Neustadt
Ein Lied von Tod und Trauer: „Mandelring Quartett“ eröffnet seine Kammermusiksaison im Neustadter Saalbau mit Schostakowitsch und Beethoven
Ein Werk, das wie kein anderes vom Tod berichtet und zudem von einem Mann komponiert wurde, der auch selbst nicht mehr allzu lange zu leben hatte, prägte – passend zu Allerseelen – den Saisonstart der Kammermusikreihe des „Mandelring-Quartetts“ am Sonntag im Neustadter Saalbau: Dmitri Schostakowitschs letztes Streichquartett, zu dem sich unter dem Motto „Späte Werke“ dann auch noch Beethovens vorletztes gesellte.
„Ein 40 Minuten langer Gesang von Resignation, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit, Abschied“, so wird Schostakowitschs Streichquartett Nr. 15 in es-Moll op. 144 im Programmheft charakterisiert. Das klingt nicht gerade erbaulich, und das ist es musikalisch auch nicht. Alle Sätze bis hin zu einem Trauermarsch übergangslos im Adagio und zum Schluss noch ein Epilog im gleichen, getragenen Tempo. Alles ohne Hinweis, ob und wann die Resignation ein Ende haben wird. Ganz sicher: Dieses Konzert war kein gewöhnliches Wohlfühl-Programm. Das hatten Sebastian (Violine), Nanette (Violine) und Bernhardt Schmidt (Cello) und Andreas Willwohl (Viola) aber im Vorfeld auch angedeutet. Schostakowitschs letztes Streichquartett kann man nicht einfach mal so neben jede beliebig andere Komposition stellen.
Ein Riesenwerk und doch verfliegt die Zeit wie im Nu
Wie mag sich jemand aus dem Publikum gefühlt haben, der vielleicht gerade vom Friedhof kam, dort ein Gesteck für seine Verstorbenen niedergelegt hat und inniglich an sie denkt? Und der nun dieser mächtigen Komposition gegenübersteht? Man kann nur sagen: Das Neustadter Quartett hat da Unglaubliches geschafft. Dabei konnte man bemerken, wie sehr auch die Musiker selbst von diesem Werk in den Bann gezogen wurden. Trotzdem jedoch hielten sie professionelle Distanz, das heißt sie verschonten das Publikum mit übertriebenem Pathos, überzogener Mimik und zu dramatischer Ausgestaltung. Es gibt unglaublich viele Anklänge in dem Streichquartett, hier meint man, Passagen aus Prokofjews „Romeo und Julia“ zu hören, dort aus Strawinskys „Le sacre du printemps“. So einfallslos, wie viele zeitgenössische Kritiker das Streichquartett rezensierten, ist es lange nicht. Und all das wurde durch die Bögen der Musikerin und der Musiker des „Mandelring-Quartetts“ klar erzählt. Die Cello-Einsätze wirkten versöhnlich und unglaublich warm in der Trauer und Verzweiflung. Das bekamen selbst ein „Emerson Quartett“ oder ein „Borodin Quartett“ so nicht hin. Der erste Teil des Konzertes war so im Zeitempfinden derart plötzlich vorüber, dass ein Besucher bei der Wiederbeleuchtung des Saales überrascht aufstand und „Was, schon vorbei?“ fragte.
Jörg Sebastian Schmidt erklärt seinen Rückzug
Nach der Pause ging es mit Beethovens Streichquartett in cis-Moll op. 131 weiter. Was im Vergleich zu Schostakowitschs Werk auf den ersten Blick versöhnlicher wirkte – die Sätze und Formen sind stilistisch eher bekannt – ist jedoch schon allein durch die Wahl der Tonart cis-Moll ein Trug. In der Affektenlehre wird ihr eine besondere Melancholie und Schwermut zugesprochen. Auch Beethovens bekannte „Mondschein-Sonate“ steht in dieser Tonart.
Als Zugabe erklang dann die wohl bekannteste Humoreske aus Antonin Dvoráks op. 101, die Nr. 7 in Ges-Dur. Die Musiker haben sie vom Komponisten Matthias Eichhorn für Streichquartett bearbeiten lassen. Damit entließ das Quartett das Publikum in eine heitere und lebensbejahende Welt und gab zugleich auch einen Ausblick auf das nächste Konzert am 7. Dezember, das unter dem Titel „Tschechische Erzählungen“ steht. Einen kleinen Tropfen Wermut gab es aber doch noch: Jörg Sebastian Schmidt, der Vater von drei Mitgliedern des Quartetts und designierte Neustadter Kulturpreisträger des Jahres 2025 (wir berichteten hier), der bisher die Konzerteinführungen der Kammermusikreihe bestritt, wird sich nach 16 Jahren nun mit dieser Aufgabe zur Ruhe setzen.