Haßloch
Großes Sehnen nach normal – das Staatstheater Mainz inszeniert ein Stück über Haßlochs GfK-Vergangenheit
„Wir sind alle ein bisschen Haßloch“, lacht Hannah Frauenrath. Die junge Regisseurin – 1994 in Düsseldorf geboren und vorher ohne jeden Bezug zur Pfalz – wurde vor einiger Zeit von einer Schauspielerin auf die deutsche Durchschnittskommune Haßloch aufmerksam gemacht, die als eine Art Deutschland im Kleinen bis 2021 ja auch ganz offiziell Testterrain der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) war, wo nach dem Vorbild der amerikanischen „Magic Towns“ Produkte erprobt wurden, bevor sie auch andernorts Einzug in die Supermarktregale hielten. Daraus entstand der Gedanke, genau diese Durchschnittlichkeit zum Thema eines Theaterstücks zu machen. Dazu hat sie sich auch mehrfach direkt vor Ort umgesehen.
„Wir sind die Vorkoster der Nation“, heißt es im Song
In der Komödie, die sie gemeinsam mit dem vierköpfigen Ensemble und der Dramaturgin Rebecca Reuter, aus dieser Grundidee entwickelte und die nun am kommenden Samstag am Staatstheater Mainz ihre Uraufführung erlebt, zieht ein schwules Berliner Pärchen, das sich in der Großstadt nach Normalität sehnt, nach Haßloch, den allerdurchschnittlichsten Ort der Republik, trifft hier auf ein einheimisches Paar und erlebt viele komische Situationen, unter anderem mit Testprodukten der GfK. Carl Grübel und Lennart Klappstein spielen die Berliner, Katharina Uhland und Johannes Schmidt die Ur-Haßlocher. Bis auf Klappstein, der sich noch in Ausbildung befindet, sind alle feste Ensemblemitglieder der Mainzer Bühne.
Den Theatertext schuf das Team dabei ganz unmittelbar aus den Geschichten und Anekdoten, die es vor Ort „aufgesammelt“ hat. In einer Art „Guerillataktik“ habe man sich zuletzt im Oktober in Haßloch umgetan und beim Spaziergang durchs Dorf alle angesprochen, die zugänglich schienen – ob im Supermarkt, der Tourist-Info oder dem Vereinsheim. Und die Haßlocher waren keineswegs abgeneigt, zum Beispiel von ihren Erfahrungen als GfK-Tester zu berichten. Daraus entstand dann mit viel Improvisation eine bunte Collage, die, wie Frauenrath erklärt, auch absurde Elemente biete. So spiele Carl Grübel auch ein Deo, das im Supermarkt darauf warte, eingekauft zu werden. Die Sehnsucht nach Durchschnittlichkeit werde jedoch nicht abgewertet oder lächerlich gemacht, betont die Regisseurin. „Im Grunde sehnen wir uns doch alle irgendwie nach Normalität“, sagt sie.
Natürlich sollen auch ein paar konsumkritische Seitenhiebe nicht fehlen. Wer produziert hier eigentlich wessen Bedürfnisse? Welche Wünsche sind normal? Und was passiert, wenn man sich in ein Produkt verliebt, das dann ganz plötzlich wieder verschwindet? Trotzdem biete das Stück sehr viele sehr lustige Momente, versichert Frauenrath. Dazu sollen auch die Lieder und die Musik, die ebenfalls Carl Grübel geschaffen hat, beitragen, etwa ein Song mit dem Titel „Willkommen in Haßloch“, der auch jetzt schon auf der Homepage des Staatstheaters zu hören ist. „Was immer Sie sich ausmal’n, / ich hab’ es schon gesehen. / Das wird jetzt auch bald bei Ihnen / im Supermarkt rumstehen“, lautet eine der Strophen, „Wir sind hier die Vorkoster der Nation“ eine andere.
Ob auch Haßlocher in die Landeshauptstadt fahren?
Ob sich bereits Haßlocher für eine der Aufführungen in Mainz angemeldet haben, kann man beim Staatstheater nicht sagen. Der erste Aufführungstermin auf der 120 Besucher fassenden Studiobühne U17, die so heißt, weil sie exakt 17 Meter unter der Erde in einem ehemaligen Bühnenbildlager liegt, ist jedenfalls bereits ausgebucht. Bis Ende des Jahres stehen aber noch drei weitere an.
Termine
Das Stück „Magic Town – ein Leben nach dem Durchschnitt“ erlebt seine Uraufführung am kommenden Samstag, 23. September, auf der Studio-Bühne U17 des Staatstheaters Mainz. Diese Vorstellung ist, wie gesagt, bereits ausverkauft. Karten (15 Euro) gibt es aber noch für die Aufführungen am 1., 14. und 26. Dezember jeweils um 20 Uhr – und zwar unter 06131 2851222, kasse@staatstheater-mainz.de oder www.staatstheater-mainz.com.