Maikammer
„Filme formen ein Bild von Realität“: Rudolf Pölking im Interview
Im Gespräch mit Cosima Schade erklärt er, was die bewegten Bilder mit einem machen – individuell und auch im Hinblick auf ganze Gesellschaften. Und er spricht auch darüber, wie man als Eltern einer möglichen Mediensucht beim Nachwuchs entgegenwirkt.
Herr Pölking, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit dem Medium Film. Können Sie Filme dann noch zur Unterhaltung genießen?
[Lacht] Ich kann als Psychologe meine Fokussierung ein- und ausschalten, so kann ich sowohl in „Filme reingehen“, um diese zu genießen oder alternativ mit meinem Verstand rangehen, um sie zu analysieren.
Schauen Sie Filme anders?
Nein, aber manchmal denke ich mir, wie ich als Drehbuchautor den Film fortsetzen würde, anstatt einfach nur passiv den Film zu schauen. Das fördert die Kreativität.
Was ist denn Ihr persönlicher Lieblingsfilm?
Ich mag Fellini-Filme. Die meisten Menschen bleiben der Sache, die sie als Jugendliche erlebt haben, treu. Ich bin da nicht anders. Außerdem mag ich auch Filmstaffeln, wie zum Beispiel „Games of Thrones“. Aber ich schaue mir jeweils immer nur eine Episode an, denn ich möchte den Film genießen und nicht wie bei einem Wettessen eine Folge nach der anderen herunterschlingen.
Und was hat Sie dazu veranlasst, ein Buch darüber zu schreiben, warum wir Filme schauen?
Es gibt viele Fachbücher, die sich mit dem Medium Film befassen. Ich habe allerdings noch keines gefunden, das versucht alle Ebenen aufzulisten, warum wir Filme schauen. Aber nur wenn man diese kennt, kann man die Wirkung von Filmen erklären.
Welche Ebenen sind das?
An die 20. Eine ist die Identifikation mit dem Helden. „Helden“ stecken außerdem als „Archetypen“, als „Urbild der Seele“ in uns drin. Bei Filmen kann man zudem eine Art Katharsis erleben. Außerdem gibt es die These, dass es interessant und selbstbelohnend ist, andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie in den gleichen Alltagssituationen, die man selbst kennt, reagieren. Dadurch werden Rollenmodelle geschaffen. Zusätzlich spielen sich beim Betrachten von Filmen viele körperliche Reaktionen im Hintergrund ab.
Welche?
Es macht Spaß, sich bewegende Objekte zu verfolgen. Wir Menschen lebten lange als Jäger und Sammler. Bewegungen lösen deshalb einen Reiz in uns aus. Außerdem lieben wir Spannung: Wir halten dann die Luft an und atmen hinterher tief aus. Dieser Wechsel aus Spannung und Entspannung schafft Befriedung. Bei Horrorfilmen gibt es das Phänomen der „Angstlust“: Wir erleben Nervenkitzel und gleich danach Entspannung. Filme können außerdem stimmungsaufhellend wirken: Es gibt Szenen, in denen das Bindungshormon Oxytocin oder auch das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird.
Sie schreiben im Titel Ihres Buches auch, dass Filme uns verändern. Wie?
Filme können unbewusst unsere Einstellungen und Stimmungslage verändern. Es gibt ein Experiment aus dem Zweiten Weltkrieg: Man zeigte Soldaten der US-Armee propagandistische Kriegsfilme um eine positive Einstellung zum Kriegseinsatz zu erzeugen. Eine Befragung nach dem Film kam zum Ergebnis, dass die Einstellungen unverändert blieben. Die Zuschauer fühlten sich manipuliert. Einige Wochen später allerdings zeigte sich die beabsichtigte Wirkung.
Wie das?
Rationale Effekte klingen sehr schnell ab, emotionale dagegen bleiben. Das Bewusstsein der Soldaten hatte nach einiger Zeit keinen Fokus mehr auf den Manipulationsversuch. Die Emotionen, die der Film erzeugt hat, wirkten dagegen weiter.
