Neustadt Gedruckte Träume aus Säure und Farbe

Neustadt. Mehr Werbung für Neustadt als Gerhard Hofmann hat wohl kaum ein bildender Künstler in der jüngeren Vergangenheit gemacht. Mit seinen populären Veduten, die auch auf Ansichtskarten, Taschen und Kaffeetassen zu haben sind, hat der großartige Farbradierer die Wahrnehmung seiner Heimatstadt weit über deren Grenzen hinaus geprägt. Es ist also nur recht und billig, dass sich die Stadt jetzt in Form einer Retrospektive in der Villa Böhm bei dem 53-Jährigen bedankt. Da ist dann ab morgen auch zu entdecken, dass der Künstler viel vielseitiger ist, als der erste Blick verrät.

Natürlich spielen die berühmten Stadtansichten, oft verspielte Collagen der Hauptsehenswürdigkeiten, die an Architekturphantasien erinnern, auch in der Ausstellung eine große Rolle. Sie sind Hofmanns Markenzeichen: Fast alles, was unter Deutschlands Städten Rang und Namen hat, hat er schon in seinen farbenfrohen Radierungen verewigt. Aber auch internationale Metropolen kamen nicht zu kurz. Rom, Venedig, New York, Paris, London waren 1995 sogar die allerersten Veduten, die Hofmann für seinen Stammverlag, die Manus-Presse in Stuttgart, schuf. Noch im gleichen Jahr folgte dann aber auch das erste Neustadt-Blatt. In der Ausstellung in der Villa Böhm sind die regionalen Motive – das Neustadter Marktplatz-Panorama, ein Blick vom Sonnenweg, das Hambacher Fest, Ansichten von Mannheim, Heidelberg, Speyer – nun im zentralen Raum zusammengefasst. Schon hier lässt sich feststellen, was das Besondere an Hofmanns Grafiken ist: die virtuose Beherrschung der Farbe, die sich aus der Kombination dreier Druckplatten in den Grundfarben Gelb, Rot und Blau erklärt. Wie im Zeitalter des Digitaldrucks ein wenig in Vergessenheit gerät, ist diese Art der Farbradierung eine höchst anspruchsvolle Technik, die nur wenige Spezialisten wirklich gut beherrschen. Hofmann hat sie in den frühen 80er Jahren als Assistent des Japaners Joshi Takahashi bei der Internationalen Sommerakademie in Salzburg kennengelernt und seitdem Schritt für Schritt verfeinert. Was für unterschiedliche Effekte sich damit erzielen lassen, zeigt der Rundgang durch die Ausstellung: Bei einigen jüngeren Landschaften und Blumenbildern dominiert eine ausgesprochen malerische Auffassung, die fast an Aquarell erinnert. Atmosphärisch unglaublich dicht ist etwa ein „Andalusischer Abend“ in sonnendurchdrungenen Gelb-Orange-Braun-Tönen. Ganz anders dagegen die künstliche Koloristik einer internationalen Städte-Serie aus den 90ern, bei der Hofmann jeweils ein Gebäude – Eiffel-Turm, Big Ben, Empire State Building – isoliert vor ornamentalem Hintergrund im Hochformat abbildet – monumental und doch irgendwie spielzeughaft. Beeindruckend auch eine Mandelblüte von 2006, ein unglaublich zartes, helles Blatt – und gerade deshalb eine drucktechnische Herausforderung. Die ältesten Arbeiten der Schau stammen noch aus Hofmanns Studienzeit in der Mitte der 80er Jahre: Es sind Kinderportraits nach alten Fotos der (vorletzten) Jahrhundertwende in der Technik der Kaltnadelradierung. Der kritzelige, gestisch anmutende Strich wirkt so experimentell, wie sich der Künstler das später, nimmt man die Auswahl in der Villa Böhm zum Maßstab, nie mehr erlaubt hat. Auch literarische Themen, bevorzugt solche mit phantastischen, figurenreichen Stoffen, hat Hofmann vor allem in den 90er Jahren oft behandelt. Man sieht Papageno aus der „Zauberflöte“, den Puck aus dem „Sommernachtstraum“, Szenen aus „Alice im Wunderland“, „Jim Knopf“ oder „Cats“. Es sind Blätter, die eine fast kindliche Freude ausstrahlen, gedruckte Träume aus Säure und Farbe. Parallel zum druckgrafischen Werk hat Gerhard Hofmann auch immer Skulpturen geschaffen. In der Villa Böhm zeigt er jetzt unter anderem einige erst in jüngster Zeit in seiner zweiten Heimat Thailand gegossene Bronzen, die, wie „Zwillinge“, zwei posierende Pudel, die geradewegs vom Hundefriseur zu kommen scheinen, hart an der Kitschgrenze vorbeischrammen und gerade deshalb ausgesprochen skurril wirken. Auch eine Serie von Katzen in Murano-Glas ist zu sehen, die der Neustadter nach seinen Entwürfen in alter, kunsthandwerklicher Technik in einer Fabrik auf der bekannten Insel in der Lagune von Venedig herstellen ließ. Es sind kunstvolle, verspielte Objekte, zum Teil mit eingearbeitetem Blattgold, ganz ohne praktischen Sinn, die einfach nur gefallen wollen und einmal mehr zeigen, dass sich Hofmann nie vor Populärem gescheut hat. „Wenn man Druckgrafik macht, ist klar, dass man nicht exklusiv für einen einzigen Kunstfreund arbeitet, sondern möglichst viele ansprechen will“, sagt der Künstler zu diesem Thema selbst.

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