Lambrecht Einsturzgefahr: Kirchenglocken schweigen während Bauarbeiten

Mit dem Bau eines Westportals soll die Lambrecher ehemalige Klosterkirche einen barrierefreien Zugang erhalten.
Mit dem Bau eines Westportals soll die Lambrecher ehemalige Klosterkirche einen barrierefreien Zugang erhalten.

Gottesdienst ohne Glockengeläut: In der Lambrechter evangelischen Klosterkirche schweigen fünf von sechs Glocken fürs Erste – eine Vorsichtsmaßnahme. Denn wenn die Glocken in Schwingung geraten, kann das zu leichten Bewegungen des Glockenturms führen – der könnte dadurch einstürzen.

Im Turm der ehemaligen Klosterkirche in Lambrecht läutet derzeit nur die Stundenglocke. Die anderen fünf Glocken, die eigentlich zu Gottesdiensten, kirchlichen Festen und anderen Anlässen zu hören sind, sind abgestellt. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Der Grund: Während der Einbauarbeiten für ein Westportal hat man gemerkt, dass der Turm schon seit etwa zehn Jahren nicht mehr wirklich standfest ist.

Eine unschöne Überraschung habe es kurz nach Beginn der Bauarbeiten am Montag, 13. Mai, gegeben, so Harald Henrich, Vorsitzender des Presbyteriums der protestantischen Kirchengemeinde Lambrecht-Lindenberg. Es sei zwar bekannt gewesen, dass in der Westseite des Turms ein Lüftungsschacht ist, nicht jedoch, wie er verläuft. Laut Heinrich ist der Schacht in den 1970er Jahren für die Beheizung der Empore angelegt worden. 2012 habe die Klosterkirche eine neue Heizung bekommen. Den Lüftungsschacht brauchte es fortan nicht mehr. Aufgefüllt habe man den Schacht aber nicht, sondern so gelassen, wie er ist.

Nur für eine Tonne ausgelegt

Zu Beginn der Portalarbeiten seien auf der Innenseite der Turmmauer Verputz und Steine entfernt und so der Lüftungsschacht freigelegt worden. Dabei habe man festgestellt, dass dort sechs Stahlklammern verbaut sind. Diese sollen laut Bauexperten das Gewicht der Mauer und das Gewicht der Auflage des Kreuzgewölbes tragen. Nach Angaben eines Statikers hält eine Klammer das Gewicht von etwa einer Tonne aus. Das Problem: Die massive Steinmauer und die Auflage des Kreuzgewölbes sollen zusammen ein Gewicht von etwa 20 Tonnen haben. Deutlich zu viel.

„Der Statiker hat gesagt, wir haben Glück gehabt, dass bisher nichts passiert ist“, sagt der Kirchenvorsitzende. Wenn die Stahlklammern das Gewicht nicht mehr gehalten hätten und deshalb kaputt gegangen wären, wären womöglich Teile des Turms oder sogar der ganze Turm eingestürzt.

Bei der Öffnung der inneren Mauerseite sei eine Stahlklammer herausgefallen, erzählt Henrich. Die Folge: Fortan halten nur noch fünf Stahlklammern das Gewicht. Hinzu kommt die ohnehin geöffnete Mauer. Beides beeinträchtige die Standfestigkeit des Turms noch mehr. Die Kirchengemeinde reagierte: Die fünf Glocken sollen vorübergehend nicht geläutet werden.

Hilfe von katholischer Kirchengemeinde

Die Lambrechter Pfarrerin Sarah Schulze mahnt: Durch die Schwingungen, die beim Läuten von Glocken entstehen, kommt es zu leichten Bewegungen der Glockentürme. Ergo: Damit die Stahlklammern im Lüftungsschacht nicht endgültig überfordert werden, sollen die Glocken schweigen.

„Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme“, betonen Henrich und Schulze. Das Läuten der Stundenglocke sei kein Problem, denn da schlage lediglich ein Hammer auf die Glocke. Sollte das Läuten der anderen Glocken benötigt werden, helfe die katholische Kirchengemeinde aus, so Schulze. Laut der Pfarrerin läuteten die Glocken der katholischen Kirche bereits bei einer Beerdigung.

In der vergangenen Woche ruhten die Bauarbeiten für das Westportal. Die Architektin und der Statiker seien im Urlaub gewesen. Man habe entschieden, die Arbeiten so lange zu stoppen – es sei besser, Fachleute vor Ort zu haben, sollte es zu einem Problem kommen, hieß es vom Presbyterium.

Stahlkorsett liefert Stabilität

Seit dieser Woche wird nun weitergearbeitet. Laut Henrich wird nun immer eine Stahlklammer nach der anderen langsam herausgezogen und der Lüftungsschacht in diesem Bereich aufgefüllt. Durch den Schacht verlaufen mehrere Kabel, von denen ein Teil seit längerem nicht mehr benötigt wird – die sollen bei den Arbeiten herausgezogen werden, so Henrich. Sobald der Lüftungsschacht vollständig aufgefüllt ist, wird von außen der Platz für das Portal aus der Mauer geschnitten. Anschließend wird dann das aus Sichtbeton bestehende Portal eingebaut. Dieses Portal soll die Mauern stützen. Außerdem werde eine Spezialpaste in die Fugen der Turmmauer gespritzt. Sobald die aushärtet, habe man einen zusätzlichen Stützeffekt. Während des Einbaus soll die Mauer von außen und innen durch je ein Stahlkorsett gestützt werden.

Der Einbau des Westportals sollte nach Angaben von Harald Henrich Mitte August dieses Jahres beendet sein. Die Arbeiten werden nun länger dauern, wie lange kann er noch nicht sagen. Auch die Kosten von 150.000 Euro werden wohl steigen, um wie viel sei aber noch nicht klar. Henrich hofft, dass die Mehrkosten durch Spenden abgedeckt werden können. Die 150.000 Euro seien vollständig durch Spenden bezahlt worden. Unter anderem soll die in Lambrecht ansässige Hellenbrand Maschinenbau GmbH eine Großspende beigesteuert haben. „Den Lambrechtern ist die Klosterkirche sehr wichtig, wenn etwas ist, bekommen wir immer Spenden“, bekundet Henrich.

Das Westportal soll ein zusätzlicher Zugang zur Klosterkirche sein, neben den bereits existierenden Eingängen auf der Süd- und der Nordseite – die beide nicht barrierefrei sind. Das sollte sich mit dem Bau des Westportals ändern. Hintergrund ist die Idee, die Klosterkirche barrierefreier zu machen. Und das im Kontext der Lambrechter Stadtkernsanierung. Da aber weder die Stadt noch die Kirchengemeinde dafür Geld zur Verfügung haben, wurde die Spendenaktion gestartet.

Der Lüftungsschacht mit Stahlklammern im Turm der ehemaligen Klosterkirche.
Der Lüftungsschacht mit Stahlklammern im Turm der ehemaligen Klosterkirche.
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