Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Fluglärm über Lachen-Speyerdorf? Was Menschen vor Ort dazu sagen

In direkter Nachbarschaft: Pilot Marc Schick hat den Flugplatz und den direkt angrenzenden Ort 2021 von seinem Flieger aus fotog
In direkter Nachbarschaft: Pilot Marc Schick hat den Flugplatz und den direkt angrenzenden Ort 2021 von seinem Flieger aus fotografiert.

Röhrende Motoren sind für die einen Musik, für die anderen Krach. Gibt es Lärmbelästigung auf dem Flugplatz in Lachen-Speyerdorf? Welche Rolle spielt ein Wachtelkönig?

Der Pilot sieht vermutlich genau, welches Stück Kuchen Kurt-Rolf Behrens gerade auf seinem Teller auf der Terrasse seines Hauses hat – so tief überquert er nach dem Start die Häuser in Lachen-Speyerdorf. Er und seine Frau wohnen „maximal 400 Meter Luftlinie“ vom Flugplatz Lilienthal entfernt, schätzt Behrens. Starten die Flugzeuge wie an diesem Tag in Richtung Westen, überqueren sie unter anderem Terrasse und Garten der Behrens. Er habe mal vor Jahren mit einem speziellen Gerät gemessen, „da waren die Flieger nicht mehr als 15, 20 Meter über den Hausdächern“, erzählt der 82-Jährige. Die Flugbewegungen seien hauptsächlich freitags, samstags und sonntags, weiß der Lachen-Speyerdorfer aus Erfahrung. Aus Kaiserslautern komme eine zweimotorige Maschine, die so laut sei, „da täte man am liebsten im Boden versinken“. Garten, Haus, Garage – alles haben die Behrens selbst gemacht. „Wir sitzen gerne hier, um unsere Ruhe zu haben“, betont der 82-Jährige. Doch ist dem Paar die Ruhe nicht immer gegönnt.

Was ist das Problem für manche Lachen-Speyerdorfer?
1973 sind die Behrens in ihr Haus gezogen. Zuvor hätten sie die Flugbewegungen „zigmal beobachtet“. „Damals gab es vielleicht vier bis sechs Starts mit Schleppflugzeugen“, erinnert sich Kurt-Rolf Behrens. Die große Masse sei seinerzeit mit der Winde hochgezogen worden. „Das hat sich heute total verändert“, betont er. „Richtig schlimm ist das Ganze geworden, seit ein Club aus Kaiserslautern dazugekommen ist.“ Während im FSV Neustadt „heute eher ältere Piloten sind, hat es mit dem Kaiserslauterer Club eine Blutauffrischung gegeben“. Anfang August habe ein Pilot aus Kaiserslautern „zwischen 11.10 und 12 Uhr sowie zwischen 15 und 15.20 Uhr Kunststücke über dem Wohngebiet gemacht“. Der habe wohl eine Genehmigung dafür, vermutet der 82-Jährige, „aber nicht über dem Dorf“. Er habe wegen der Lärmbelästigung am Flughafen angerufen. Doch niemand sei ans Telefon gegangen, berichtet Behrens.

„Ja, ein historisches Flugzeug ohne moderne Schalldämpfung war im Sommer mehrfach über dem Ort unterwegs – deutlich lauter als üblich“, schreibt Fabienne Gerau-Frisch, Ortsvorsteherin in Lachen-Speyerdorf. „Ich habe direkt das Gespräch mit dem Flugsportverein gesucht. Der Vorstand hat die Rückmeldungen sehr ernst genommen und zugesichert, dass solche Flüge künftig vermieden werden.“ Bisher sei das auch zuverlässig eingehalten worden.

Reimar Möller, Vorsitzender des FSV Neustadt, weiß um den Lärm, den das historische Flugzeug, eine Messerschmitt 109, verursacht: „Sie ist im Vergleich zu unseren herkömmlichen Flugzeugen wie ein Formel-1-Auto – und das macht Krach.“ Möller betont aber, dass eine Messerschmitt 109 nur zirka sieben Starts und Landungen pro Jahr in Lachen-Speyerdorf absolviere. Dieses alte Flugzeug werde gehegt und gepflegt „und möglichst wenig geflogen, denn die Ersatzteilbeschaffung ist schwierig und teuer“.

Ein Motorflieger überquert Lachen-Speyerdorf.
Ein Motorflieger überquert Lachen-Speyerdorf.

