Neustadt
Einfach Weltklasse: Festkonzert mit Uraufführung im Saalbau
Neue Musik, geht das in Neustadt? Mit stolz geschwellter Brust konnte man an diesem denkwürdigen Abend beobachten, wie das hiesige Publikum alles andere als provinziell auf die innovativen Klangexperimente des Gastes aus Spanien reagierte, sondern ihm, wie an den anschließenden lautstarken Beifallsbekundungen unschwer erkennbar, mit einer Aufgeschlossenheit und Begeisterung begegnete, die staunen machte – und auch den Komponisten sichtlich rührte. Erst vor ein paar Monaten habe er den Bariton Konstantin Krimmel zufällig im Radio gehört und sich ad hoc in seine Stimme verliebt, verriet Cruixent nach der umjubelten Aufführung. Umso mehr freute er sich, als das Mandelring Quartett im vergangenen Jahr mit der Bitte an ihn herantrat, zur Jubiläumsauflage des Hambacher Musikfestes eine speziell auf Krimmel abgestimmte Komposition beizusteuern. In mehreren Proben hat er die spektakuläre Uraufführung mit den vier Streichern von der Haardt und Krimmel in den vergangenen Tagen vorbereitet – und an diesem Abend das Werk zum ersten Mal in Gänze gehört, wie er tief bewegt im Pausengespräch erzählt.
Kurioser Einsatz von Handys
In „Metaverse One“ setzt sich der 1976 geborene Komponist kritisch mit der Digitalisierung der Gesellschaft und dem drohenden Verlust der realen Welt auseinander. Auf der Suche nach Reichtum und menschlicher Perfektion gelingt dem Protagonisten Konstantin Krimmel der Einlass ins Metaversum, um schließlich am Ende zu erkennen, dass allein die Liebe zählt. Kurios wirkt der Einsatz von Handys zu Beginn des Stücks. Dabei handelt es sich um die von Cruixent entwickelte Kompositionstechnik des sogenannten Cyber-Singing: Durch das Abspielen der vom Komponisten geschaffenen Audios, ausgeführt von den mit Handys ausgestatteten Mitgliedern des Mandelring Quartetts, entsteht „eine erweiterte Klangrealität mittels Technologie und Virtualität“, wie Cruixent erklärt. Das Einstudieren der Partitur erwies sich indes vor allem für Krimmel als äußerst schwierig. „Im Gegensatz zu mir verfügen die Mitglieder des Mandelring Quartetts über das absolute Gehör und es ist nicht immer einfach, die richtigen Töne zur richtigen Zeit beizusteuern“, erläutert Krimmel nach der Uraufführung, die er als gefeierter Held an der Seite des gleichermaßen umjubelten Komponisten und der vier Streicher von der Haardt kraft seiner intuitiven Musikalität zu einem Happy End führte. Riesenrespekt vor dieser faszinierenden Leistung, und Hut ab vor dem Mut des Mandelring Quartetts. Das war Weltklasse und eine Sternstunde der Neustadter Kultur.
Ein nacktes Cello-Solo und ein schlichtes Dreiklangmotiv markiert den Anfang des dreieinhalbstündigen Festkonzert-Marathons, klangschön vorgestellt von dem Cellisten Isang Enders und sanglich-weich beantwortet von der wunderbaren Klarinettistin Laura Ruiz Ferreres, bevor die Avantgarde den Adrenalinspiegel des Publikums in die Höhe treibt. Mit butterweichem Anschlag begleitet Pianist Henri Sigfridsson. Gemeinsam dokumentieren die drei kongenial aufspielenden Gastinterpreten die späte Liebe von Brahms zur Klarinette. Erst im Alter von 57 Jahren hat er das Instrument für sich entdeckt und danach gleich vier Kammermusiken mit der Klarinette als Hauptinstrument geschaffen.
Ein Tanz auf dem Pulverfass
Mit der starken Präsenz an Brahms-Literatur beim Festival würdigen die Veranstalter den 125. Todestag des Hanseaten, der im 19. Jahrhundert Neustadt und den Saalbau besuchte und mit der Liedertafel musizierte. Am Ende des offiziellen Programms des Festkonzerts steht sein Klavierquintett f-Moll op. 34, welches als wertvollster Beitrag zur Gattung gilt. Das Mandelring Quartett läuft zum Abschluss zur Höchstform auf, macht sich mit leidenschaftlicher Entschlossenheit ans Werk und hebt dabei völlig ab. Wow! Das ist ein Tanz auf den Pulverfass, den die vier Streicher vollführen: Dynamisch-perkussiv, fast jazzig das großartige Scherzo, gespenstisch das Finale mit seinen sphärisch gehauchten Streicherfiguren, wie in Marmor gemeiselte Unisoni, dazwischen wunderbar lyrische Momente des Innenhaltens und sich bis in Orchestrale steigernde Klangexplosionen, das alles mündend in ein rauschhaftes Presto, mit dem das Ausnahmeensemble einen fulminanten Schlussakzent setzt.
Danach lichten sich die Reihen. Wer über Sitzfleisch für das fast bis Mitternacht dauernde anschließende traditionelle Überraschungskonzert verfügte, sollte seinen Entschluss zu bleiben, nicht bereuen. Betörend zart eine Chopin-Nocturne mit Henri Sigfridsson, bevor sich Primarius Sebastian Schmidt mit einer nie gehörten Bearbeitung der Rachmaninoff’schen Paganini-Variationen von Fritz Kreisler eindrucksvoll zu Wort meldet und Klarinettistin Laura Ruiz Ferreres mit ihrer Disco-Toccata endgültig in den Bereich der U-Musik abdriftet. Bratscher Roland Glassl führt mit seiner halsbrecherisch-virtuosen Strich- und Zupfakrobatik auf drei G-Saiten sämtliche despektierliche Klischees über Bratscher ad absurdum. Jazzige Kostproben des Mandelring Quartetts aus ihrer Zugaben-CD „Pennies for heaven“ dürfen natürlich nicht fehlen, während Isang Enders am Cello zum Schwanengesang abhebt und sein Begleiter Daniel Heide dabei sein Showtalent als gewitzter Moderator unter Beweis stellt. Den Vogel schießt Konstantin Krimmel als Peter Alexander ab, die „Kleine Kneipe in unserer Straße“ animiert das Publikum zum lautstarken Mitsingen. Am Ende tobt der Saal. Was für ein Abend!