Neustadt
Droht eine Versorgungslücke? Warum Hörakustiker stark gefragt sind
Der Bedarf an Hörgeräteakustikern steigt deutschlandweit schneller als die Zahl der Absolventen der einzigen Akademie für Hörakustik in Lübeck. Warum dieser Zukunftsberuf Nachwuchssorgen hat, erklärt Hörgeräteakustiker Alexander Sassenberg.
Alexander und Ines Sassenberg sind selbstständige Hörgeräteakustikmeister mit Niederlassungen in Neustadt und Haßloch. Sie beschäftigen vier weitere Meister ihres Fachs und werden auf der kommenden TalentFusion, einer Ausbildungsmesse im August in der Soku, präsent sein. Auch an Bewerbertrainings für Schüler, die von Schulen initiiert werden, nehmen sie teil. Sie sind auf der Suche nach Personal.
Nicht ins Studium drängen
Gute Ausbildungsmöglichkeiten sind dem Ehepaar wichtig. Noch wichtiger erscheint ihnen, dass nicht jeder Schüler – ob er will oder nicht – zu einem Studium gedrängt wird. Denn: „Es gibt Zukunftsberufe mit hohem Potenzial. Dazu gehört der Hörgeräteakustiker“, sagt Alexander Sassenberg.
Die Branche nehme einen stark wachsenden Markt wahr, weil die Menschen immer älter würden, lange aktiv am Leben teilnehmen wollten und zunehmend auch jüngere Menschen mit Hörproblemen zu kämpfen hätten. Die Boomer-Generation, in der noch einige Spezialisten für Hörakustik zu finden seien, werde demnächst aus dem Arbeitsleben ausscheiden. „Das wird eine allgemeine Versorgungslücke reißen“, sagt er.
Darüber hinaus stehen laut Sassenberg einem ausgebildeten Hörgeräteakustiker mehr Türen offen als allgemein bekannt. Die Expertise sei über die klassische Hörgeräteversorgung hinaus gefragt. „Moderne Hörsysteme sind Hightech-Produkte, volldigitale Mini-Computer, die mit Smartphones kommunizieren, sich über Bluetooth verbinden, KI-gestützt Sprache von Hintergrundgeräuschen trennen und sich automatisch an unterschiedliche Hörsituationen anpassen. Diese Technologien finden in verschiedenen Bereichen Anwendung – etwa in lärmintensiven Arbeitsumgebungen, bei der Optimierung von Besprechungsräumen oder in der Automobilindustrie“, führt Sassenberg aus.
Demenzrisiko steigt mit Hörverlust
Gefragt seien Absolventen zudem bei Krankenkassen ebenso wie in der Industrie. Dass sich so wenige junge Leute für diesen Beruf entscheiden, führt er auf mangelnde Kenntnisse über die Möglichkeiten und Berufsinhalte zurück. „Es ist ein sehr erfüllender Beruf, der einen positiven Einfluss auf das Leben eines Menschen haben kann“, sagt er.
All das könne sogar im Kleinen beginnen, so Ines Sassenberg, und nennt ein Beispiel: „Wenn sich eine Gruppe von Freundinnen trifft, die gerne auch mal durcheinander sprechen und anschließend noch auf Shoppingtour gehen wollen, dann klinkt sie vielleicht diejenige aus, die ein – eventuell unerkanntes – Hörproblem hat. Die hohe Konzentration, die sie braucht, um den Gesprächen zu folgen, ermüdet sie so sehr, dass sie sich verabschiedet.“
Sassenberg spricht von sozialer Teilhabe in Beruf, Freizeit, Familie und Verein durch verbessertes Hörvermögen – und vom Aufblühen eines Menschen statt depressiv-aggressiver Verhaltensveränderungen. Er weist zudem auf die Bedeutung für das Gehirn hin: „Mit einer unterversorgten Hörminderung steigt das Demenzrisiko um 50 Prozent.“
„Personal Trainer“ fürs Hören
Daneben sorgen Hörgeräteakustiker auch für Hörschutz, beispielsweise für Musiker, Jäger und in sehr lauten Arbeitsumgebungen. Er sehe sich als „Personal Trainer“ für gutes Hören und begleite Kunden über einen gewissen Zeitraum. „Es muss ein individueller Hörplan erstellt werden, der das tägliche Leben eines Menschen abbildet. Ob jemand gerne Musik hört, Naturgeräusche wichtig sind oder sich derjenige in einer mehr oder weniger intensiven Geräuschkulisse aufhält, muss berücksichtigt werden, um das passende Hörsystem zu finden und einzustellen.“
Der Beruf vereine Handwerk, Technik, kaufmännisches Wissen und eine soziale Komponente, zählt Ines Sassenberg auf. Gemeint sei damit vor allem der Kontakt zu den Menschen, die man teils über Jahre begleite und zu denen man eine Verbindung aufbaue. „Wir müssen uns ständig fortbilden, weil sich die Technik weiterentwickelt. Handwerkliches Geschick spielt weiterhin eine Rolle, und kaufmännisches Denken ist in der Selbstständigkeit unerlässlich“, sagt sie.
Für Quereinsteiger steht der Berufszweig als Hörberater offen, der den Hörgeräteakustikermeister unterstützt. Die duale Ausbildung dauert drei Jahre. „Der Hauptteil der Ausbildung erfolgt im Betrieb, die Berufsschulblöcke und die überbetrieblichen Ausbildungsteile finden an der Akademie für Hörakustik in Lübeck statt. Einmal pro Quartal ist man für einen Monat im Internat untergebracht und besucht dort den Unterricht“, berichtet Ines Sassenberg. „Durch die zentrale Berufsschule ergeben sich viele Kontakte – man hat später ein deutschlandweites Netzwerk an Kollegen und Freunden.“