel-Fingerhut-Spiel beim Verein für Brauchtum und Dorfverschönerung, führt durch den Nachmittag, erklärt an jeder Station die Hintergründe der Figuren und ist auch derjenige, der immer wieder laut fragt: „Wo ist der Hansel Fingerhut?“ Die Antwort lautet meist: so ziemlich überall. Denn wie es die Rolle verlangt, treibt sich der Vagabund überall im Ort herum – mal winkt er aus einem Fenster, mal lugt er hinter einem Zaun hervor, mal verliert sich seine Spur kurzzeitig irgendwo zwischen Zuschauern und Weinständen.
„Man muss schon fit sein“, sagt Prinz, der zu diesem Zeitpunkt bereits vier Ohnmachtsanfälle hinter sich hat – natürlich nur im Spiel, aber trotzdem kräftezehrend. Kaum wieder aufgerappelt, zieht er schon beschwingt weiter durch die Forster Dorfstraße.
Änderung im kommenden Jahr
Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Winter und Sommer treten gegeneinander an. Der Winter steckt in einem spitzen Strohkegel, der Sommer in einem mit frischem Efeu geschmückten Häuschen. Henrich Fähnrich entscheidet schließlich den Wettstreit zugunsten des Sommers. Dazwischen sorgt Hansel Fingerhut mit seinem wilden Treiben für Unruhe, bis der Scherer ihn rasieren und zur Ader lassen will. Der Hansel fällt in Ohnmacht und wird von der Nudelgret mit einer Brezel wieder ins Leben geholt.
Als es zur letzten großen Aufführung auf den Platz vor der Traberger-Halle geht, wird der Tross bereits von zahlreichen Besucherinnen und Besuchern empfangen. Ortsbürgermeister Thomas Keller bedankt sich kurz vor dem Finale bei allen Beteiligten und Unterstützern. Mit Blick auf das kommende Jahr kündigt er zugleich Veränderungen an: „Wir suchen nach dem besten Weg, um unser schönes Fest auch künftig weiterzuführen. Nach aller Voraussicht wird der Festmittelpunkt im kommenden Jahr wieder stärker im Ort liegen.“
Auch die Forsterin Jana Sophie Müller, Weinhoheit der VG Deidesheim, unterstreicht, welchen Stellenwert das Hansel-Fingerhut-Spiel hat. Für sie gehöre das Fest als Forsterin „einfach traditionell dazu“. Es sei jedes Jahr aufs Neue schön zu sehen, wie viele Menschen den Weg in das kleine Weindorf fänden. „Ich erinnere mich noch, wie ich selbst als Kind mit einem Stecken unterwegs war.“
Und genau diese Stecken standen nach der letzten Aufführung ebenfalls im Mittelpunkt. Die Kinder präsentierten ihre geschmückten Exemplare, besonders schöne wurden prämiert. Danach folgte der traditionelle Abschluss: die Verbrennung des Winters. Und wer noch weiterfeiern wollte, hatte dazu im Forster Winzerverein bei der Aftershow-Party die Chance.