Dass es auf dem Flugplatz im Neustadter Ortsteil – wie von Behrens behauptet – heute mehr Bewegung gebe als noch in den 1970er-Jahren, dem widerspricht Möller: „Der Segelflug macht ein bisschen mehr aus. Die Anzahl der Motorflüge ist deutlich geringer als in den 1970er-Jahren.“ Der Grund: „Weil wir seit 2011 für die Starts eine Winde haben.“ Seit 1990 gebe es lediglich mehr Bewegung unter der Woche. Möller nennt Zahlen: „Kaiserslautern und Neustadt haben 2025 bislang zusammen 1616 Starts mit der Winde und 643 Starts mit dem Motorflugzeug absolviert.“ 2018 seien es 1510 beziehungsweise 1489 Starts gewesen. Im Schnitt seien es pro Jahr 500 bis 800 Starts im Flugzeugschlepp sowie 1500 bis 2000 mit der Winde. „Im Sommer haben wir an einem ganz normalen Tag 20 bis 30 Starts im Flugzeug-Schlepp. Das ist dann vor allem morgens.“ Im Laufe des Tages werde es relativ ruhig.

Reimar Möller erklärt, warum vor allem sogenannte Überlandflieger mit dem Motorflugzeug hochgezogen werden statt mit der Winde: „Wenn einer lange Strecken fliegen will, ziehen wir ihn im Schleppflug zirka 1000 Meter hoch über den Pfälzerwald.“ Dort beginne die Thermik nämlich früher als über der Rheinebene. Mit der Winde seien maximal 500 Meter Höhe möglich. Diese Überlandflieger hätten zudem oft Wasser dabei, „damit sie schwerer sind“. Möller erklärt, dass diese Segelflieger „mit dem größeren Gewicht bei gleichem Sinken schneller vorwärts kommen“.

Warum nutzen Kaiserslauterer den Flugplatz Lilienthal?
Der 1925 gegründete Flugsportverein Kaiserslautern fliegt nach eigenen Angaben seit dieser Zeit auf einer Vielzahl von Flugplätzen. „Bedingt durch die amerikanische Präsenz und die dadurch verbundene eingeschränkte Nutzung des Luftraums in der Nähe von Kaiserslautern siedelte der Verein 1961 nach Lachen-Speyerdorf um“, informieren die Lauterer auf ihrer Internetseite. Zuvor seien sie in Göllheim und auf dem Quirnheimer Berg zwischen Grünstadt und Eisenberg gewesen. Zurzeit habe der Flugsportverein Kaiserslautern etwa 20 aktive Mitglieder, denen drei Segelflugzeuge, ein Motorsegler und zwei Ultraleichtflugzeuge zur Verfügung stünden. Der Motorsegler und die Ultraleichtflugzeuge „sind alle nicht laut“, hebt Möller hervor.

„Der Flugplatz wird von mehreren Vereinen genutzt, vor allem vom FSV Neustadt mit einer sehr engagierten Jugendabteilung. Auch Modellflugvereine und internationale Gäste kommen regelmäßig zu Wettbewerben oder Treffen nach Lachen-Speyerdorf“, betont Gerau-Frisch. „Das ist etwas, worauf wir stolz sein können – es zeigt, dass unser Ort über die Region hinaus bekannt und geschätzt ist.“ Möller ergänzt, dass so manche Piloten, die zu einer Meisterschaft in Lachen-Speyerdorf angetreten seien, später wieder herkämen, unter anderem, um Wein zu kaufen.

Inzwischen brummt der nächste Flieger über die Hausdächer hinweg. „Der ist ziemlich hoch“, stellt Behrens fest und winkt ab. „Aber wenn die schleppen, geht das im Fünf-Minuten-Takt, wenn man Pech hat, im Drei-Minuten-Takt“, spricht er das Hochziehen von Segelflugzeugen mit Motorflugzeugen an. „Hier waren schon Trainingslager für die Schweizer Nationalmannschaft und Jugendlager.“ Wenn man in einem Wettbewerb zum Beispiel 80 Flieger in einer Stunde in die Luft bringen wolle, sagt Reimar Möller, „haben wir sogar einen Takt von unter zwei Minuten“. Doch nur eine Stunde bis maximal eineinhalb Stunden ziehe man die Segelflieger hoch. „Dann ist Ruhe.“

Reimar Möller weist darauf hin, dass der Flugplatz Lilienthal an Wochenenden und Feiertagen öffentlich zugänglich sei wie eine Autobahn. „Jeder, der hier landen will, kann hier landen“, erklärt der FSV-Vorsitzende, dessen Verein einen Weg gefunden hat, trotz der fremden Piloten und Maschinen für Ruhe zu sorgen: „Je leiser die Maschine ist, desto weniger Landegebühr ist fällig.“ Je lauter und schwerer eine Maschine sei, desto teurer werde es. Möller weiß zudem aus der Bewegungsstatistik, dass 2025 nur vier Starts und Landungen von zweimotorigen Maschinen erfolgt seien. Der Kaiserslauterer Club besitze kein zweimotoriges Flugzeug.

