Neustadt
Gedenkstätte: Arbeit stößt auf großes Interesse
Die Laune von Kurt Werner passt nicht zum Wetter. Denn während dieser Vormittag in Neustadt eher kühl daherkommt, ist die Stimmung Werners als sonnig zu beschreiben. Was nicht verwundert, hat der Co-Vorsitzende des Fördervereins Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt doch jede Menge guter Nachrichten zu verkünden. Werner sitzt im Arrestgebäude der ehemaligen Turenne-Kaserne, also in der Gedenkstätte, die 2013 eröffnet wurde. Den Verein gibt es bereits seit 2009. Mit 52 Mitgliedern habe man seinerzeit angefangen, mittlerweile seien es 206, sagt Werner. Doch ist nicht nur der Kreis der Unterstützer gewachsen, auch die Angebote stoßen auf immer größeres Interesse, gerade in jüngerer Zeit.
Jan Wiese, der einzige hauptamtliche Beschäftigte der Gedenkstätte, nennt Zahlen: So hätten 2024 1100 Besucher den Weg in die Gedenkstätte gefunden. Nimmt man die Sonderveranstaltungen dazu, interessierten sich 1633 Menschen für die Angebote. 2025 seien es 2060 gewesen, davon 1172 Gedenkstätten-Besucher. In diesem Jahr waren es bis Anfang April laut Wiese schon 935 Interessierte. Da sind noch nicht die 450 Schüler mitgezählt, die nach den Osterferien für die Vorführungen eines Filmes über Walter Kaufmann angemeldet sind, einen jüdischen Schriftsteller, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden.
Personelle Aufstockung gewünscht
Das große Interesse hat auch eine Kehrseite, man komme personell an die Grenzen, sagt Werner. Neben Wiese habe man nur noch einen Bundesfreiwilligen. Eine personelle Aufstockung sei klar notwendig, meint der Vereinsvorsitzende. Doch dafür fehlt aktuell das Geld. Die Gedenkstätte finanziert sich über einen Zuschuss des Landes, der knapp 60.000 Euro im Jahr beträgt, sowie über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Ein stärkere Förderung sei beim Land angefragt worden, daraus sei aber zumindest in diesem Jahr nichts geworden, berichtet Werner.
Erfolge sieht er in dem Bemühen des Vereins, sich gesellschaftlich breit und überparteilich aufzustellen. Sowohl der Vorstand als auch das Kuratorium seien sehr vielfältig besetzt. Aus unterschiedlichsten Bereichen kämen auch die Besuchergruppen, sagen Werner und Wiese. Natürlich seien darunter Schulklassen, aber auch kirchliche Gruppen. So hielten etwa die Freireligiösen hier jedes Jahr eine Gedenkstunde ab, denn Mitglieder ihrer Gemeinde gehörten zu den Inhaftierten in der ehemaligen Turenne-Kaserne. Diese war ein frühes Konzentrationslager der Nationalsozialisten, das nur für wenige Wochen im März und April 1933 bestand.
Neue Formen der Bildungsarbeit
Als Besucher hat die Bundeswehr im Rahmen der politischen Bildung auch schon eine Gruppe Unteroffiziere in Ausbildung vorbeigeschickt. Auch die Polizei achte sehr darauf, dass jeder, der an den Dienstort Neustadt versetzt werde, die Gedenkstätte gesehen habe, sagt Werner.
Die Verantwortlichen der Neustadter Gedenkstätte sehen indes die Notwendigkeit, die Bildungsarbeit zu modernisieren. Es funktioniere nicht mehr, etwa eine Schülergruppe mit einem einstündigen Vortrag informieren zu wollen. „Diese Zeiten sind rum“, sagt Werner. Die Strategie der Neuausrichtung beschreibt er mit „vom Belehren zum Begreifen“. Dabei helfe, dass Wiese in einer bundesweiten Vereinigung der frühen Konzentrationslager ebenso mitarbeite wie in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten. Dadurch bekomme man neue Impulse und Ideen, bestätigt der hauptamtliche Mitarbeiter.
Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Bildungsarbeit vor allem dann erfolgreich ist, wenn man die Biografie der Häftlinge anschaulich darstellt. „Dann werden aus den Namen Gesichter, Menschen mit einer Geschichte. Und wenn sie dann am Ende auch noch aus dem eigenen Dorf sind, bleibt das hängen.“ Es sei zu früh, um mit Schülern der fünften und sechsten Klassen über den Holocaust zu reden. Wenn man mit ihnen aber über Einschränkungen im Alltagsleben der Juden spreche, die irgendwann nicht mehr ins Kino durften, dann sei das auch für die Jüngeren sehr eindrücklich.
Denkmal auf LGS-Gelände
Das Aufarbeiten von Archivmaterial gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Gedenkstätte. Dafür werden gerne Praktikanten eingesetzt. Das sei aber kein Abdrücken lästiger Arbeit, sagt Wiese. Wer hier ein Praktikum mache, interessiere sich in der Regel für die Thematik und mache das gerne. So hätten Praktikanten ganz begeistert drei Ordner durchgearbeitet, die die ganze Korrespondenz einer örtlichen Firma zu ihren Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg umfassten. Der Inhalt habe von simplen Krankmeldungen bis zu Schreiben der Gestapo gereicht.
Zwangsarbeiter stehen auch im Zentrum eines der wichtigsten aktuellen Projekte des Vereins. So soll auf dem Gelände der Neustadter Landesgartenschau (LGS) ein Denkmal aufgestellt werden, das an die Zwangsarbeiter erinnert. Denn auf der Haidmühle, die Teil des LGS-Areals ist, war einst ein Lager für Arbeitskräfte wider Willen. Die Planungen für das Denkmal, das nicht nur im LGS-Jahr 2028 stehen soll, sondern dauerhaft, seien fortgeschritten, sagt Werner. Es gebe auch schon einen Entwurf. Das Thema Zwangsarbeit müsse man differenziert angehen, sagt Werner. Denn so mancher Unternehmer habe die Arbeit gut behandelt, mitunter seien Kontakte entstanden, die nach dem Krieg Bestand hatten. „Andere haben ihre Leute aber schweinisch behandelt.
Zu den weiteren Zielen der Gedenkstätte gehört, eine gerade begonnene Schriftenreihe fortzusetzen. Der erste Band mit dem Titel „Das Schicksal der Juden in Neustadt“ wurde beim Neujahrsempfang Anfang Februar vorgestellt und wird derzeit schon nachgedruckt, weil die Nachfrage größer war als gedacht. Werner sagt, es gebe schon Themenideen für die Fortsetzung der Reihe. Und dann würde Werner noch gerne den Bekanntheitsgrad des Newsletters der Gedenkstätte steigern, der sich über die Website abonnieren lässt. Damit der Aufwärtstrend bei der Besucherresonanz nicht nachlässt.