Neustadt
Förster zu zukunftsfähigem Wald: „Wir müssen in Generationen denken“
Wie geht es den Neustadter Wäldern?
Pauschal sei das kaum zu beantworten, weil die Verhältnisse in Neustadt je nach Standort sehr unterschiedlich seien, erklärt Jens Bramenkamp, Förster des Reviers Hohe Loog. „Auf dem Weinbiet stehen wir vor anderen Herausforderungen als im Ordenswald. Der ist unser großes Sorgenkind“, sagt Jens Bramenkamp. Dort sei es nicht nur wärmer als im Pfälzerwald, auch die Wasserversorgung in den sandigen Böden sei schlechter.
Die zunehmende Trockenheit mache alle Baumarten anfälliger für Krankheiten oder Parasitenbefall. Beides könne sich in Reinbeständen leichter ausbreiten. Dadurch habe es gerade Flachwurzler wie die Kiefer „relativ schlimm erwischt“. 60 Prozent der 4830 Hektar Stadtwald sind Kiefern. „Wenig resiliente Fichten gibt es bei uns nicht in großer Menge, weshalb wir noch keinen flächendeckenden Ausfall sehen. Das wird aber nicht ewig so bleiben.“ Die über 5000 Hektar Wald in Privathand dazugerechnet, besteht die Neustadter Waldfläche aus zwei Dritteln Nadel- und einem Drittel Laubbäume. „Wir wollen möglichst zu einer 50-50-Verteilung kommen, weil Mischwälder klimaresilienter sind.“
Wir sprechen weiter über Trockenheit, obwohl es in diesem Jahr gefühlt die ganze Zeit geregnet hat. Hat das feuchte 2024 die Lage nicht wieder entspannt?
Nein, sagt Bramenkamp. „Seit 2018 hatten wir durchweg Hitze und monatelange Trockenheit. Nur wegen eines feuchteren Jahres legen die Bäume keinen Schalter um.“ Zudem gebe es weitere Faktoren wie Extremwetter mit Sturmschäden oder invasive Arten wie den Japankäfer oder den asiatische Laubholzbockkäfer, die etwa über Verpackungen eingeschleppt werden und hier ohne Gegenspieler wüten können. „Wir wissen nicht, welche Baumart als nächstes von Ausfällen betroffen ist, und müssen für alles gewappnet sein.“
Was bedeutet der Klimawandel für Zuwachs und Forstwirtschaft?
Die Trockenheit hemme das Wachstum und die Fruchtbildung der Bäume. „Was nicht überlebenswichtig ist, wird als erstes zurückgestellt“, erläutert Bramenkamp. In den mineral- und nährstoffarmen Buntsandsteinböden in Neustadt liege der Zuwachs bei unter fünf Festmetern pro Jahr. Es dürfen nach Vorgaben bis zu 20.000 Festmeter pro Jahr geschlagen werden, tatsächlich seien es zehn bis zwölf.
„Trotzdem dürfen wir die Forstwirtschaft nicht einstellen, sondern müssen sie mit dem Klimaschutz in Einklang bringen“, betont Bramenkamp. Große Waldstücke seien nach dem Zweiten Weltkrieg mit Nadelhölzern in Reinbeständen bepflanzt, Entwässerungskanäle gebaut worden, weil gerade die Fichte forstwirtschaftlich lohnend ist. Bis in die 1990er-Jahre habe man regelmäßig ein, zwei Hektar gefällt und wieder aufgeforstet, bis heute sei die hiesige verarbeitende Industrie auf Nadelhölzer ausgelegt. „Wir müssen die Fehler der Vergangenheit aktiv zurückbauen.“
Wie funktioniert der Waldumbau?
Punktuell werden (Nadel-)Bäume gefällt. In diesen Lichtinseln wird die verjüngte, nächste Generation von Bäumen gepflanzt, vorwiegend Laubbaumarten. „Gibt es bei einer Art Ausfälle, fangen wir nicht wieder bei Null an.“ Bei der Wahl der Baumarten schaue man in Regionen, die vergleichbar sind, etwa in die Höhenlagen Griechenlands. Von der Erfahrung könne man profitieren oder Anbauversuche mit ergänzenden Baumarten machen. Neupflanzungen finden laut Bramenkamp in Neustadt mittlerweile nicht mehr im Frühjahr, sondern zwischen Oktober und Dezember statt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sonst oft schon zu heiß oder sonnig für die jungen Pflanzen ist und sie eingehen. Im Winter ist es dagegen nur noch selten frostig.“ Mischwälder könnten sich folgend allein verjüngen. Junge und alte Bäume in Nachbarschaft schützen mit den unterschiedlichen Kronenhöhen den Boden bei Starkregen vor Erosion. Daneben wurden, um Wasser im Wald zu halten, zehn bis 20 Kubikmeter große Versickerungsmulden geschaffen.
Was sagt die Bundeswaldinventur über den Neustadter Wald aus?
Die aktuelle Bundeswaldinventur bezieht sich auf die Jahre 2012 bis 2022. Sie sei für den einzelnen Waldbesitzer nicht aussagekräftig, erklärt Bramenkamp. „Das ist als Trend für ganz Deutschland zu verstehen.“ Aus Erfahrungen und Entwicklungen in anderen Regionen könne man aber auch für Neustadt lernen. Die Inventur habe ebenso gezeigt, „was wir Forstleute schon richtig gemacht haben“, sagt Bramenkamp: Biodiversität, Mischwald- und Totholzanteil ¬– ein wichtiger Lebensraum für Vögel, Pflanzen und Pilze – seien erhöht worden. „Die Forschung muss uns Ergebnisse und Handlungsempfehlungen geben. Für die Umsetzung sind Kooperationen und Fördermittel unabdingbar.“
Wann stehen die Neustadter Gegebenheiten im Fokus?
Engmaschiger und spezifischer ist die sogenannte Forsteinrichtung, bei der ein forstwissenschaftliches Büro ganz genau auf die Neustadter Waldflächen schaut. Rückschau und Ist-Zustand werden erforscht und daraus ein Ausblick sowie Handlungsempfehlungen entwickelt. Die letzte Forsteinrichtung wurde 2010 durchgeführt, die zeitverzögert auftretenden Schäden durch den Klimawandel waren da noch kaum Thema. Im Dezember soll die nächste Erhebung starten, die bis Oktober 2025 dauern wird. Über die Ergebnisse wird abschließend auch der Stadtrat sprechen. „Wir müssen in Generationen denken, das ist eine Herausforderung“, unterstreicht Bramenkamp, „wir gehen mögliche Szenarien in Modellen durch – letztlich bleiben wir aber von der Witterung und dem Klima abhängig.“ In jedem Fall dauert ein Umbau des Waldes Jahrzehnte.
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