Neustadt
Gewalt in der Notaufnahme: So reagiert das Hetzelstift
Welche Sorge treibt die Kliniken um?
Täglich haben es Pflegekräfte und Mediziner mit aggressiven Patienten oder Angehörigen zu tun. „Die Aggression gegenüber uns nimmt leider zu“, sagt Florian Glaser, Pflegeleitung in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Neustadter Hetzelstift-Krankenhauses. Um seine Beobachtung zu verdeutlichen, ergänzt er: „Da geht es nicht nur um Beleidigungen, sondern auch um handgreifliche Taten.“ Krankenhausoberin Birgit Käser kann bereits dokumentierte Fälle, bei denen ihre Leute die Opfer waren, aufzählen: „Beleidigen, ausfallend werden, spucken, kratzen, würgen und mit dem Messer drohen.“
Wann kommt es zu Gewalt?
Carla Bernius, ärztliche Leiterin der Notaufnahme, hat vor allem zwei Gruppen identifiziert. Berauschte Menschen, die insbesondere eine Mischung aus Alkohol und Amphetamin konsumiert haben, nähmen die Welt ab einem bestimmten Punkt anders wahr und würden dann aggressiv. „Sie empfinden ihre Umgebung als Bedrohung, dabei entwickeln sie enorme Kräfte.“ Außerdem müsse man bei Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Demenz mit Ausfällen rechnen. Bei ihnen sei durch das Krankheitsbild die Wahrnehmung verzerrt, und sie reagierten entsprechend ablehnend bis heftig aufs medizinische Personal.
Schließlich nennt Florian Glaser noch wartende Angehörige als Risikogruppe. Viele würden aggressiv, weil sie entweder mit den Wartezeiten in einer Notaufnahme nicht zurechtkommen oder aus Angst um den Patienten und eine möglicherweise schlimme Diagnose überreagieren. „Angst steht bei vielen im Vordergrund“, betont Glaser. Daher sei eine kluge Strategie, die auf Deeskalation abziele, so wichtig.
Wie reagieren die Betroffenen?
In der Neustadter Klinik haben sie schon 2019 eine Arbeitsgruppe Deeskalation ins Leben gerufen. Das Personal macht sich seither Gedanken, wie Abläufe im Krankenhaus organisiert werden sollen und wie mit Patienten und Angehörigen umzugehen ist, damit Konflikte möglichst vermieden werden können – oder es zumindest gelingt, dass nichts eskaliert. Da die Probleme aber allgemein zunehmen, wurden die Anstrengungen im Hetzelstift verstärkt. So ist Florian Glaser zum Deeskalationstrainer ausgebildet worden. Er schult seine Kolleginnen und Kollegen, gibt praktische Tipps im Alltag und arbeitet auch Fälle auf, in denen es zu Beleidigungen oder gar tätlichen Übergriffen gekommen ist. „Wir müssen unsere Kollegen schützen und ihnen helfen, da geht es letztlich auch ums Thema Berufsunfähigkeit“, verdeutlicht Glaser.
Obwohl er auf die verbale Deeskalation spezialisiert ist, weiß Glaser, dass sie in manchen Fällen nicht zum Ziel führt. Daher erklärt er seinen Kolleginnen und Kollegen, dass sie im Zweifelsfall jederzeit auch flüchten können. „Eigenschutz geht immer vor“, sagt Glaser. Zum Gesamtpaket gehört aber auch ein enger Draht zur Polizei. „Das Zusammenspiel klappt hervorragend. In der Regel gibt es zu den Einsätzen auch Nachbesprechungen, was verbessert werden kann“, sagt Käser.
Glaser achtet zudem in der Notaufnahme darauf, dass nichts gefährlich werden kann. „Es sollten keine Scheren, Stifte oder Locher rumliegen, denn die können alle zur Waffe werden“, warnt er. Käser weist zudem auf bauliche Vorkehrungen in der Notaufnahme hin – mit einer Hintertür fürs Personal. Zudem wurde in der Notaufnahme Sicherheitsglas verbaut. Über die Deeskalations-AG wurde daneben eine genaue Hilfskette etabliert. Wer sich in einer schwierigen Situation befindet, kann per Druckknopf Kollegen verständigen. Glaser ist außerdem wichtig: Wer Fälle mit Beleidigungen oder Tätlichkeiten erlebe, solle dies anzeigen. „Da geht es ums Strafrecht, weil wir einen Riegel vorschieben wollen“, sagt Glaser. Bernius bekräftigt das und setzt auf einen abschreckenden Effekt, „wenn auf einmal die Polizei bei jemandem auftaucht und Fragen stellt“. Mit diesem konsequenten Agieren signalisiere das Hetzelstift-Team: „Wir lassen nicht alles mit uns machen.“
Verändert sich der Alltag?
„Wir sind heute vorsichtiger und denken immer auch an den Eigenschutz“, sagt Carla Bernius. Es habe leider schon zu viele Fälle gegeben, in denen man einfach habe helfen wollen und die Helfer dann in eine Gewalt- und Bedrohungssituation geraten seien. „Bei vielen ist die Zündschnur sehr kurz geworden. Vor allem auch bei unzufriedenen Angehörigen, die in der Notaufnahme warten“, so Bernius. Käser ergänzt, dass die Klinik ein sicheres Umfeld für Mitarbeiter und Patienten bieten wolle. Daher gehöre zum Thema auch der Aspekt sexuelle Übergriffe. Immer wieder gebe es Patienten, die den behandelnden Pflegekräften oder Medizinern mal in den Schritt oder an die Brust greifen. „Auch so etwas tolerieren wir nicht“, sagt Käser. Man achte dabei auch auf den korrekten Umgang der über 800 Hetzelstift-Mitarbeiter untereinander. Auch da habe es schon Vorfälle mit sexuellen Übergriffen gegeben. „Wir haben Meldeketten etabliert. Betroffene sollen sich trauen, Fehlverhalten zu melden“, betont Käser.
Bernius berichtet zudem von vielen Fällen, in denen das Notaufnahme-Team mit häuslicher Gewalt zu tun hat. „Der Polizei dürfen wir das nur melden, wenn Gefahr in Verzug ist. Ansonsten können wir nur Hilfe anbieten“, sagt Bernius. Auch solche Behandlungen seien zum Teil sehr belastend. Glaser: „Wir haben überall Flyer mit Anlaufstellen für Opfer von Gewalt verteilt. Auch auf der Toilette, damit die Betroffenen sie unbemerkt mitnehmen können. Da wir die Flyer oft auffüllen müssen, wird dieses Info-Angebot zum Glück gut genutzt.“
Gibt es einen Wunsch?
Ja, sagt Birgit Käser: „Wir wünschen uns von Patienten und Angehörigen Geduld und Verständnis für die Abläufe in einer Notaufnahme. Wichtig ist, dass man selbst mit Wut im Bauch noch respektvoll miteinander umgeht.“ Den Hetzelstift-Mitarbeitern sei bewusst, dass sich viele in der Notaufnahme in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden. Man wolle da auch besser werden und Wartende vor Ort mehr informieren, so Bernius. Dieses „Mitnehmen“ helfe in vielen Fällen, Spannung rauszunehmen. Das bestätigt Glaser: „Deeskalation hat ganz viel mit Reden zu tun. Man muss Situationen einschätzen und entsprechend auf die Beteiligten eingehen.“ Käser weiß aber auch: „Einen 100-Prozent-Schutz gibt es nicht.“ Trotzdem müsse das Krankenhaus so gut es geht auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet sein.