Was sagen die Nachbarn in Lachen-Speyerdorf?
Behrens sagt, es gebe andere Nachbarn, die der Fluglärm ebenfalls störe, „aber die Masse sagt nichts“. Vor zirka zehn Jahren habe er Unterschriften gegen den Lärm gesammelt, habe aber nur acht erhalten. Dem Landesbetrieb Mobilität (LBM) Rheinland-Pfalz sind nach eigenen Angaben seit 2023 keine Beschwerden zum Fluglärm in Lachen-Speyerdorf bekannt.

Inzwischen quert das nächste Motorflugzeug den Garten der Behrens. Eine Unterhaltung ist nun tatsächlich nicht mehr möglich, zu groß ist der Lärm. Kurt-Rolf Behrens erzählt anschließend, dass er vor etwa zehn Jahren die Ziegel auf seinem Hausdach verschraubt habe. „Vorher haben die laut gerappelt, wenn die Flieger da drüber weg sind.“ Er habe die Flugsportler früher ein paar Mal gebeten herzukommen und sich das anzuhören. Behrens: „Die können von Glück sagen, dass hier noch kein Unfall passiert ist.“

Fabienne Gerau-Frisch verweist darauf, dass immer wieder Fragen zum Thema Fluglärm aufkämen. „Nach vielen Gesprächen mit Bürgern kann ich sagen: Die Mehrheit fühlt sich vom Flugbetrieb nicht gestört. Im Gegenteil: Viele waren überrascht und fragten erst einmal, welcher Lärm gemeint sei.“ Einige hätten angegeben, dass sie den Flugbetrieb an sonnigen Tagen sogar genössen – für sie gehöre das einfach zum Ort dazu. „Natürlich hat jeder eine eigene Wahrnehmung, was laut oder störend ist. Häufig wird stattdessen der Verkehr in der Flug- und Goethestraße als viel belastender empfunden“, sagt die Ortsvorsteherin.

Lässt sich der Start weiter nach Osten verlegen?
Rolf Behrens fragt sich, warum die Flugsportler auf der 1000 Meter langen Start- und Landebahn, auch Piste genannt, den Start nicht „um 200, 300 Meter weiter nach Osten verlegen“. Dann hätten sie mehr Höhe, wenn sie Lachen-Speyerdorf überflögen. Reimar Möller beantwortet die Frage: Der Flugplatz sei so dimensioniert, dass Flugzeuge sicher starten, aber auch landen könnten. Ein Trichter um die Piste herum müsse komplett hindernisfrei bleiben. „Wenn wir die Start- und Landebahn weiter nach Osten verlegen, ist dort der Wald.“ Bäume seien beim Landen Hindernisse.

Wenn die Flugzeuge in Richtung Dorf, also nach Westen starteten, „nehmen wir alles an Weg mit, damit wir möglichst hoch über dem Dorf sind“, informiert der Vorsitzende. Ob sie auch bei Westwind nach Osten, also mit Rückenwind, starten könnten, erführen die Flugsportler vorher aus einer Start-Lande-Strecken-Berechnung. Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Temperatur, Windstärke und das Gewicht des Flugzeugs spielten dabei eine Rolle. Möller: „Bei niedrigen Temperaturen fliegt ein Flugzeug früher, und der Motor hat mehr Leistung.“ Im Sommer seien demnach die Voraussetzungen schlechter für den Flugsport. Möller: „Segelflug ist aber ein Sommersport. Wir brauchen Temperaturunterschiede, damit Thermik entsteht.“

Gibt es zeitliche Einschränkungen für Starts?
Der Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz in Koblenz informiert, dass es für große Flugplätze die Landeplatz-Lärmschutz-Verordnung gebe. Damit habe der Gesetzgeber ab einer bestimmten Zahl von Flugbewegungen – 15.000 pro Jahr – zeitliche Einschränkungen verordnet. „Diese Zahl wird bei dem Flugplatz in Lachen-Speyerdorf bei Weitem nicht erreicht.“ Jedoch werde hier zum Lärmschutz der Anwohner eine interne Regelung befolgt: Piloten starteten in der Regel in Richtung Osten – auch bei leichtem Rückenwind – und landeten von Osten kommend. „Damit wird der Überflug der unmittelbar westlich gelegenen Ortschaft Lachen-Speyerdorf soweit wie möglich vermieden“, so der LBM. Diese interne Regelung sei natürlich windabhängig, so dass bei stärkeren Westwinden oder schwächer motorisierten Luftfahrzeugen ebenfalls Starts in Richtung Westen durchgeführt würden.

