Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Großer Orgelklang im Von-Busch-Hof

Zwei Könner am Werk: Christian Schmitt an der Orgel, Matthias Höfs an der Piccolotrompete. Das Gefühl, vom Orgelklang erfasst zu
Zwei Könner am Werk: Christian Schmitt an der Orgel, Matthias Höfs an der Piccolotrompete. Das Gefühl, vom Orgelklang erfasst zu werden, wollte sich allerdings nicht einstellen.

Der Organist Christian Schmitt bringt den gewaltigen Sound der Essener Philharmonie-Orgel zu „Von-Busch-Hof konzertant“.

Die Konzert-Orgel der Essener Philharmonie würde mit ihren 4500 Pfeifen beim besten Willen nicht auf die Bühne des Von-Busch-Hofs in Freinsheim passen. Trotzdem war sie zu hören beim Konzert des Organisten Christian Schmitt mit dem Trompeter Matthias Höfs am Sonntag in der Reihe „Von-Busch-Hof konzertant“. Wie geht das? Und vor allem: Wie klingt das?

Auf der Bühne ist an diesem Tag eine digitale Orgel aufgebaut, in der die Originalklänge der Essener gespeichert sind. Bei einem so ungewöhnlichen Instrument in so ungewohntem Rahmen besteht die Gefahr, dass die Leistung der Musiker hinter der Diskussion über Technik, Klang und Wirkung aus dem Blick gerät. Deshalb gleich vorweg: Da musizierten zwei exzellente Musiker auf höchstem Niveau – es gibt nichts zu kritteln.

Bei Bachs „Toccata und Fuge d-Moll“ würde man normalerweise weggefegt

Matthias Höfs bietet auf Trompete, Flügelhorn und Piccolotrompete immer einen schönen Ton, gestochen klare Intonation und eine ausdrucksstarke Phrasierung und Dynamik. Christian Schmitt registriert geschmackvoll, die Klangfarben sind mit Bedacht gewählt, ob als Dialogpartner oder als Solist beweist er sein Können. Das Programm, darunter auch gelungene Übertragungen von Orchesterwerken für die Orgel, reichte vom Barock bis in die Gegenwart.

Bei der abgenudelten, aber unvermeidlichen „Toccata und Fuge d-Moll“ von Johann Sebastian Bach schaffte Schmitt es, eine eigene Interpretation zu finden. Eine der vom Publikum erwarteten „Stellen“ in der Toccata ist der Pedalton, über den sich der verminderte Septakkord aufbaut – ein Höhepunkt nicht nur an Spannung, sondern auch an Lautstärke. In der Essener Philharmonie würden da die meisten Organisten das 32-Fuß-Register für das Basspedal ziehen. Und noch zwei 16-Fuß dazu. Und im Saal würden die mehrere Meter langen Pfeifen die Zuhörer buchstäblich erschüttern, den ganzen Raum erfüllen und den Klang körperlich spürbar machen. Wer mal ein Orgelkonzert im Dom oder der Gedächtniskirche in Speyer gehört hat, wird sich erinnern, wie der Orgelklang überall zu sein scheint, sich durch den Raum bewegt, gut 10 Sekunden nachklingt.

Wie werden die gespeicherten Töne zu Schall?

Das ist in der natürlichen Akustik des Von-Busch-Hofs so nicht möglich. Der Raum ist vergleichsweise „trocken“, bestens geeignet für Kammermusik oder intime Jazz-Club-Atmosphäre. Am Sonntag war es nun so, dass Höfs die Trompete unverstärkt spielte und damit keinen tragenden Hall hinter sich hatte. Schmitt gab für seinen Klang etwas Hall dazu. Das Ergebnis ist ein wenig irritierend, denn das Ohr nimmt zwei Instrumente in zwei verschiedenen Räumen wahr.

Im Innern der digitalen Orgel sind die Klänge der Essener Pfeifenorgel gespeichert, hoch aufgelöst, inklusive der Ein- und Ausschwing-Effekte der verschiedenen Pfeifentypen. Dann aber wird es kompliziert: Wie werden diese Töne in Schall umgesetzt? Auf der Bühne des Von-Busch-Hofs standen rechts und links zwei Lautsprechersäulen und hinten in einer Ecke ein Subwoofer. Im Prinzip ist das eine überdimensionale Stereo-Anlage. Die Zuhörer wurden also überwiegend von vorne bestrahlt, die tiefen Frequenzen des Subwoofers klingen für das Ohr überall verteilt. Das Gefühl, vom Orgelklang erfasst zu werden, wollte sich nicht einstellen, der Eindruck der Frontalbeschallung überwog. Das Klangbild war in den Mitten betont, die Höhen hätten etwas mehr Glanz vertragen.

Man muss die PS auch auf die Straße bringen

Ein Schwachpunkt waren die Tiefmitten und Bässe. Die sind bei jedem Konzert mit elektronischer Verstärkung schwierig: Sind sie zu stark, wird der Klang verwaschen und undifferenziert, sind sie zu schwach, fehlt es an Durchsetzungskraft und Fühlbarkeit des Sounds. Im Konzert schien es, als kämen die tiefen Frequenzen nach der Toccata mehr zur Geltung. Die Beschallung des Raumes ist bei digitalen Orgeln die größte Herausforderung. Der dafür nötige Aufwand ist enorm, und die Abstimmung schwierig. Es ist wie im Motorsport: Es reicht nicht, einen Motor mit 500 PS zu haben, man muss die PS auch auf die Straße bringen und dafür braucht es die richtigen Reifen.

Die Vorteile einer Digitalorgel sind enorm: Sie ist kompakt, passt in jeden Raum, sie kostet etwa ein Zehntel einer Pfeifenorgel, und sie ist wartungsfrei. Etwa alle 20 Jahre ist bei „echten“ Orgeln eine nicht eben billige Generalüberholung nötig. Das Konzert in Freinsheim zeigten so Möglichkeiten und Grenzen der Digitalorgel auf. Es lassen sich beliebige Orgeln abbilden – aber der Aufwand dafür darf nicht unterschätzt werden. Quadrophonie mit Lautsprechern hinter dem Publikum für das bessere Raumerlebnis und eine Feinabstimmung auf den vorhandenen Raum sind machbar, aber extrem aufwendig. Die Trompete abzunehmen und zu „verhallen“, hätte den Zusammenklang verbessert. Schade wäre aber, wenn die „Digitalorgelskeptiker“ jetzt denken „sowas kommt mir nicht in meine Kirche.“ Denn mit der richtigen Technik ist der Klang wirklich nicht vom Original zu unterscheiden.

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