Weisenheim am Berg
Ferenc Snétberger beim Gitarrenfestival
Für Kurator Martin Müller war es ein lange gehegter Wunsch, Ferenc Snétberger in die ehemalige Synagoge zu holen. Der aus Ungarn stammende Künstler gehöre zu den wenigen Gitarristen, die auf der mit Nylonsaiten bespannten Konzertgitarre ihre Musik spielen, erklärte Müller den Zuhörern. Und so spielte der Meister auch ganz pur und unverstärkt in der einmaligen Akustik des kleinen Raumes, in dem jeder Platz besetzt war.
„Ich weiß, was ich spielen will, aber es ist alles improvisiert“, sagte Snétberger, als er sich einen kleinen Zettel mit Stichworten auf die Seite legte. Über eine Stunde lang Musik aus dem Stegreif zu spielen, die sich nicht wiederholt und die unterschiedliche Stimmungen und Stile bietet, das ist schon etwas Besonderes. Und trotzdem klingt die Musik stellenweise so, als wäre sie komponiert – wie schafft er das?
Unterschiedliche Stimmung
Snétberger hat einige Strategien, die seine Musik für die Hörer nachvollziehbar machen. Improvisation ist ja in den seltensten Fällen etwas, das von einem beliebigen Ton zum nächsten geht, sondern der Reiz besteht gerade darin, musikalisch formulierte Ideen zu haben und sie so zu entwickeln, dass Hörer ihnen folgen können.
Snétbergers Stücke haben alle unterschiedliche Stimmung, Tempo, und Rhythmus. Eröffnet hat er mit einem „November Prelude“. Die Stimmung war etwas dunkler, was der Künstler mit Moll-Akkorden illustrierte, das Tempo ruhig, nachdenklich. Sein Ton ist generell schon recht weich, sein Anschlag der Saiten mehr von Fingerkuppe als von Nägeln geprägt. Er spielt Motive, die er einführt, um sie dann zu variieren. Beachtlich ist dabei die Stimmführung, die er von Bass und Melodie ausgehend immer weiter verwebt, bis ein harmonisch dichter Klang entsteht.
Schnelle Akkordschläge
Das nächste Stück war ein deutlicher Kontrast: Flott im Latin-Rhythmus und zumindest anfangs von einer wiederkehrenden Akkordfolge dominiert. Vom Bass-Akkord-Zupfen verlagerte er den Schwerpunkt zur Melodie, setzte weniger Akkorde rhythmisch dazu, die Intensität steigerte er dann durch schnelle Akkordschläge, die in einen prasselnden Rasgueado, einen typischen Flamenco-Anschlag mündeten.
Auch die tonale Stimmung der Gitarre veränderte Snétberger. Er stimmte die tiefste Saite einen Ton herunter nach D und begann über diesem Grundton ein Motiv, das an eine indische Tonleiter erinnerte. Auch die Glissandi, das „Rutschen“ von Tönen über das Griffbrett, ließen an eine indische Sitar denken. Später in dem Stück gab es ein ganz klassisches Tremolo auf den hohen Saiten, typisch für spanische Konzertgitarrenstücke, während auf den Basssaiten eine Gegenstimme erklang. Das alles zeigt, dass Snétberger über einen enormen Reichtum an Spielweisen verfügt und deshalb so viele unterschiedliche Klänge, Stimmungen und Ausdrucksformen finden kann. Das Publikum war gefesselt und sehr beeindruckt, wie der Applaus zeigte.
Musikalisches Drei-Gänge-Menü
Émilie Fend hatte bereits am Mittag gespielt. Wie Martin Müller berichtete, habe sie ihre Spielkunst, die schon bei einem früheren Auftritt eindrucksvoll war, noch weiter gesteigert. Sie kündigte ihr Programm als Menü mit mehreren Gängen an. Das reichte vom barocken Meister David Kellner über opulente italienische Klänge von Giulio Recondi. Als Hauptgericht präsentierte sie die Sonata Nr. 3 von Manuel Maria Ponce. Der hat das Werk für den Pionier und Großmeister der klassischen Gitarre, Andrés Segovia komponiert. Die Vielfalt an Dynamik, Klangfarben und Spielweisen brachte die französische Gitarristin wunderbar zur Geltung. Das Publikum war hoch begeistert und es gab noch zweimal Nachschlag.