Neustadt
Ein Sachse in der Pfalz: „Mich kriegen keine zehn Pferde mehr hier weg“
Herr Kunerth, Sie kommen aus der ehemaligen DDR. Wie kann man sich Ihre Kindheit und Jugend vorstellen?
Ich wurde in Mittweida geboren, ganz in der Nähe von Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. Dort bin ich 18 Jahre lang behütet aufgewachsen. Meine Eltern waren Lehrer, was uns in der DDR gewisse Vorteile verschaffte. 1986 zog ich nach meinem Schulabschluss für ein Studium als Offizier der Volksmarine nach Stralsund. Mein Opa war Seemann, und das hat mich schon früh fasziniert. Alles lief nach Plan, bis 1989 die Wende kam.
Wie haben Sie die gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Fall der Berliner Mauer erlebt?
Für mich war das ein Schock. Mein gesamtes Weltbild wurde erschüttert. Wir waren in einem System groß geworden, in dem vieles nicht so war, wie es uns erzählt wurde. Plötzlich wurde klar, dass der Sozialismus, wie wir ihn kannten, wirtschaftlich keine Chance hatte. Es war eine Mischung aus Frustration, Enttäuschung und Orientierungslosigkeit. Aber ich war jung und wusste, dass es irgendwie weitergehen würde.
Und wie ging es dann für Sie weiter?
Anfang 1990 wurde ich ehrenhaft aus der Volksmarine entlassen. Danach zog ich zurück nach Sachsen, habe zunächst bei meinen Eltern gewohnt, ein bisschen Geld verdient und abgewartet, wie sich die Lage entwickelt. Letztlich wollte ich in Zwickau Sport und Staatsbürgerkunde auf Lehramt studieren, doch die Studiengänge wurden umgestellt. Mir wurden Sport und Englisch angeboten, aber nach 15 Jahren Russischunterricht konnte ich mit Englisch nicht glänzen. Dann kam es dazu, dass meine Tante im Westen, die im Norden von Rheinland-Pfalz wohnte, mir vorschlug, zu ihr zu kommen.
Wie war es für Sie, das erste Mal im Westen zu sein?
Das allererste Mal bin ich an Silvester 1989 mit dem Zug rüber nach Frankfurt am Main gefahren. Es war wie in einem Film. Die Hochhäuser, die Kaufhäuser – alles wirkte surreal. Der Unterschied im Lebensstandard war überwältigend. In der DDR waren Luxusgüter wie Fernseher oder Autos unglaublich teuer und schwer zu bekommen. Hier war alles plötzlich verfügbar. Als ich 1990 zu meiner Tante in den Westen zog, wurde schnell klar: Auch hier wird dir nichts geschenkt.
Wie meinen Sie das?
Man muss Verantwortung übernehmen. In der DDR wurde gesagt, was man zu tun und zu lassen hat. Diese Freiheit, aber auch die damit verbundene Verantwortung, waren für mich eine Herausforderung – und ein Lernprozess. Mein Startkapital über 3000 Ostmark wurde im Westen im Verhältnis 2:1 umgetauscht, meine erste größere Anschaffung war ein quietschgelber Opel Manta B für 1000 DM. In Koblenz habe ich dann Wirtschaftsinformatik, damals ein sehr innovatives Fach, studiert und mich danach in verschiedenen Firmen zur Führungskraft hochgearbeitet.
Wie kamen Sie dann vom Norden des Landes in die Pfalz?
Über den Umweg Köln: Im Jahr 2000 bin ich dort zum Karneval gefahren. An einem Abend im Haxenhaus in der Altstadt sah ich ein Clownsmädchen, das traurig schaute. Ich dachte, das kann an Karneval ja nicht sein, und sprach sie an. Sie hatte vergeblich versucht, sich eine Cola zu besorgen. Ich bin dann losgezogen und kam als der Retter mit Cola zurück. Wir tauschten E-Mail-Adressen und führten zwei Jahre lang eine Wochenendbeziehung. Zur Geburt unseres ersten Kindes habe ich die Arbeitsstelle gewechselt und bin nach Diedesfeld gezogen.
Wie war es für Sie, sich in der Pfalz einzuleben?
Ich war zuvor einmal im Holiday Park in Haßloch, mehr kannte ich von der Pfalz nicht. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal das Rebenmeer gesehen und nach einem Mittagessen auf einer Hütte den Ausblick auf Natur und Rheinebene genossen habe – Wahnsinn. Die Menschen haben mich von Anfang an mit Offenheit und Herzlichkeit begeistert. Pfälzer sind direkt, bodenständig und sehr lebensfroh, das hat mir gefallen. Saumagen klang im ersten Moment komisch, aber ich esse gerne gut und deftig. Natürlich gab es am Anfang ein paar Herausforderungen wie den Dialekt – mittlerweile rätsle ich gerne beim „Saach blooß“ in der RHEINPFALZ mit und erkläre Auswärtigen, was ein Dubbeglas ist. (lacht)
Was schätzen Sie besonders an der Pfalz?
Die Lebensart. Die Pfälzer wissen, wie man feiert, genießt und das Leben schätzt. Zum Beispiel während der vielen Weinfeste. Ich bin zwar eher Biertrinker, aber Roséschorle hat es mir angetan. Dazu kommt die Landschaft: Ich bin begeisterter Sportler und Indoorcycling-Trainer, war vierfacher Rheinlandmeister in der Leichtathletik und bin früher viel Mountainbike gefahren. Klausental, Hambacher Schloss, Hohe Loog, Kalmit – das war meine Standardstrecke. Hier hat man so viel Natur direkt vor der Haustür.
Vermissen Sie manchmal Ihre alte Heimat?
Nein, eigentlich nicht. Meine Eltern sind früh gestorben, und die Bindung an Sachsen ist mit der Zeit verblasst. Diedesfeld ist für mich zur Heimat geworden. Ich habe hier meine Familie, meine Freunde und meine berufliche Basis gefunden. Mich kriegen keine zehn Pferde mehr weg aus der Pfalz, mein Herz ist hier.
Was würden Sie anderen raten, die überlegen, in die Pfalz zu ziehen?
Seid authentisch! Die Pfälzer merken schnell, ob jemand ehrlich ist. Wer sich auf Menschen und Kultur einlässt, wird hier mit offenen Armen empfangen. In Diedesfeld selbst habe ich mich bewusst engagiert, um Teil der Gemeinschaft zu werden. Wer in Vereinen mit anpackt, lernt viele Menschen kennen. Heute fühle ich mich hier vollkommen zu Hause.
Zur Person
Gernot Kunerth ist 58 Jahre alt, verheiratet und lebt mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern in Diedesfeld. Der IT-Trainer in einem Softwareunternehmen ist nebenberuflich als DJ Kuno Pfalz auf Veranstaltungen unterwegs. Daneben baut Kunerth leidenschaftlich Modelleisenbahn und fährt Harley, seit 2021 mit den Riding Santas.
Die Serie
Sie stammen nicht von hier und haben doch in der Pfalz ein Stück Heimat gefunden. In unserer Serie „Wahlpfälzer“ erzählen Zugezogene, was sie in die Pfalz geführt hat und was sie hier hält.