Wie noch beeinflussen Filme?
Filme formen ein Bild von Realität. Studien zeigen, dass Menschen, die viele Gewaltfilme schauen, die Welt bedrohlicher wahrnehmen. Außerdem lernen Zuschauer am „Modell“: Schauspieler werden zu Rollenvorbildern. Ihr Verhalten wird vom Zuschauer unbewusst in der Realität nachgeahmt, besonders wenn er sich mit dem Helden im Film identifiziert oder wenn die Person sympathisch wirkt. Man nennt das Phänomen „parasoziale Interaktion“, man tritt mit einer nichtrealen Person, einer Medienfigur, in persönliche Beziehung.
So funktionieren auch Influencer!
Ja, zum einen gibt es das Phänomen der Identifikation, zum anderen das sogenannte „Priming“, was unbewusst abläuft. Ein Beispiel dafür ist „Produktplacement“. Das gab es bereits 1926: Früher trugen Männer Taschenuhren und Frauen Armbanduhren. Nach dem Film „Der Sohn des Scheichs“ mit Rudolph Valentino wurden Armbanduhren für Männer salonfähig.
Beeinflussen Filme auch ganze Gesellschaften?
Ja, Filme können die gesellschaftliche Ordnung stabilisieren, indem sie die Stimmung aufhellen. Die Nationalsozialisten produzierten zu diesem Zweck Unterhaltungsfilme. Außerdem gibt es die „Unterlassungswirkung“: Was mache ich alles nicht, während ich Filme schaue. Früher gab es im Freundes- und Bekanntenkreis mehr direkte Kontakte, heute schauen viele stattdessen Fernsehen oder beschäftigen sich mit den sozialen Medien.
Wie stehen Sie zu einem Verbot derselben für Jugendliche?
Mir kommt bei der Diskussion zu kurz, welche alternativen Angebote man Jugendlichen anbieten könnte, um die medienfreie Zeit zu nutzen. Ich denke da zum Beispiel an Sport. Schulen, Vereine und Stadtverwaltung können zum Beispiel kooperieren, damit alle Schüler nachmittags regelmäßig an Sport oder auch Kultur-AGs teilnehmen. Man kann nicht einfach etwas verbieten, ohne die Kinder an befriedigende Alternativen heranzuführen.
Ab welchem Alter sollten Kinder generell Medien nutzen?
Es ist wichtig, dass Eltern früh in Dialog mit den Kindern treten. Wenn das Kind erst mal 15 ist, hat man nicht mehr so viel Einfluss. Man sollte als Eltern immer „eine Nasenlänge voraus“ sein: Sobald das Kind Interesse an einem Tablet hat, weil die Nachbarkinder bereits eins haben, kommt man mit Verbieten nicht weiter, das Kind würde sich benachteiligt fühlen. Dann sollte man es besser bei der Mediennutzung begleiten. Man kann den technischen Fortschritt und die Entwicklung nicht aufhalten, sondern muss mit ihm reifen.
Zur Person
Rudolf Pölking wurde 1954 in Mönchengladbach geboren. Er studierte Psychologie mit Abschluss Diplom und wurde während seines Studiums in Bonn unter anderem durch den C. G. Jung-Schüler Alf Däumling geprägt. Er arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufsfeldern, als Streetworker, Therapeut in einer Beratungsstelle, Organisationsberater und mehr als 25 Jahre als Führungskraft in der Industrie, und bezeichnet sich selbst als Generalist. Seit 2019 ist er im Ruhestand und unter anderem als Coach und Buchautor tätig. 2020 etwa erschien von ihm „Hier stehe ich, doch kann ich anders. Wie Archetypen unser Handeln im Hier und Jetzt bestimmen“, 2025 „Warum wir Filme schauen - und wie sie uns verändern“ (Verlag Springer Berlin, Softcover, 121 Seiten, 27,99 Euro). Pölking ist zudem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sozialanalytische Forschung (DGSF). Er lebt seit über 20 Jahren in Maikammer.