Neustadt Gutmensch eine Beleidigung?

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Gutmensch ist das Unwort des Jahres 2015. Das hatte am Dienstag die Darmstädter Jury aus Sprachwissenschaftlern bekanntgegeben (wir berichteten). Sie hatte den Begriff aus rund 670 Vorschlägen ausgewählt: Er diene dazu, das Engagement von Menschen pauschal als naiv, dumm und weltfremd zu diffamieren. Wir haben bei Persönlichkeiten aus Neustadt nachgefragt, wie sie zu dem Begriff stehen.

„Bei der Schaffung des Wortes war schon die ironische Auslegung vorgesehen“, glaubt Frank Sobirey, der sich in der Bürgerstiftung für ein lebenswertes Neustadt, beim Lions-Club und bei der Liedertafel engagiert. Seiner Meinung nach würde sich niemals jemand selbst ernsthaft als einen Gutmenschen bezeichnen. Dass diese Bezeichnung zum „Unwort des Jahres“ gewählt wurde, könne er gut nachvollziehen. Es gebe Menschen, die wirklich Gutes tun, „und solche, die sich selbst beweihräuchern und im Rampenlicht stehen wollen“, sagt Sobirey. Das seien dann Gutmenschen. Die meisten Unwörter seien ja nicht per se schlecht oder negativ, das entstehe meist erst durch „eine missbräuchliche Anwendung“. Aber bei „Gutmensch“ sei von vornherein die Bedeutung klar gewesen. Ganz anders sieht es Rosalia Michel vom Haardter Nachbarschaftsladen, die sich ehrenamtlich für Asylbewerber einsetzt: „Ich empfinde es nicht als negativ, als Gutmensch bezeichnet zu werden.“ Das sei für sie vielmehr „eine selbstverständliche Lebenshaltung“. Natürlich ist ihr auch die negative Auslegung des Begriffs geläufig: „Ich kenne diese Menschen auch, sie kommen in Positionen, in denen sie häufig überfordert sind, weil sie nur ihre eigenen Interessen verfolgen.“ Dass das Wort „Gutmensch“ so behaftet ist, findet sie sehr schade. Denn sie sehe es als Verpflichtung der Menschheit, Gutes zu tun, für den Nächsten da zu sein. Das „Unwort des Jahres“ solle Begriffe aufzeigen, die unter anderem zweckentfremdet oder als Beleidigung verwendet würden, sagt Oberbürgermeister Hans Georg Löffler. Damit suggeriere die Wahl: Gutmenschen machen die Welt also grundsätzlich schlechter, statt sie zu verbessern. Der Begriff sei damit eine Beleidigung für alle Gutmenschen, die sich seit Monaten – ehren- und hauptamtlich – in der Flüchtlingshilfe engagierten. Gutmenschen, die mit dem Herzen dabei seien, „denen sind Absonderungen rechtspopulistischer Lager vermutlich egal“, ist der Oberbürgermeister überzeugt. Anpacken, helfen und mitgestalten seien für sie wichtig, nicht ,Kampfbegriffe’ fremdenfeindlicher Weltanschauungen. Trotzdem sei es schade, dass durch Äußerung oder Verwendung eines eigentlich positiv besetzten Begriffs dieser negativ behaftet beziehungsweise zu einer Beleidigung werde. „Ich kenne den Begriff nur negativ“, sagt Dieter Brixius, der Vorsitzende des Neustadter Seniorenbeirats, der sich besonders in Branchweiler stark engagiert. Gutmenschen seien Leute, die sich nach außen als Helfer darstellten, denen aber nur ihre eigenen Interessen wichtig seien. „Sie wollen sich wichtig machen.“ Ob es eine gute Wahl als „Unwort des Jahres“ sei, wisse er nicht, „aber man hat’s eben ausgesucht“. Wenn es jemand ehrlich meine und wirklich Gutes tue, würde er diesen Menschen niemals als Gutmenschen bezeichnen. Und wer sich selbst einen Gutmenschen nenne, der habe es wohl wirklich nötig. Er selbst helfe gerne anderen: „Ich würde aber nie sagen: Ach, bin ich gut.“ Matthias Frey wurde selbst schon als Gutmensch bezeichnet. Nicht in seiner Funktion als Direktor des Amtsgerichts, sondern als FDP-Stadtratsmitglied. Und zwar leicht süffisant von einem SPD-Kollegen. Weil die FDP auf „den mündigen Bürger“ statt auf städtische Tempokontrollen setzt. Frey hat etwas erstaunt, dass die Jury sich für dieses Wort entschied, obwohl es „gar nicht so durch die öffentliche Landschaft getragen wurde“. Grundsätzlich sei es für ihn positiv besetzt: als Bezeichnung für jemanden, der sich für andere einsetze, wenn auch ab und an etwas naiv. Indem man Gutmensch zum Unwort küre, stelle man zudem viele, die sich engagierten, „in ein falsches Eck“. Frey hält das für äußerst unangebracht: Denn viele der Gutmenschen, die er kennengelernt habe, hätten mehr Bodenhaftung und Realitätssinn, als es nach außen wirke. Eine Erfahrung, die der Jury vielleicht fehle: „Das sind halt Sprachwissenschaftler.“ (ffg/ahb/Archivfotos: LM)

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