Wie groß darf der Lärm sein, den ein Motorsportflugzeug verursacht? Gibt es dazu Bestimmungen?
Es gebe deutsche und europäische Vorschriften, basierend auf „ICAO Annex 16“ mit Grenzwerten für die Zulassung eines Luftfahrzeugs, sagt der LBM. Diese müssten bei der Zulassung erfüllt sein. Bei Veränderungen wie Wechsel des Motortyps, Propeller oder Auspuff werde eine neue Berechnung/Vermessung durchgeführt. Zuständig für die Zulassung von deutschen Luftfahrzeugen sei das Luftfahrt-Bundesamt (LBA).

Sind Abstände zwischen Flugplätzen und Orten vorgeschrieben?
Der LBM erklärt, dass Flugplätze nach den entsprechenden deutschen Gesetzen, im Wesentlichen Luftverkehrsgesetz und Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung, genehmigt und betrieben werden. „Darüber hinaus gelten die ,Gemeinsamen Grundsätze des Bundes und der Länder für die Anlage und den Betrieb von Flugplätzen für Flugzeuge im Sichtflugbetrieb’, kurz NFL I 92/13.“ Diese Grundsätze basierten auf den internationalen Vorgaben der ICAO, hier Annex 14 für Flugplätze. „Konkrete Abstände zu Ortschaften werden dort nicht genannt. Jedoch gibt es entsprechende Regelungen zu Hindernissen jeder Art, also auch Wohnbebauung“, informiert der Landesbetrieb Mobilität. Daneben werde die Wohnbebauung innerhalb der Abwägung als Teil des Genehmigungsverfahrens für den Flugplatz berücksichtigt.

Was passiert noch auf dem Flugplatz?
Kurt-Rolf Behrens indes hilft dies nichts. „Wenn ich das geahnt hätte, hätten wir nie das Grundstück hier in Lachen-Speyerdorf gekauft“, stellt er resignierend fest. „Wichtig ist, eine Balance zu finden“, sagt Gerau-Frisch vermittelnd. „Der Flugplatz ist ein Stück Lachen-Speyerdorf mit Geschichte und Bedeutung. Ich bin davon überzeugt: Mit gegenseitiger Rücksichtnahme und offener Kommunikation können wir uns in Lachen-Speyerdorf alle wohl fühlen.“ Der Flugplatz gehöre seit vielen Jahrzehnten fest zu Lachen-Speyerdorf, ergänzt sie. „Nicht nur geografisch, sondern auch als Teil unserer Geschichte und Dorfgemeinschaft.“ Schon in den 1920er-Jahren sei dort geflogen worden, „und bis heute ist der Platz ein aktiver Treffpunkt für Vereine, für Familienfeste, Veranstaltungen und den Luftsport“. Zur 1250-Jahr-Feier des Ortes sei er zentraler Veranstaltungsort gewesen, „ebenso feiern wir dort jedes Jahr St. Martin“. Am 11. November, 17.30 Uhr, gibt es ab Sportpark Lilienthal und Zimmerplatz zwei Umzugsstrecken mit dem Ziel Flugplatz. Solche Dinge zeigten, betont Gerau-Frisch: „Der Platz ist weit mehr als nur Start- und Landebahn.“

„Wir tun hier nicht einfach nur, was wir wollen,“ sagt Reimar Möller. Wir wollen zur Nachbarschaft ein gutes Verhältnis haben.“ Brauche jemand im Dorf etwas, „sind wir die Letzten, die sagen, nee, geht nicht“.

Vom Aussterben bedroht: der Wachtelkönig.
Vom Aussterben bedroht: der Wachtelkönig.

Was viele vielleicht nicht wissen: Seit etwa 2015 ist das Flugsportgelände Naturschutzgebiet. „Wir haben hier viele seltene Tiere und Pflanzen“, sagt Möller. Im vergangenen Jahr hat es in der Nachbarschaft einen eher seltenen Bewohner gegeben, auf den die Flugsportler große Rücksicht genommen haben: Ein Wachtelkönig habe sich zum Brüten auf einem Stück des Flugplatzes niedergelassen, erzählt Möller schmunzelnd. Laut Naturschutzbund gilt der Vogel in Deutschland mittlerweile als vom Aussterben bedroht. Möller: „Wir haben einen Teil des Platzes abgesperrt, haben dort nicht mehr gemäht.“

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