Neustadt Für Wahrheit und Gerechtigkeit

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Neustadt. Oliver Steinke liebt die Rebellen. Die Freiheitskämpfer, die allzu oft vergeblich gegen Unterdrückung jeder Art auf die Barrikaden gehen, die für Gerechtigkeit eintreten, Solidarität und Liebe. In bislang sechs historischen Romanen hat der Neustadter diesem Typus durch die Epochen schon nachgespürt. Jetzt, in seinem siebten Buch, nimmt er sich einer der schillerndsten (und am meisten verleumdeten) Gestalten der Geistesgeschichte an, jenes Simon aus Samaria, der der christlichen Kirche als erster Ketzer gilt.

„Simon Magus – Hüter des Feuers“ heißt das Buch, und der Untertitel „Das Evangelium Johannes des Täufers“ setzt noch eine kleine Provokation in Richtung Amtskirche oben drauf. „Was werden sie hierzu sagen, die bitterernsten Priester mit den goldbestickten Gewändern?“, fragt der Autor, der RHEINPFALZ-Lesern vielleicht auch als Mitarbeiter der Neustadter Lokalredaktion bekannt ist, denn auch gleich im Vorwort. Doch auch wenn die Geschichte in vielem wie ein Generalangriff auf die Grundlagen des Christentums anmutet und auf den ersten Blick auch nicht frei von Esoterik zu sein scheint, handelt es sich doch im Grunde um einen soliden und spannenden Historienroman, der tief eintaucht in jene gärende Epoche zu Beginn des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, als in Palästina wie in der ganzen antiken Welt die verschiedensten Glaubensvorstellungen miteinerander konkurrierten und sich der Verdruss über die hochexpansive Großmacht Rom immer wieder in lokalen Aufständen und Verschwörungen Bahn brach. Der Titelheld Simon wird um die Zeitenwende im ländlichen Samaria mitten hinein geboren in diese geistig und politisch hochexplosive Lage. Steinke lässt ihn in seinem Roman als Ich-Erzähler im Jahr 44 n. Chr. in Britannien auf sein Leben zurückblicken: auf die Kindheit in Samaria, auf die Erziehung im Tempel auf dem Garizim, dem heiligen Berg der Samariter, auf die Flucht nach Ägypten, in die kosmopolitische Weltstadt Alexandria als wieder einmal Gefahr von den Römern droht, und schließlich – nach der Rückkehr aus dem Exil – auf jene Geschehnisse um den Wüstenprediger Yahiya, der einem politischen Komplott zum Opfer fällt und den wir heute unter dem Namen Johannes der Täufer kennen. Hier begegnet er auch jenem Jeschua wieder, der als Jesus von Nazareth zum Schöpfer einer der wichtigsten Weltreligionen der Geschichte werden sollte – eher zufällig, als Ergebnis eines großen Missverständnisses allerdings, wenn man Simons Bericht glauben mag. Steinke entfaltet diese komplexe Geschichte auf sehr geschickte Weise: Sein Held ist ein Zerrissener, der wie so viele in dieser Zeit auf der Suche nach Gott ist, zugleich aber auch ein Protagonist des jüdischen Freiheitskampfes gegen die Römer. Natürlich gibt es dabei viele Verbindungen zu den Evangelien, doch stellt sich bei Simon vieles ganz anders dar, als man es dort lesen kann – Jesus zum Beispiel überlebt in Wahrheit die Kreuzigung und zieht sich mit seiner Ehefrau Maria Magdalena, einer ehemaligen Astarte-Priesterin, nach Indien zurück, sein Zwillingsbruder Judas ist kein Verräter, sondern ein strategisch denkender Tatmensch, und Petrus, der hier Kephas heißt, ein engherziger Fanatiker und Verleumder, der Simon um sein enges Vertrauensverhältnis zu Jesus beneidet. Das alles ist für gläubige Christen natürlich starker Tobak, aber wer bereit ist, sich auf das Gedankenspiel zumindest einmal versuchsweise einzulassen, wird erkennen, dass die Geschichte handwerklich gut gestrickt ist. „Es ist für mich immer wieder ein Ansporn, wenig bekannte Aspekte der Geschichte auszugraben“, sagt Steinke zu seinem Ansatz, und das ist ihm auch hier wieder gelungen, auch wenn einem viele Details aus Büchern wie „Die Jesus-Dynastie“ oder „Die letzte Versuchung Christi“ vertraut erscheinen. Allerdings ist „Simon Magus“, wie ja der Titel schon andeutet, kein Jesus-Roman, sondern das Psychogramm eines Jesus-Zeitgenossen, der für Wahrheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmtheit eintritt und damit zwischen allen Stühlen landet. Dass einem die Schilderung Roms und seiner Gesellschaft, die Simon später ebenfalls hautnah kennenlernt, fast ein wenig wie das Abbild unserer eigenen, in vielem so verrückten Zeit vorkommt, ist dabei sicher kein Zufall. Seine Suche „nach einem Land, wo Menschen frei von Gier, Hass und Angst leben“ ist hier auf jeden Fall noch nicht zu Ende. Insgesamt zehn Jahre hat Steinke an dem Roman gearbeitet – das merkt man an der großen Sorgfalt, mit der er die politische und geistige Gesamtsituation schildert. Aber auch die einzelnen Örtlichkeiten, darunter auch eine kleine römische Provinzstadt in Germanien, die wir heute unter dem Namen Speyer kennen, sind gut einfangen. Und auch eine (tragische) Liebesgeschichte gibt es. Über Helena, die er als Tempelprostituierte in Tyros kennenlernt und heiratet, bevor die Römer sie ermorden, gerät auch die so oft unterschlagene weibliche Spiritualität in den Fokus, auch wenn dieser Teil vielleicht nicht der stärkste des Buches ist. Letztlich ist Simon, auch wenn er nie als Krieger hervortritt, vor allem ein Kämpfer gegen die Unterdrückung Roms. So ist es fast logisch, dass er zum Schluss als Medicus nach Britannien kommt und sich dort dem Widerstand der Briten gegen die Besatzungsmacht anschließt. Oliver Steinke, 1969 in Kaufbeuren geboren, lebt seit 2009 in Neustadt und arbeitet hauptberuflich als mobiler Pflegehelfer. Seit erster Roman „Die Flamme der Liebe und des Aufstands“, der während der Russischen Revolution spielt, erschien 2003. Anknüpfungspunkte seiner weiteren Romane waren der Bauernaufstand des Wat Tyler im spätmittelalterlichen England („Der Verrat von Mile End“, 2003), das multikulturelle maurische Spanien („Das Auge des Meerkönigs“, 2004), die Franco-Zeit in Barcelona („Füchse der Ramblas“, 2005), die Piraten der Karibik im 17. Jahrhundert („Kaperfahrt nach Palmares“, 2011) und die englische Eroberung Irlands im 12. Jahrhundert („Wölfe im Ginster“, 2013). Derzeit arbeitet der Autor an der Fortsetzung von „Kaperfahrt nach Palmares“. Lesezeichen Oliver Steinke: Simon Magus – Hüter des Feuers. Das Evangelium Johannes des Täufers. Books on Demand, 448 Seiten, 13,99 Euro. Das Buch ist in jeder Buchhandlung zu bestellen, Ansichtsexemplare gibt es in der Neustadter Bücherstube. |Foto: lm